Redelings Nachspielzeit

Redelings gratuliert Klopp "Noch limitierter als Jürgen Klinsmann"

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Kleine Feier: Jürgen Klopp, seine Frau Ulla Sandrock und Andrej Woronin feiern am 23. Mai 2004 den Aufstieg des FSV Mainz in die Bundesliga.

(Foto: imago/Alfred Harder)

Er ist eine der faszinierendsten Gestalten des Fußballs. An sein nun 50 Jahre währendes Leben als Harry-Potter-Double, sein Leiden als Kicker und sein amouröses Verhältnis zu Zlatan Ibrahimovic erinnert unser Kolumnist. Um wen es geht? Jürgen Klopp.

Die Trefferquote seiner Sprüche ist bei der Menge, die Jürgen Klopp raushaut, überraschend hoch. Vor allem, weil er sich selbst zwar gerne in den Mittelpunkt rückt, sich dabei aber niemals schont: "Mit schlechtem Fußball habe ich mich lange genug rumgeschlagen - und zwar mit meinem eigenen." Der folgende Vergleich ist so ein typischer Satz von ihm. Nach oben austeilen, sich selbst einen Faustschlag auf die Nase drücken und am Ende als sympathischer Gewinner dastehen: "Ich war fußballerisch noch limitierter als Jürgen Klinsmann. Aber immerhin habe ich es auf 325 Zweitligaspiele gebracht, ohne einen einzigen Trick zu beherrschen."

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Der Einsatz stimmt: Klopp im Jahr 1999.

(Foto: imago/Sämmer)

Das führte damals häufiger zu Situationen wie dieser: "Dragoslav Stepanovic hat mich mal vor einem Hallenturnier gefragt, ob ich auch schon mal Halle gespielt hätte. Als ich das bejahte, sagte er nur: Gut, aber heute nicht." Auch Jahre später wurde Klopp von gemeinsamen Weggefährten an sein begrenztes Talent erinnert: "Wir haben mal beim FC Homburg gespielt, da sprang einem Gegner beim Stoppen der Ball sehr weit weg. Da sagte der Heidel oben auf der Tribüne: Schaut mal, die haben ja auch einen Klopp." Bei seinen Ausflügen zum Fernsehen fühlte sich der gebürtige Stuttgarter ("Ich war ein Kaiserschnitt. Ich habe nur die ersten zwei Wochen meines Lebens dort verbringen müssen und bin dann weggezogen") dann schon bedeutend wohler: "Hätte ich auf dem Platz immer so konzentriert Doppelpässe gespielt wie vor der Kamera, wäre ich als Spieler garantiert erfolgreicher gewesen."

Im Grunde war sein Weg auf die Trainerbank vorbestimmt: "Fußball habe ich schon recht früh verstanden, ich konnte es nur nicht umsetzen. Über dem Hals war ich stärker als drunter." Manager Christian Heidel ("Der Drecksack gab mir als Spieler einen Vertrag - mit dem Geld konnte ich mir die Autos, die er verkauft hat, nicht mal leisten") und Präsident Harald Strutz hatten eigentlich nach einem weiteren Trainer-Rauswurf die Idee, die Saison komplett ohne Übungsleiter zu beenden. Doch dann ergriff Klopp die Chance, die sich ihm bot, im Handstreich. In kürzester Zeit erarbeitete sich Jürgen "Harry Potter" Klopp ("Harry Potter ist mir lieber, als wenn sie mich Kermit getauft hätten") nach leichten Anfangsschwierigkeiten seinen Status als talentierter Bundesliga-Coach. Seine Methoden waren jedoch nicht immer so ganz nach dem Geschmack seiner Spieler - vor allem nicht derer, die noch mit ihm zusammen auf dem Platz gestanden hatten, wie Torwart Dimo Wache: "Früher war er nach Testspielen immer die Nummer eins an der Wurstbude. Heute bevorzugt er diese merkwürdige Trennkost."

"So, Kinder!"

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Nach vielen ereignis- und erfolgreichen Jahren verließ er den 1. FSV Mainz 05 im Jahr 2008. Sein tränenreicher Abschied mündete in den Worten: "Sollte ich jemals ein schlechtes Wort über Mainz 05 verlieren, dann möchte ich sofort eins mit der Eisenstange gegen das Schienbein bekommen." Bei seiner Ankunft in Dortmund stellte er erst einmal bescheiden fest: "Mir war es leider nie vergönnt, vor so einer Kulisse wie im Westfalenstadion zu spielen. Bei mir waren es vielleicht in der gesamten Karriere 80.000 Zuschauer."

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Von Anfang an folgte die Mannschaft seiner Marschroute. In der Saison 2009/2010 waren seine Spieler sogar so trainingsfleißig, dass sie zumeist noch lange nach dem Ende der Übungseinheiten auf dem Platz standen, um Freistöße und Flanken zu üben. Eigentlich ein Grund zur Freude für jeden Coach. Doch Trainer Jürgen Klopp hatte eines Tages genug. Als er nach über 45 Minuten immer noch alleine unter der Dusche auf jemanden wartete, der ihm den Rücken schrubbte, zog er sich wieder an und ging nach draußen. Dort brüllte er dann amüsiert: "So, Kinder! Ich stelle gleich das Flutlicht ab!"

