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Englands Trainer Gareth Southgate machte seiner Mannschaft auch nach dem verlorenen Halbfinale Mut.
Englands Trainer Gareth Southgate machte seiner Mannschaft auch nach dem verlorenen Halbfinale Mut.(Foto: picture alliance/dpa)
Donnerstag, 12. Juli 2018

"Wir alle fühlen den Schmerz": Englands WM-Ekstase endet wieder im Drama

Von Christoph Wolf, Moskau

Blitz-Traumtor, famose erste Halbzeit - und am Ende doch wieder Schmerzen: Gegen Kroatien träumt England lange vom erlösenden ersten WM-Endspiel seit 1966. Dann bricht das englische Fußballherz doch wieder. Gescheitert ist das junge Team trotzdem nicht.

Es begann mit Euphorie. Es steigerte sich zur Ekstase. Es endete in gigantischer Enttäuschung, zumindest auf dem Rasen. Als Schiedsrichter Cüneyt Cakir das dritte WM-Halbfinale der englischen Fußballgeschichte im Moskauer Luschniki-Stadion abpfiff, brachen die kroatischen Spieler in Freudentänze aus, nicht die Engländer. Die brachen zusammen, und mit ihnen alle Hoffnungen und Träume vom ersten Endspiel einer Weltmeisterschaft seit 1966, die das junge Team von Überraschungstrainer Gareth Southgate mit seinem wundersamen Turnier und dem epischen Ende des Elfmeterfluchs in Russland aufgetürmt hatte. Und mit Kieran Trippiers Freistoß-Traumtor in der 5. Minute gegen Kroatien, nach dem die Erlösung zwischendurch fast greifbar gewesen war in der grandiosen Atmosphäre dieses für England letztlich bitteren Spiels.

Als würde ein wunderschönes Gemälde vor deinen Augen zerrissen, beschrieb der "Guardian" das gegen Kroatiens Willensmonster am Ende noch mit 1:2 nach Verlängerung verlorene Halbfinale. Es war das passende Bild zu dieser dramatisch angehauchten Fußballschlacht, nach der Gareth Southgate sagte: "Wir fühlen alle den Schmerz der Niederlage." Um das zu verstehen, hätte man ihm gar nicht zuhören müssen. Ihn einfach nur anzuschauen hätte genügt in diesem Moment, als er vor der Weltpresse saß und litt. Während Belgien seinen Halbfinal-K.-o. seltsam fatalistisch hingenommen hatte, schmerzte England sein Aus wie immer höllisch, auch wenn das junge Team schon mit dem ersten Halbfinaleinzug seit 1990 alle Erwartungen übertroffen hatte, selbst die seines Trainers.

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Die englischen Spieler wirkten nach Schlusspfiff wie über den Rasen gewürfelte weiße Elendshäufchen, wie sie da lagen und hockten, maximal erschöpft, minimal belohnt für ihr bestes WM-Spiel gegen ihren bisher stärksten Gegner. "Es tut weh, und es wird eine Weile schmerzen", twitterte Englands Kapitän Harry Kane nach dem Aus, betonte aber: "Wir können stolz sein und wir werden zurückkommen." Teamkollege Jesse Lingard lobte den "großartigen Kader", der bereit sei zu lernen und alles zu geben. "Wir gehen erhobenen Hauptes", sagte er: "Wir hören hier nicht auf!"

Scheitern unfreiwillig zur Fußballkunst erhoben

Aus Kieran Trippier, dem nach Englands Legenden Bobby Charlton und Gary Lineker erst drittem englischen Torschützen in einem WM-Halbfinale, waren nach dem 2:1 durch Mario Mandzukic in der 109. Minute bereits auf dem Spielfeld Tränen und Emotionen herausgebrochen. Weil er sich in dieser fatalen Szene cooler kroatischer Handlungsschnelligkeit verletzt hatte und nicht weiterspielen konnte, und weil er auch für sein Team ahnte: Es ist vorbei - wieder einmal.

Seit ihrem WM-Triumph 1966 haben die Engländer das Scheitern unfreiwillig zur Fußballkunst erhoben. Der K.-o. in Moskau nach früher englischer Führung samt beeindruckender erster Halbzeit, akrobatischem Ausgleich für Kroatien durch Ivan Perisics Zirkus-Volleytor und kroatischem Lucky Punch in der Verlängerung schmerzte, aber er schmerzte anders als so oft zuvor. Auch wenn der unerbittliche Zähler für die Jahre seit der letzten englischen Finalteilnahme jetzt von absurden 52 auf noch absurdere 56 Jahre springen wird: England hat zwar erneut verloren, aber gescheitert ist die junge Mannschaft in Russland nicht. Weder am Turnier noch an sich selbst.

