Fußball-WM 2018

WM-Desaster in der Einzelkritik DFB-Elf taumelt hilflos in den Abgrund

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"Wir sind verdient ausgeschieden." Sagt Joachim Löw - und er hat recht.

(Foto: imago/ULMER Pressebildagentur)

K.-o.-Runde? #zsmmnbrch! Fußball-Weltmeister Deutschland scheitert in Russland in der Vorrunde - krachend. Gegen Südkorea präsentiert sich die Elf hilflos wie selten unter Löw. Lichtblicke? Fast keine.

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland geht tatsächlich ohne den noch amtierenden Fußball-Weltmeister weiter. Deutschland ist raus, muss erstmals nach der Vorrunde abreisen - und das zu Recht, fand auch der sichtlich erschütterte Bundestrainer Joachim Löw. "Wir sind verdient ausgeschieden", kommentierte er den Blitz-K.-o. seines DFB-Teams, dem im Gruppenfinale gegen Außenseiter Südkorea schon ein 1:0-Sieg zum Weiterkommen gereicht hätte. Stattdessen beendete Deutschland sein drittes und letztes Spiel nach dem fatalen #zsmmnbrch mit 0:2 (0:0) und das Turnier mit nur drei Zählern auf Platz vier der Gruppe F. Festzuhalten bleibt: Das, was das deutsche Team vor 41.835 Zuschauern in der Kasan-Arena angeboten hat, war richtig schlecht. Hilfloser als je zuvor unter Löw. Das Spiel, das doch die Initialzündung sein sollte, wurde zur Chronik eines angekündigten Absturzes. Und bevor nun alle Beteiligten und auch wir darüber nachdenken, wie das passieren konnte, hier die DFB-Elf in der Einzelkritik:

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Spielte in der Schlussphase weit vor - und nicht im Tor: Manuel Neuer.

(Foto: REUTERS)

Manuel Neuer: Der 32-Jährige vom FC Bayern sorgte früh in seinem 79. Länderspiel für eine Ungeheuerlichkeit: den bei dieser WM obligatorischen deutschen Abwehrbock. Nach Freistoß von Südkoreas Woo-young Jung sah er den wuchtig angeschnibbelten Ball lange auf sich zufliegen, fokussierte sich, positionierte sich, die Arme fangbereit - und griff fast daneben. Ja, richtig gelesen: Fast daneben. Genug jedenfalls, dass der Ball nach rechts wegprallte. Heung-min Son rauschte heran, in Neuer herein, aber der hatte den Ball da schon titanesk ins Tor-Aus gefaustet. Immerhin. Ließ sich von Neuer-Patzer und Neuer-Großtat nicht beunruhigen, behielt Ruhepuls und Übersicht gegen Schüsse und Konter. Wie in der 48. Minute, als er einen Koreaner ganz cool dribbelte. Rückte später immer öfter aus seinem Tor, in der Hoffnung vorn ein deutsches Tor einleiten zu können. Probierte es erst mit Abschlägen tief ins deutsche Sturmzentrum, am Ende dann selbst als Stürmer. Bei beiden Gegentoren machtlos. Beim 0:2 auch deshalb, weil er längst nicht mehr im selbigen stand. Er hatte zuvor tief in der koreanischen Hälfte den Ball verloren. Trotzdem: An Neuer lag es in Russland nicht.

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Wollte viel, schaffte wenig: Joshua Kimmich.

(Foto: dpa)

Joshua Kimmich: Bei der Pleite gegen Mexiko wurde der 23 Jahre alte Rechtsverteidiger des FC Bayern von der eigenen Abwehr noch als vermisst gemeldet. Gegen Schweden kümmerte er sich dann mehr um seine eigentliche Aufgabe - und nun? In seinem 32. Länderspiel lief er unheimlich viel, zog unheimlich viele Sprints an, wollte unheimlich viel - und bewirkte offensiv gegen tiefstehende Südkoreaner doch unheimlich wenig. Flankte immer mal in des Gegners Strafraum, tat das in der 48. Minute passgenau auf Leon Goretzka, dessen feinen Kopfball Südkoreas Keeper Hyeong-woo Jo wegtitanisierte. Flankte in der 68. Minute noch einmal passgenau auf Sturmjoker Mario Gomez, der leider passgenau auf Südkoreas Keeper köpfte. Flankte (und passte und lief) danach weiter, allerdings wieder weniger genau. Zündete im Turnier insgesamt nicht wie erhofft.