Als das Team 2011 erstmals unter Trainer Klopp Deutscher Meister wurde, jubelte die ganze Stadt. Die Mannschaft spielte einen hervorragenden Fußball, mit einem sehr jungen Team (Klopp: "Bei unserem letzten Sieg in München wurden die meisten meiner Spieler noch gestillt"). Trotzdem zeigte man sich lange Zeit sehr zurückhaltend: "Wir haben uns darauf verständigt, das M-Wort nicht zu benutzen. Aber wir wollen die Tabellenführung mit in die Sommerpause nehmen", sagte beispielsweise Stadionsprecher Norbert Dickel. Nach dem Titelgewinn sagte Klopp: "Wenn du das Glück an dem Tag eingesammelt und es in die Welt rausgeschossen hättest, dann hätte noch ganz China gegrinst." In dieser Hochphase der Gefühle war fast alles erlaubt.

"Müssen wir ihn uns ab und zu auch schönsaufen"

Und so führte Klopp ein legendäres TV-Gespräch mit Moderator Arnd Zeigler: "Wenn man sich das Spiel angeschaut hat, ein Torwart, der weit über 29 ist. Der Altersschnitt ist sicherlich auch ein Problem. Kann sich das eine Spitzenmannschaft erlauben?" Klopp: "Ich fand, heute hat es Roman sogar recht ordentlich gemacht. Wenn man ihn morgens sieht, nach dem Aufstehen, ist das ein schreckliches Bild, das er da abgibt. Aber auch da muss ich sagen, keine Chance, irgendwas zu ändern. Wir müssen ihn da durchschleppen und … ja … wir gucken, wie lange das noch geht. Aber ich habe auch da keine Alternativen. Ich kann keinen Feldspieler hinten reinstellen. Er ist der Einzige, den wir haben, und dementsprechend müssen wir ihn uns ab und zu auch schönsaufen."

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"Ach, ich komme doch umsonst."

Vor laufenden Kameras fiel Superstar Zlatan Ibrahimovic dem damaligen BVB-Trainer bei der Fifa-Fußball-Gala im Januar 2014 in Zürich um den Hals. Der Schwede lächelte Klopp an: "Sag mal, wann holst du mich denn endlich nach Dortmund?" Klopp taumelte leicht irritiert zurück, schüttelte weiter Ibras Hand und stammelte dann: "Naja, dafür müsste ich erst meine komplette Mannschaft verkaufen." Ibrahimovic schüttelte den Kopf: "Ach, ich komme doch umsonst. Das sollte jetzt nur nicht der Präsident von Paris hören."

Klopp versteht es, das bunte Treiben trotz aller Ernsthaftigkeit nicht zu überhöhen. Und gerade deshalb gelingen ihm immer wieder Momente wie dieser. Nach einem Spiel zwischen dem BVB und dem VfL Wolfsburg wollte Dortmunds Pressesprecher Sascha Fligge die Fragerunde für die Journalisten eröffnen, doch Klopp ergriff selbst als Erster das Wort: "Ich will nur ganz kurz was dazu sagen, ich weiß, die Jungs müssen heim. Aber ich muss mal für kleine Trainer. Falls jemand eine Frage hat, gerne. Wenn nicht, dann ist einfach Schluss. Das Spiel hat für sich gesprochen." Klopp schaute sichtlich bedrückt in die Runde. Weil niemand etwas sagte, fuhr er fort: "Also ich muss wirklich, sonst wird es unangenehm." Im Raum entspannte sich die Atmosphäre schlagartig. Lächelnd meinte der Pressesprecher: "Du kannst auch noch mal wiederkommen." Doch von diesem Vorschlag hielt Klopp wenig und machte keine Mördergrube aus seinen Gedanken: "Da, wo ich hinmuss, da komme ich nicht mehr wieder." Wolfsburgs Trainer Hecking lächelte und blickte erwartungsfroh auf die Pressevertreter: "Ich muss noch nicht."

Einzig seine emotionalen Ausbrüche am Spielfeldrand sorgen in der ganzen Welt für Irritationen. Der britische "Guardian" hat darüber einmal sehr schön geschrieben: "Es ist hinreichend bekannt, dass Jürgen Klopp der einzige Bundesliga-Trainer ist, der keine Maske tragen muss, um die Kinder an Halloween zu erschrecken."

Für viele Fußballfans ist Jürgen Klopp der geborene Trainer. Da glaubt man es kaum, dass er selbst ganz früher etwas anderes werden wollte: "Ursprünglich Arzt. Ich habe bis heute wohl so ein kleines Helfersyndrom in mir. Aber ich war für diesen Beruf - ehrlich gesagt  - wohl nicht schlau genug. Bei der Vergabe der Abiturzeugnisse sagte der Rektor zu mir: Hoffentlich klappt‘s mit dem Fußball, sonst sehe ich schwarz." Es hat geklappt. Und wie. Heute feiert Jürgen Klopp seinen 50. Geburtstag. Alles Gute und ein dreifaches Glück auf!

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Quelle: n-tv.de

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