Er ließ den englischen Traum in der Verlängerung platzen: Mario Mandzukic (Mitte).
Er ließ den englischen Traum in der Verlängerung platzen: Mario Mandzukic (Mitte).(Foto: picture alliance/dpa)

"Ich bin enorm stolz darauf, was sie geleistet haben", lobte Southgate, für das Land und die Fans. Die hätten in Russland vor allem gelernt: "Erfahrungen mit England können positiv sein." Southgate sagte das nach dem WM-Vorrunden-K.-o. 2014 und der EM-Blamage 2016 gegen Island ganz ironiefrei. Statt Häme der Fans gab es diesmal Huldigungen. Nur wenige Minuten nach dem Aus hatten er und seine Spieler im Strafraum vor den Fans gestanden - und waren gefeiert worden, als hätten sie nicht nur das undankbare kleine WM-Finale am Samstag in St. Petersburg gegen Belgien erreicht (ab 16 Uhr im n-tv.de Liveticker), sondern tatsächlich das große Sehnsuchts-Endspiel. Es war der Dank dafür, dass Englands Fußballer ihr Land in diesem Sommer endlich wieder hatten träumen lassen. Es waren der Stolz und die Anerkennung für die Leistung des gemeinsam mit Frankreich zweitjüngsten WM-Teams und für den "aufregenden Offensivfußball" (Southgate), den England im Turnier phasenweise gezeigt hatte.

"Wir haben extrem gut gespielt"

Und der gegen Kroatien vor allem in der ersten Halbzeit aufgeblitzt war. Da hatten Englands Standardkönige beflügelt von Trippiers Geniestreich - dem erst dritten direktem Freistoßtor der englischen WM-Geschichte - so direkt, schnörkellos, gedankenschnell und flüssig kombiniert wie selten zuvor im Turnier, mit Verve und Zug zum kroatischen Tor. Und sie hatten Chancen gehabt, gegen die nach ihren Achtel- und Viertelfinalentbehrungen entkräftet wirkenden Kroaten Tore nachzulegen. Nach feinem Zuspiel von Dele Alli hatte zunächst WM-Toptorjäger Harry Kane die glorreiche Chance auf das 2:0. Er scheiterte mit seinem Flachschuss zunächst am kroatischen Keeper Danijel Subasic, kam aber noch einmal an den Ball - und produzierte dann Fußball-Slapstick statt WM-Tor Nr. 7, als er den Abpraller aus spitzem Winkel an den Pfosten setzte. Der Linienrichter zeigte zwar Abseits an. Bei einem Tor hätte aber der Videoassistent überprüfen können.

Nur sechs Minuten später hatte Jesse Lingard das versäumte 2:0 für England nachholen müssen, doch er schoss von der Strafraumgrenze freistehend am rechten Pfosten vorbei. Southgate zeigte sich hinterher zwar hochzufrieden mit der ersten Halbzeit, "wir haben extrem gut gespielt". Er haderte aber auch: "Wenn du die Spielkontrolle, wenn du solche Chancen hast wie wir, musst du wahrscheinlich das zweite Tor machen." Zumal seinem Team nach der Pause gegen immer dominantere Kroaten der Zugriff auf das Spiel phasenweise komplett entglitt und die englische Fahrlässigkeit der ersten Halbzeit durch Perisic‘ Ausgleich schließlich bestraft wurde. Die Möglichkeit, tatsächlich in ein WM-Finale einziehen zu können, schien die unerfahrenen Engländer plötzlich mehr zu lähmen als zu beflügeln, das sah auch Southgate so.

Anders als Kroatiens Coach Zlatko Dalic, der sein Team im gesamten Spiel in allen Aspekten besser als England gesehen und diese Ansicht ziemlich exklusiv hatte, fand er ganz Gentleman die Größe, den Gegner und dessen "bemerkenswerte Charakterstärke" zu loben. Nach der Pause habe Kroatien "richtig Druck gemacht" und sein Team "einen wirklich schwierigen Ansturm" überstehen müssen. In der ausgeglichenen Verlängerung, in der nach englischer Ecke ein Kopfball von John Stones (99.) erst auf der kroatischen Torlinie geklärt worden war und Keeper Jordan Pickford aus Nahdistanz stark gegen Mario Mandzukic (105.+2) pariert hatte, sei Southgate innerlich schon aufs Elfmeterschießen eingestellt gewesen - bis Mandzukic doch noch traf.

Englands Maßstab ist verschoben

"Um ein Siegerteam zu werden, musst du Hindernisse überwinden – und wir haben viele von ihnen überwunden", bilanzierte Southgate und stellte treffend fest: Die WM habe England stolz gemacht und den Maßstab und die Erwartungen für künftige Turniere verschoben. Schon vor dem Halbfinale hatte der Trainer allerdings auf einen Aspekt hingewiesen, der sich im Duell mit den im Schnitt fünf Jahre älteren Kroaten bestätigte: Sein junges Team sei noch längst nicht perfekt und fertig in seiner Entwicklung. Nach dem K.o. fügte er aber an: "Viele unserer Spieler haben auf der internationalen Bühne ihre Reifeprüfung abgelegt."

"Wir wollen eine Mannschaft sein, die in Viertelfinals, Halbfinals oder Endspielen steht. Und wir haben bei diesem Turnier uns selbst und unserem Land bewiesen, dass das möglich ist", sagte Southgate weiter. Viele Mannschaften, die später Pokale gewonnen hätten, seien zuerst in Viertel- oder Halbfinals gescheitert. Entscheidend sei, diese Erfahrung zum eigenen Vorteil zu nutzen, um daraus zu lernen, um besser zu werden. Das klang sachlich, hatte aber einen bittersüßen Beigeschmack. Denn zuvor hatte Southgate, der 1996 in Englands bis dahin letztem großen Halbfinale bei der Heim-EM zum tragischen Helden geworden war, auch gesagt: "Heute Abend hatten wir eine wundervolle Gelegenheit - und niemand kann garantieren, dass sie noch einmal wiederkommt."

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Quelle: n-tv.de