Redelings Nachspielzeit

DFL fordert Geisterspiele Wie realitätsfern kann der Profifußball sein?

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Warum sollte einzig der Fußball die Krise durch das Coronavirus ignorieren können?

(Foto: imago images/Future Image)

Der dramatische Appell von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert und seine Forderung nach Geisterspielen, kann tatsächlich Angst machen. Könnte der Profifußball, wie wir ihn kennen, sterben? Diese Aussage ist auch nur ein Ausdruck für die momentane Panik im Land.

Verständnis aufbringen für die Worte von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, der unmissverständlich klarmachte, dass der Profifußball, wie wir ihn kennen, ohne Geisterspiele ab Ende April nicht mehr existiert? Im ersten Moment ist das völlig unmöglich. Im Gegenteil: Seine und die Worte von BVB-Boss Hans-Joachim Watzke regen angesichts der dramatischen Lage, in der sich die Welt augenblicklich befindet, eher zu Unmut und sogar Wut an. Die Fans und die Bevölkerung allgemein fragen sich: Wie konnte sich der Profifußball so weit von der Realität und den Menschen entfernen? Warum verzichten die Fußballprofis nicht einfach auf einen Teil ihrer Gehälter, denn genau diese häufig gigantischen Zahlungen sind es doch insbesondere, die den Vereinen zu schaffen machen? Wieso also kriegt es der Profifußball nicht hin, das Problem erst einmal alleine und dabei dennoch gesellschaftskonform zu lösen?

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für n-tv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Und genau an dieser Stelle wird die Sache plötzlich nicht mehr ganz so einfach, wie wir uns alle das in diesen unerhört bewegten, dynamischen und vor allem unübersichtlichen Zeiten gerne machen würden. Denn aus den Worten von Christian Seifert spricht vor allem eins: Panik und die nackte Überlebensangst! Und man darf vermuten, dass es ihm dabei tatsächlich in erster Linie nicht um das Schicksal der vielen Fußballmillionäre auf zwei Beinen geht. Denn wenn die es nicht schaffen, ihr Leben aus den üppigen Gehältern der letzten Jahre zu bestreiten, dann fehlt jedes Mitleid. Vielleicht wäre dann ein goldenes Steak und ein Einfliegen des eigenen Friseurs weniger doch ratsam gewesen!

Nein, auch wenn man es erst einmal nicht wahrhaben will, weil das viele Geld diesen Sport in den letzten zwanzig, dreißig Jahren immer mehr verpestet hat: Es geht der DFL und einigen ihrer Vereine am Ende genau so, wie vielen Unternehmen, Betrieben und Freiberuflern in diesen Tagen. Sie haben Verpflichtungen und Verträge zu erfüllen und monatliche Zahlungen zu leisten, die auf den ersten Blick in diesen wirtschaftlich dramatischen Zeiten nicht mehr zu gewährleisten sind. Händeringend versuchen in diesem Moment weltweit Millionen Menschen Lösungen für die nächsten Tage, Monate und Jahre zu finden. Und dabei kommen sie häufig auch auf die abwegigsten Gedanken. Deshalb darf man auch die Worte von Christian Seifert nicht sofort und ohne jegliches Verständnis beiseiteschieben.

Erst mal durchschnaufen, bitte

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Doch eins ist auch klar und muss ganz deutlich gesagt werden: Diese Lösung, über Geisterspiele im Mai und Juni die gravierenden Probleme in den Griff zu bekommen, ist nicht nur realitätsfern, sie ist als Gedankenspiel in diesen Tagen auch unverantwortlich gegenüber der gesamten Gesellschaft. Das fängt dabei an, dass die Profifußballer erst einmal auf unbestimmte Zeit gar nicht zusammen trainieren dürfen. In Zeiten, in denen in Europa weitgehend Ausgangssperren herrschen und alle Freizeiteinrichtungen geschlossen sind, haben bisher kaum Profiklubs vermeldet, dass sie den Trainingsbetrieb für die nächsten Wochen komplett einstellen. Das ist unverantwortlich und unsolidarisch gegenüber den Millionen Fußballfans. Und es hört dabei auf, dass Geisterspiele, also Spiele ohne die Menschen, die den Kick auf dem grünen Rasen erst zu dem machen, was er ist, ohnehin völlig wertlos sind. Wie kann die DFL so töricht sein, diesen Aspekt, eine Sache, die diesen Sport weit in die Zukunft beschädigen würde, so außer Acht lassen?

Der Profifußball und all seine Akteure - und dazu gehören insbesondere auch die Rechteinhaber - täten gut daran, erst einmal durchzuschnaufen. Wenn dann die ersten Profifußballer signalisieren würden, dass sie zu einem deutlichen Gehaltsverzicht - gestaffelt nach der Höhe der Einkommen - bereit wären, kann man sicher sein, dass auch die Fans ihren Beitrag zur Lösung des Problems leisten würden. Und der könnte in diesem Fall auch so aussehen, dass die Zuschauer auf ihre sicherlich berechtigten Forderungen gegenüber Sky und den anderen Rechteinhabern und gegenüber den Vereinen (Eintrittsgelder) verzichten würden. Egal wie auch immer: Es wird andere Lösungen geben (müssen), als die bisher geäußerten.

Quelle: ntv.de