Redelings Nachspielzeit

Kohfeldts wundersamer Niedergang Der bittere Absturz einer Trainerhoffnung

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Florian Kohfeldt. Hoffnungsträger in Nöten.

(Foto: imago images/Christian Schroedter)

Als Florian Kohfeldt vor viereinhalb Jahren bei Werder Bremen als Cheftrainer durchstartete, war schnell klar: Da ist einer, der das Potential hat, einmal ein ganz Großer zu werden. Doch irgendwas lief schief in den letzten Jahren.

"Es fehlt nur noch, dass man nach einer Niederlage erschossen wird!" Der Spruch stammt von Herbert Widmayer, dem ersten Trainer, der damals in der noch jungen Fußball-Bundesliga entlassen wurde. Der 1. FC Nürnberg hatte gerade im Oktober 1963 zu Hause mit 0:5 gegen den 1. FC Kaiserslautern verloren - aber ansonsten eigentlich eine immer noch recht ordentliche Bilanz vorzuweisen. Doch Widmayer, der mit dem Club nur zwei Jahre zuvor noch Deutscher Meister geworden war, musste sich den neuen Entwicklungen im Profifußball stellen. Jede weitere Niederlage verschärfte nun den Erfolgsdruck und machte die Verantwortlichen - auch aufgrund der neuen finanziellen Rahmenbedingungen - nervös.

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Widmayer selbst reagierte erschrocken, ob der neuen Verhältnisse in der Liga. Knapp sechzig Jahre später ist die Situation eine völlig andere: Mittlerweile sind Trainerentlassungen eher die Regel als die Ausnahme - und so schauen die Fußballfans in Deutschland dieser Tage mit großer Verwunderung nach Wolfsburg, wo sich Coach Florian Kohfeldt nach einer Serie voller Pleiten scheinbar unverdrossen in seinem Amt zu halten scheint. Aber auch das dürfte sich bald aller Voraussicht nach erledigt haben. Das Geschäft Profifußball ist einfach zu berechenbar (geworden).

"Er muss ein Guter sein"

Dabei trifft es mit Florian Kohfeldt tatsächlich eine besondere Figur im deutschen Fußball der letzten Jahre. Der ehemalige Werder-Trainer startete im Herbst 2017 in Bremen als Nachfolger von Alexander Nouri fast kometenhaft durch. Marco Bode meinte damals über Kohfeldt: "Didi Hamann lobt ihn, meine Frau mag ihn - er muss ein Guter sein." Seine unbekümmerte, erfrischende Art sorgte dafür, dass der Werder-Coach schnell viele Freunde unter Deutschlands Fußballfans hatte und seine sportlichen Erfolge verschafften ihm in kürzester Zeit eine beeindruckende Reputation bei den Vereinsoffiziellen der Liga.

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Als es im Herbst 2019 bei Borussia Dortmund unter Lucien Favre zu der einen oder anderen Unstimmigkeit kam, berichteten erste Medien vom BVB-Interesse an Kohfeldt. Ganz so abwegig schien das zur damaligen Zeit auch tatsächlich nicht zu sein, da dem Schweizer nicht selten vorgeworfen wurde, er passe einfach vom Typ her nicht zur Borussia. Genau an dieser Stelle kam Kohfeldt ins Spiel, der damals aufgrund seiner offenen und durchaus volksnahen Art ("Ich bin leider so ein Typ, der mehr isst, wenn er Stress hat. Das ist echt blöd, sonst könnte ich wenigstens noch abnehmen, wenn wir schlecht spielen") noch einen gänzlich anderen Ruf genoss als heute.

Und ein weiterer Punkt sprach dafür, dass an dem Mediengerücht mehr dran sein könnte, als es die Verantwortlichen nach außen darstellten: Kohfeldt besaß mit Marc Kosicke denselben Berater wie Jürgen Klopp. Und der ehemalige Meistertrainer schwebt nicht nur weiterhin als guter Geist und verlorener Sohn über Dortmunds Stadiondächer, sondern ist zudem immer noch bestens mit BVB-Boss Aki Watzke befreundet. Doch die Sache zerschlug sich. Im Nachhinein vermutlich eine unsichtbare Weiche im Leben des Florian Kohfeldt, die sich in die falsche Richtung verschoben hat.

Nervig-nervös statt lässig-cool

Ein Jahr später gab es dann noch einmal Gerüchte, der Werder-Coach könnte als Nachfolger bei einem möglichen Wechsel von Marco Rose zum BVB zu Borussia Mönchengladbach gehen. Doch damals hatte der gute Ruf von Kohfeldt schon gelitten. Sportlich lief es bei Werder Bremen nicht mehr rund und auch seine zuvor so beliebte, lockere Art hatte im Abwärtsstrudel gelitten. Kohfeldt wirkte plötzlich seltsam verunsichert an der Seitenlinie und sein Kaugummikauen nicht mehr lässig-cool, sondern irgendwie nervig-nervös. Immer wieder stand er bei Werder kurz vor der Entlassung, bis es schließlich nach dem 33. Spieltag der letzten Saison einfach nicht mehr weiterging.

Marco Bode meinte damals: "Die Macht der Ergebnisse ist zu stark geworden." Und tatsächlich konnte man den Bremer Offiziellen nicht vorwerfen, sie hätten Kohfeldt übereilt geopfert. Nicht umsonst hatte wenige Monate zuvor Manager Frank Baumann noch gesagt: "Wir sind mit unserem Trainer sehr zufrieden. Und ich glaube, dass Florian sehr gerne Trainer von Werder Bremen ist und hoffe, dass sich daran in den kommenden Monaten und Jahren nichts ändern wird."

Kriegt Kohfeldt noch die Kurve?

Zum Autor
  • Ben Redelings ist ein Bestseller-Autor und Komödiant aus dem Ruhrgebiet.
  • Sein aktuelles Buch "60 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum" ist ein moderner Klassiker aus dem Verlag "Die Werkstatt"

  • Mit seinen Fußballprogrammen ist er deutschlandweit unterwegs. Infos & Termine auf www.scudetto.de.

Doch die letzte Zeit bei Werder hatte so stark am Image der ehemals so großen Trainer-Nachwuchshoffnung genagt, dass sich nicht wenige Fußballfans in Deutschland äußerst verwundert zeigten, als der Champions League-Teilnehmer VfL Wolfsburg Ende Oktober des letzten Jahres als Nachfolger des Niederländers Mark van Bommel ausgerechnet Florian Kohfeldt präsentierte. Eine mutige Entscheidung, die durchaus eine Belohnung verdient gehabt hätte.

Doch nun stehen die Zeichen bereits wieder auf Abschied. Folgerichtig, muss man leider sagen. Zu aussichtslos scheint eine Trendwende. Wie lange die Verantwortlichen in Wolfsburg noch an Kohfeldt festhalten werden, ist schwer zu sagen. Vermutlich geht es in diesen Stunden einzig und allein noch darum, wer als Nachfolger des 39-Jährigen zur Verfügung stünde. Kohfeldt selbst kann man nur wünschen, dass er noch einmal sportlich die Kurve kriegt. Wenn nicht in Wolfsburg, dann bei einer neuen Chance. Schließlich war damals auch für Herbert Widmayer nach seinem schmerzhaften Rauswurf in Nürnberg noch lange nicht Schluss.

Quelle: ntv.de

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