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Nach dem WM-Aus gegen Frankreich im Halbfinale sind Belgiens Fußballer um Kevin De Bruyne (2.v.r.) niedergeschlagen.
Nach dem WM-Aus gegen Frankreich im Halbfinale sind Belgiens Fußballer um Kevin De Bruyne (2.v.r.) niedergeschlagen.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 11. Juli 2018

WM-Aus nach "komischem Spiel": Belgiens Goldjungs bleibt nicht mal Tragik

Von Christoph Wolf, St. Petersburg

Erst klare Chancen, dann ernüchternde Kapitulation: Belgiens Tor-Monster bestimmen zunächst ihr Halbfinale gegen Frankreich, dann aber versagen sie. WM-Geschichte können die "Roten Teufel" immer noch schreiben.

Die sechs Minuten Nachspielzeit im Krestowski-Stadion von St. Petersburg waren abgelaufen, als es noch einmal Freistoß gab für Belgien. An der eigenen Eckfahne zwar, aber: Ein letzter langer Schlag nach vorn, einfach tief hinein in die französische Hälfte. Ein finaler Versuch für die Tor- und Konter-Monster dieser Fußball-WM, um doch noch den Last-Minute-Ausgleich im Halbfinale gegen diese abgezockten Franzosen zu erzwingen. Per Lucky Punch, wie im Achtelfinaldrama gegen Japan. Ein letzter belgischer Hoffnungsschimmer, dachten wohl viele der 64.286 Zuschauer im Stadion - nur die Belgier, die dachten das nicht. Statt eilig auszuführen, weil doch jede Sekunde zählte, wechselten sie noch einmal den Schützen, und das alles so umständlich und langsam, da pfiff der uruguayische Schiedsrichter Andres Cunha einfach ab.

Frankreich - Belgien 1:0 (0:0)

Frankreich: Lloris - Pavard, Varane, Umtiti, Hernandez - Pogba, Kante - Mbappe, Griezmann, Matuidi (86. Tolisso) - Giroud (85. N'Zonzi); Trainer: Deschamps.
Belgien: Courtois - Alderweireld, Kompany, Vertonghen - Chadli (90.+1 Batshuayi), M. Dembele (60. Mertens), Witsel, Fellaini (80. Carrasco), De Bruyne - Lukaku, Eden Hazard; Trainer: Martinez.
Tore: 1:0 Umtiti (51.)
Schiedsrichter:
ACunha (Uruguay)
Zuschauer: 64.468 (St. Petersburg)

Es war ein ernüchterndes, ein seltsames Ende für den großen belgischen Traum vom ersten WM-Titel. Diesen Traum hatte die Mannschaft zuvor mit fünf Siegen in fünf WM-Spielen, 14 Toren und zwei Spektakeln in der K.-o.-Runde gegen Japan und vor allem gegen Rekordweltmeister Brasilien vor aller Welt zelebriert. Es war allerdings ein "komisches Spiel", sagte Belgiens Abwehrchef Vincent Kompany hinterher über das zweite WM-Halbfinale der belgischen Fußballgeschichte, das wie das Halbfinal-Debüt 1986 ohne eigenen Treffer verloren ging. Frankreich gewann im Stil eines Titelanwärters so souverän mit 1:0 (0:0), wie man es eigentlich nur aus der spanischen Fußball-Hochzeit kannte. Durch einen Kopfball von Innenverteidiger Samuel Umtiti nach einer Ecke. Durch Standard statt Spektakel. Kompany beschrieb das Tor trocken: "Er springt und trifft."

Doch das genügte gegen Belgien in dieser Partie, die auf ganz eigene Weise gleichzeitig hochklassig, anspruchsvoll, durchaus unterhaltsam und phasenweise rasant war. Dennoch blieb sie hinter den hohen (und unrealistischen) Erwartungen an ein episches und denkwürdiges K.-o.-Spiel zurück - vor allem hinter den belgischen. Ein Spiel "mit wenigen großen Momenten", so beschrieb Roberto Martínez, der spanische Erfolgscoach der "Roten Teufel", die Partie nach der ersten belgischen Pflichtspielniederlage seiner seit Herbst 2016 währenden Amtszeit. Er wirkte enttäuscht und ausgelaugt von einem zehrenden Schlagabtausch, in dem seine Spieler "Großes geleistet" hätten. In dem sich Belgien und Frankreich höchst intensiv belauert, gelockt, herausgefordert, neutralisiert hatten, aber letztlich nur die Franzosen ein Tor machten und danach kaum noch etwas anbrennen ließen. Belgien hatte am Ende zwar 64 Prozent Ballbesitz zu verzeichnen, aber nur 42 Prozent gewonnene Zweikämpfe und neun Torschüsse, nur drei davon aufs Tor.

Martínez hadert

Vor dem Spiel war nicht nur darüber diskutiert worden, ob dieses Fußball-Nachbarschaftsduell von Franzosen und Belgiern nicht schon das vorweggenommene Finale dieser Fußball-WM 2018 sei. Sondern auch, wer eigentlich als Favorit in dieses erste Halbfinale gehe: die mit Weltklasse und Weltklasse-Coolness gespickten Franzosen von 1998er-Weltmeister Didier Deschamps, der in Russland nun auch Weltmeistertrainer werden kann. Oder die goldene belgische Generation um die Offensiv-Alleskönner Kevin De Bruyne und Eden Hazard sowie um Abwehrstar Vincent Kompany, die den Trauerrand der bitteren Viertelfinal-Pleiten bei WM 2014 und EM 2016 gegen einen WM-Goldrand tauschen wollte - und die manchen Experten nach dem ebenso grandiosen wie glücklichen Viertelfinal-Coup über Rekordweltmeister Brasilien deshalb als eine Art favorisierter Außenseiter erschien.

