Fußball-WM 2018

"Dachte, wir hätten eine Chance" Mexikos Stärke war Deutschlands Schwäche

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Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: Mexiko kann den Fluch am Ende nicht besiegen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Für "El Tri" beginnt die WM bereits vor dem Eröffnungsspiel, auf einer Party mit 30 Prostituierten. Als Mexiko die DFB-Elf schlägt, bebt die Erde. Alles ist möglich. Nach dem Aus gegen Brasilien ist klar: Es hat sich nichts geändert.

Die Stimme des Kommentators hallt über den riesigen Platz. "Es bleiben noch 20 Minuten für den Ruhm des mexikanischen Fußballs!" Abgesehen davon ist es still auf dem Zócalo. Auf der Leinwand windet sich Brasiliens Neymar an der Seitenlinie auf dem Rasen, gefühlt minutenlang. Schon wieder. Die Fans verdrehen die Augen. Doch Miguel Layún hat ihm auf den Knöchel getreten, nur mit Glück wird er nicht mit Rot vom Platz geschickt. "El Tri" liegt seit der 51. Minute zurück. Die mexikanische Nationalmannschaft rennt und kämpft, aber der Fluch des vierten Spiels, er manifestiert sich auch beim 0:2 (0:0) in Samara. Im WM-Achtelfinale ist Schluss, zum siebten Mal in Folge.

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Abgesehen vom Aberglauben - woran hat es gelegen? Ein Fan analysiert enttäuscht: "Wir sind schlecht organisiert in Defensive und Offensive, alle rennen einfach durcheinander." Ein anderer schimpft schlicht auf Neymar, der ein Tor erzielt und das andere vorbereitet hat. "Er ist eine Heulsuse, es ist wirklich schlimm", regt er sich nach der Partie auf. Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio schiebt die Verantwortung ebenfalls auf Neymar - und den Schiedsrichter: "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber sie haben sehr viel Zeit geschunden. Es sollte nicht so viel Schauspielerei geben, das hatte einen großen Einfluss auf uns", beschwerte er sich. "Ich denke, wir haben aufgrund der Entscheidungen des Schiedsrichters in der zweiten Halbzeit den Faden verloren."

Was abgesehen vom Faktor Neymar entscheidend war: Mexikos größte Stärke bei dieser WM, das zeigte sich in diesem Achtelfinale erneut, war eher die Schwäche der deutschen Nationalmannschaft. Die DFB-Elf präsentierte sich vom Start weg mit den Mängeln, die sie später auch das Turnier kosteten: Ballbesitzfußball, langsamer Aufbau, kaum Direktpässe und Torgefahr. "El Tri" spielte dagegen eine exzellente erste Halbzeit; wach, pfeilschnell und giftig in den Zweikämpfen. So traten die Mexikaner auch gegen Brasilien auf. Aber die Seleção war schlicht besser als die Deutschen; flexibler, überraschender und damit torgefährlicher. Brasilien schoss 20 Mal gegen Mexiko aufs Tor und war zweimal erfolgreich. Die DFB-Elf kam auf 26 Versuche, traf aber nicht.

Erdbeben in der Hauptstadt

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Die Geschichte dieser Weltmeisterschaft beginnt für die Mexikaner aber schon vor der Turniereröffnung. Nach der letzten Testpartie, einem 1:0 gegen die nicht qualifizierten Schotten, treffen sich acht Spieler von "El Tri" in Las Lomas, einem Oberschichtviertel in Mexiko-Stadt. Sie feiern Medienberichten zufolge die ganze Nacht und bis in den folgenden Nachmittag hinein. Mit dabei: 30 Prostituierte. Die Mexikaner, ein undisziplinierter Haufen? Gegen den Weltmeister aus Deutschland sieht das nicht so aus. Als Hirving Lozano in der 35. Minute das Tor des Tages erzielt, ist der Jubel in der Heimat so frenetisch, dass die Seismografen ein Mini-Erdbeben in Mexiko-Stadt registrieren. "Mexiko feiert weiter (ohne Prostituierte) und stürzt Deutschland", spottet danach die spanische Zeitung "El Español".

"El Tri" gewinnt auch gegen Südkorea. Das Land träumt angesichts zweier Siege aus zwei Partien davon, den Fluch des ewigen Achtelfinalaus' endlich beenden zu können. In der letzten Gruppenpartie werden jedoch die Grenzen der mexikanischen Auswahl offengelegt: Gegner Schweden gewinnt klar mit 3:0, ohne Glanz, aber mit unnachgiebiger Positionstreue. Deutschland spielt zeitgleich gegen Südkorea und zöge mit einem Sieg statt Mexiko in die K.-o.-Runde ein. "El Tri" wartet nach dem Schlusspfiff gespannt auf die Nachrichten aus Kasan - und darf feiern.

Die Mexikaner wissen, wem sie ihr Weiterkommen zu verdanken haben. Wegen des Fehltritts gegen Schweden und der deutschen Niederlage ziehen Tausende freudetrunkener Anhänger in Richtung der südkoreanischen Botschaft in Mexiko-Stadt. Dort besingen sie ihre "Brüder", immer wieder ertönt: "Koreaner, ihr seid jetzt Mexikaner!" Der südkoreanische Botschafter genießt all die Herzen, die ihm und seinen Landsleuten zufliegen, bekommt eine mexikanische Flagge umgehängt und nimmt unter aufforderndem Klatschen der Menge einen kräftigen Schluck aus einer Flasche Tequila. In den Zeitungen steht am nächsten Tag: "Das seid nicht ihr gewesen, es war Südkorea!"

Vor dem Achtelfinale gegen Brasilien geht es dann kaum um die Qualität der Mannschaften: Im Wissen um die Überlegenheit der Seleção wird schlicht der Glaube an einen weiteren großen Sieg beschworen, wie schon gegen den Weltmeister. Zwar habe er vor der WM die eigene Mannschaft nicht als stark eingeschätzt, sagt ein Anhänger. Doch mit dem Sieg gegen die DFB-Elf im ersten Gruppenspiel habe sich das geändert. "Danach dachte ich, wir hätten eine Chance." Aber auch nach dieser WM wird alles wie immer gewesen sein: Mexiko übersteht die Gruppenphase, hat Hoffnung auf das erste Viertelfinale seit 1986 im eigenen Land - und verliert. Die mexikanischen Medien vermelden die Niederlage wie eine Selbstverständlichkeit. "El Sol de México" urteilt: "Die fünfte Partie, eine unmögliche Aufgabe." Gegen den Fluch sei einfach nichts zu machen.

Quelle: ntv.de