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Einfach nur leer: Mats Hummels.

(Foto: REUTERS)

Mats Hummels: Nach Nackenverletzung und Mitspieler-Häme wegen seines reingebrüllten "Flankt ihn rein!"-Rates vor der Kroos-Tat gegen Schweden war der 29 Jahre alte Innenverteidiger gegen Südkorea zurück in der Startelf. Dort im Schnapszahl-Länderspiel (66!) als Abwehrchef und Spielaufbauhelfer für den gesperrten Jérôme Boateng (Gelb-Rote-Sperre) gefragt. Erledigte Ersteres souveräner als Zweiteres, da ihm in der trägen Offensive einfach die Anspielstationen für seine Beckenbauer-Pässe fehlten. Verteidigte weg, was zu verteidigen war. Zeigte dabei nach der Helden-Hacke gegen Mexiko diesmal die eingesprungene Helden-Grätsche, zu bestaunen in der 48. Minute. Gab im zweiten Durchgang mit Kollege Süle den Wellenbrecher gegen die zunehmende koreanische Konterflut. Überraschend in Kasan: Hummels war offenkundig auch als Spielabschlusshelfer vorgesehen, er hatte jedenfalls die besten Chancen. Hätte in der 39. Minute nach Messi-haften Fummeldribbling im Strafraum gegen zwei Südkoreaner um ein Haar das schönste deutsche Abwehrspielertor seit Arne Friedrich 2010 erzielt, nur Südkoreas Keeper spielte nicht mit. Köpfte in der 86. Minute völlig frei aufs Tor, aber sich dabei erst an den Arm und außerdem daneben. Köpfte in der 97. Minute freistehend übers Tor und verpasste es, seiner Elf noch ein paar Minuten und neue Hoffnung auf eine Houdine-Rettung zu geben. Konnte es nicht fassen, das WM-Aus auch nicht - und war einfach nur "leer".

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Bemühte sich redlich: Niklas Süle.

(Foto: dpa)

Niklas Süle: In seinem zwölften Länderspiel WM-debütierte der 22-Jährige in der Innenverteidigung neben Hummels. Nicht unerwartet, da sein Bayern-Kollege lieber links im Abwehrblock verteidigt und sich dort die Arbeit eigentlich mit Boateng teilt, der wegen seiner Gelb-Rot-Sperre zuschauen musste. Oder sollen wir lieber sagen: durfte? Süle jedenfalls machte seine Arbeit einerseits sehr solide. Andererseits war er nicht ganz unschuldig daran, dass - wie uns die Kollegen aus der Heimat berichteten - ZDF-Kommentator Béla Réthy den Zuschauern mehrfach erklärte, dass die Bilder da in ihren Fernsehern keine Zeitlupen seien, sondern Realgeschwindigkeit. Süle trat wiederholt auf den Ball, allerdings: Ihm fehlten auch einfach die Abnehmer in Mittelfeld und Angriff. Schickte trotzdem zwei schöne Boateng-Gedächtnis-Diagonalbälle auf den linken Flügel, flankte sogar einmal, setzte Goretzka mit hohem Ball in die Tiefe fein ein. Verteidigte ansonsten aber vornehmlich und das unaufgeregt und konzentriert. Beim 0:1 wie der Rest der Abwehr überrumpelt.

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Kennt sich mit Ausscheiden derzeit aus: Jonas Hector.

(Foto: imago/DeFodi)

Jonas Hector: Der 28 Jahre alte künftige Zweitligaspieler vom 1. FC Köln war einziger Nicht-Bayer in der Abwehr. Davon im 40. Länderspiel so unbeeindruckt wie zunächst von seinen Gegenspielern, bis ihn Wooyong Jung in der 9. Minute rüde an der Seitenlinie umgrätschte. War beim Torschusstraining vor dem Spiel hochkonzentriert, schickte den Ball dann trotzdem Richtung Astro Alex. Ein Omen? Hatte in der 43. Minute zumindest ähnliches Pech, als er bei einem seiner Ausflüge in offensives Mittelfeld und Angriff im Strafraum in Mittelstürmerposition freigespielt wurde - und Schiedsrichter Mark Geiger (USA) dann auf Mittelstürmerfoul entschied, obwohl ihm sein südkoreanischer Gegenspieler ebenfalls unfein auf den Fuß getreten war. Grundsolide, unermüdlich, im zweiten Durchgang wie Kimmich mehr Außenstürmer als -verteidiger. Wie der Rest des Teams aber auch: uneffektiv. Schönste Szene: Ein feiner Xavi-Dreher um einen Gegenspieler im Mittelfeld - Fußballkunst, die brotlos blieb. Für ihn kam in der 78. Minute der Leverkusener Julian Brandt zu seinem dritten WM-Jokereinsatz und Länderspiel Nr. 18. Der 22-Jährige bekam damit mehr Minuten als gegen Mexiko und Schweden zusammen. Da hatte er immerhin zwei Pfostenschüsse fabriziert. Diesmal klappte es nicht einmal damit.