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Doch als Umtiti nach gewonnenem Duell mit Marouane Fellainis Locken in der 51. Minute eingeköpft hatte, so kurz nach der Pause und einer vergebenen Kopfballchance von Sturmriese Romelu Lukaku (49.), da hatte Belgien die meisten seiner wirklich großen Halbfinal-Momente schon eine Weile hinter sich. Genau genommen schon seit der 22. Minute, als Frankreichs Keeper Hugo Lloris einen Schuss des belgischen Abwehrspielers Toby Alderweireld mit den Fingerspitzen um den Pfosten gelenkt und eine belgische Mini-Offensive mit vier Großchancen binnen sechs Minuten beendet hatte. Zuvor hatte erst Kapitän Hazard knapp vorbeigezielt (16.), ehe Frankreichs Raphaël Varane einen Schlenzer mit dem Scheitel gerade noch über die Torlatte lenkte (19.) und Lloris den Ball vor dem einköpfbereiten Fellaini (20.) in höchster Not wegfaustete.

Martínez trauerte diesen vergebenen Chancen nach. Er haderte damit, "dass wir nicht das erste Tor geschossen haben". Das war der Matchplan gewesen gegen Frankreich: früh angreifen, früh treffen, die Franzosen erschüttern, danach zu Kontern kommen. Deswegen hatte er sein Team mit einer flexibel zwischen Dreier- und Viererabwehrkette changierenden Offensivtaktik ins Spiel geschickt. Nur: Belgien traf trotz des selbstbewussten, dominanten Beginns mit klaren Chancen nicht, Frankreich irgendwann schon - und als die Franzosen einmal in Führung gegangen waren, da fiel auf belgischer Seite weder Coach noch Spielern die passende Antwort ein. Der gegen Brasilien starke Kevin De Bruyne hatte in der 61. Minute noch die beste Ausgleichschance. Er traf den Ball in aussichtsreicher Position im französischen Strafraum allerdings nicht richtig.

Martínez, beim Comeback-Triumph nach 0:2-Rückstand gegen Japan noch für seine goldenen Wechsel gelobt, hatte kurz zuvor Dries Mertens als ersten Joker für den defensiven Mittelfeldspieler Mousa Dembélé gebracht. In der 64. Minute fand sogar eine Mertens-Flanke Fellaini, der gefährlich köpfte. Doch ansonsten blieb festzuhalten: So wie die Mertens-Flanken vergebens in den französischen Strafraum flogen, sickerten Glaube, Selbstbewusstsein und Überzeugung aus dem belgischen Spiel. Dies wurde ersetzt durch einen lähmenden Fatalismus, nur unterbrochen von Semichancen, nicht unterbrochen von den weiteren Jokern Yannick Carrasco und Michy Batshuayi - und schließlich beendet nach einer Kapitulation an der eigenen Eckfahne. Am Ende blieb Belgien nicht einmal teuflische Tragik. Man war einfach nur gescheitert.

"Gutes für den belgischen Fußball getan"

"Es hat auch ein bisschen Glück gefehlt", konstatierte Martínez und hatte damit nicht Unrecht. "Die Chance ins Finale zu kommen war der einzige Fokus, den wir hatten." Als "frustriert und enttäuscht" beschrieb der Coach den Seelenzustand seiner Spieler. Die schienen die Niederlage in der Mixed Zone noch nicht verarbeitet zu haben, sie wirkten emotional erschlagen vom WM-Aus und demonstrativ bemüht, das Positive am WM-Turnier hervorzuheben - falls sie nicht wie Kapitän Hazard wortlos von dannen schlichen. "Es ist nur eine Mannschaft, die gewinnen kann, aber es passiert", sagte etwa De Bruyne: "Ich bin zufrieden damit, was wir geschafft haben. Du kannst immer auf die schlechten Sachen gucken. Aber ich denke, wir sind in die Top 4 der Welt gekommen und hoffentlich können wir das Spiel am Samstag noch gewinnen." Lediglich bei Torwart Thibaut Courtois klang etwas Bitterkeit angesichts der defensiv-strukturierten Taktik der Franzosen durch. Aber: Jede Mannschaft habe das Recht so zu spielen, wie sie wolle. Der Erfolg gab den Franzosen Recht, sie spielen im großen Finale um den größten Titel im Weltfußball, Belgien im kleinen nur um Schadensbegrenzung.

Die ewige Die-Goldene-Generation-ist-schon-wieder-gescheitert-Frage beantwortete Kompany nach der nächsten geplatzten Titelchance dennoch ungerührt: "Generationen kommen und gehen." Und er glaube, "wir haben etwas Gutes für den belgischen Fußball getan", das fortdauern werde. Nun am Samstag erneut in St. Petersburgs das kleine WM-Finale um Spiel zu drei zu gewinnen sei "auf jeden Fall" eine Motivation für das Team. Nicht, um den vierten WM-Platz von 1986 als bisher bestes belgisches Ergebnis zu verbessern. Sondern um die WM mit einem Positivergebnis zu beenden, betonte de Bruyne.

Das Kuriose ist ja: Die beste WM der belgischen Fußballgeschichte kann es immer noch werden. Das Bittere ist nur: Es hätte auch die bestmögliche werden können. Vielleicht sogar müssen.

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Quelle: n-tv.de