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Durfte sich erneut versuchen: Sami Khedira.

(Foto: dpa)

Sami Khedira: Sebastian Rudy hatte sich in der Partie gegen Schweden die Nase gebrochen. Da stellte sich die Frage: Wen stellt Löw neben Toni Kroos auf die Doppelsechs im defensiven Mittelfeld? Der Trainer beantwortete die Frage mit: Khedira! Der 31 Jahre alte Weltmeister von Juventus Turin sollte, nachdem er gegen Schweden denkpausiert hatte, in seinem 77. Länderspiel (Schnapszahl!) für mehr Stabilität in der Defensive sorgen, vor allem bei den Kontern der Südkoreaner. Das tat er auch, er machte seine Sache besser als gegen Mexiko, dafür hielten sich seine Akzente für das Angriffsspiel in eng, letztlich zu eng bemessenen Grenzen. Nach einer knappen Stunde, beim Stand von 0:0 in Kasan und schwedischer Führung in Jekaterinburg, nahm der Bundestrainer ihn raus und brachte mit dem 32 Jahre alten Mario Gomez vom VfB Stuttgart einen Angreifer. Der übernahm in seinem 77. Länderspiel sofort den Part des Mittelstürmers - und hatte in der 68. Minute eine richtig gute Kopfballchance, der Ball flog allerdings geradezu auf Torwart Hyeonwoo Jo zu. Der hinterher von der Fifa zum Mann des Spiels Gewählte hatte damit keine Probleme. Und Gomez? Fand wie seine Kollegen keine Lücke im sehr gut organisierten Abwehrverbund der Südkoreaner. Er hat sich bemüht, es hat nicht gereicht.

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Diesmal keine glorreiche Rettungstat von Toni Kroos.

(Foto: dpa)

Toni Kroos: Dass sein Traumtor von Sotschi gegen die Schweden nun nach dem Ausscheiden zur bedeutungslosen Randnotiz verkommt, dürfte das geringste Problem für den 28 Jahre alten Madrilenen sein. In seinem 86. Länderspiel war er sicher am Ball wie eh und je, kümmerte sich wieder um jede Ecke und jeden Freistoß, und dieses Mal unterlief der Passmaschine aus Greifswald auch kein gravierender Fehler. Allerdings setzte er auch keine gravierenden Offensivimpulse, die seine Mannschaft an diesem unseligen Nachmittag in Tatarstans Hauptstadt doch so dringend gebraucht hätte. Versuchte es einige Male mit Schüssen aus der Distanz, ein löbliches Ansinnen, allerdings nicht von Erfolg gekrönt. In der 88. Minute hatte er die Gelegenheit, die DFB-Elf dann doch noch in Führung zu bringen, aber er traf den Ball an der Strafraumgrenze nach einem Zuspiel Mesut Özils nicht recht, so dass er - der Ball, nicht Özil - in die Arme des koreanischen Schlussmanns flog. Symptomatisch für das Spiel und seine WM.

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Zu ungenau: Leon Goretzka

(Foto: dpa)

Leon Goretzka: Schon beim erfolgreichen Confed Cup 2017 spielte der 23 Jahre alte Noch-Schalker und Bald-Münchner im Mittelfeld, zum Beispiel als offensiverer Part der Doppelsechs beim 1:0 Im Finale gegen Chile. Und beim 4:1 im Halbfinale gegen Mexiko erzielte er aus dieser Position heraus in der sechsten und achten Minute die beiden ersten Tore. In seinem 16. Länderspiel sollte er über die rechte Seite kommen. Das tat er auch, nur überzeugend oder gar von Erfolg gekrönt waren seine Aktionen anders als 2017 nicht. Die Flanken zu ungenau, die flachen Zuspiele falsch adressiert. Und doch hätte er drei Minuten nach der Pause nach einer schön gelupften Kimmich-Flanke das 1:0 für seine Mannschaft köpfen können. Tat er aber nicht. Nach 63. Minuten war Schluss, für ihn kam dann doch Thomas Müller, der für Goretzka aus der Startelf gerutscht war. Doch der um fünf Jahre älterer künftiger Klubkollege machte es nicht besser. Er irrte in seinem 93. Länderspiel zeitweise wie besessen über den Rasen, wollte seine Kollegen selbst nach Südkoreas 1:0 noch nach vorn peitchen. Er überzeugte aber auch bei seinem dritten WM-Einsatz in Russland nicht und konnte auch nicht herbeimüllern, dass in der komplett enttäuschenden deutschen Offensive irgendetwas irgendwie besser wurde.

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Viel brotlose Kunst von Mesut Özil.

(Foto: dpa)

Mesut Özil: Nach leistungsbedingter Auszeit gegen die Schweden fand sich der 29 Jahre alte Edeltechniker des FC Arsenal nun unter denen wieder, die von Anfang an ja eigentlich nichts anderes wollten, als das Achtelfinale zu erreichen. In seinem 92. Länderspiel sprach Löw ihm wieder die Verantwortung für die Mittelfeldzentrale zu, auf das der Kreativling sich etwas einfallen lasse. Tat das dann allerdings nur bedingt. Auch wenn es immer noch eine Augenweide ist, wie Özil sich bewegt, dreht, sprintet und mit dem Ball umgeht - ausgeschieden ist halt ausgeschieden und jedes noch so feine Pässchen war letztlich brotlose Kunst. Aber immerhin Kunst. Denn den Weg in die Spitze fand er nicht, dabei wäre ein Tor nicht die schlechteste Idee gewesen. Und auch seine Mitspieler setzte Özil zu selten in Szene, gewinnbringend war es in keinem Fall. Eine starke Vorlage auf Timo Werner gelang ihm in der 52. Minute, aber der verzog, links an des Gegners Tor vorbei. Hätte ein Brustlöser sein können für alle. Wurde zum Gegenteil.

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Sichtlich bemüht: Marco Reus.

(Foto: REUTERS)

Marco Reus: Es sollte sein Turnier werden, er trug die Hoffnungen. Nach vielen Verletzungen und vielen Zwangspausen hatte es der 29 Jahre alte Dortmunder endlich und zum ersten Mal in seiner Karriere zu einer Weltmeisterschaft geschafft. Und die ließ sich für ihn persönlich gar nicht so schlecht an. Gegen Mexiko saß er noch eine Stunde auf der Bank, gegen Schweden aber sorgte er kurz nach der Pause für den Ausgleich und dafür, dass die DFB-Elf weiter hoffen durfte. In seinem 34. Länderspiel nun startete er auf der linken offensiven Seite, tauschte aber oft mit Mittelstürmer Timo Werner den Platz. Müssen wir erwähnen, dass das auch nichts gebracht hat? War in oben erwähnter 52. Minute an der feinsten Kombination seines Teams im gesamten Spiel beteiligt, er hatte den Ball zu Özil gepasst. Und in der 83. Minute schoss er knapp am Tor vorbei. Er hat sich bemüht, immerhin.

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Konnte seine Kollegen nicht in die Spur bringen: Timo Werner.

(Foto: dpa)

Timo Werner: In einer insgesamt enttäuschenden Mannschaft, die das wohl schlechteste Länderspiel unter Bundestrainer Löw bot, war der Jüngste einer der Besten. Er war es, der in seinem 17. Länderspiel wenigstens etwas wie Spaß am Fußball verkörperte, er flitzte über den Rasen, war oft und gut anspielbar - und hätte sich sein erstes Turnier bei den Großen sicherlich anders vorgestellt. Nur: Einen Treffer hat auch er nicht geschossen, obwohl ihm Kollege Kimmich vorm WM-Start schon die Torjägerkrone aufgesetzt hatte. Die gute Nachricht ist: Mit seinen 22 Jahren wird Werner sicherlich noch eine zweite, dritte und vierte Chance bekommen. Und als Kader-Benjamin eine offensichtlich alles andere als intakte Mannschaft mitzureißen - das war dann doch etwas viel verlangt. Aber auch für ihn gilt: raus ist raus. Gute Nacht.

Quelle: n-tv.de