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Der Skandalkampf von Las Vegas "… weil die mich doch beschissen hätten"

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Eigentlich hatte Axel Schulz diesen Kampf gegen George Foreman ja dominiert ...

(Foto: picture-alliance / dpa)

Eigentlich war Axel Schulz eine andere Rolle zugedacht. Der damals 26-Jährige sollte nicht mehr als eine Art Sparringspartner für die alternde Boxlegende George Foreman sein. Doch an jenem 22. April 1995 versetzte der unbekannte "sanfte Riese" die Boxwelt in Erstaunen. In der heute legendären MGM Grand Garden Arena in Las Vegas hatte Schulz den US-amerikanischen Schwergewichtsweltmeister nach Meinung fast aller Experten besiegt - nur die Punktrichter sahen es anders. Im Interview erinnert sich Schulz an den Abend, der sein Leben geprägt hat.

Im Boxer-Märchen "Rocky" wird der unbekannte Rocky Balboa zu einem Promoter zitiert, der ihn völlig unerwartet fragt, ob er um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht boxen wolle. Wie war das bei Axel Schulz vor 25 Jahren?

Im Prinzip so ähnlich. Ich hatte George Foreman gegen Michael Moorer 1994 gesehen, als George durch K.o. überraschend noch mal Weltmeister wurde. Ich saß eines Tages zu Hause und habe einen Anruf von Wilfried Sauerland gekriegt, der fragte, ob ich gegen George um die WM kämpfen würde. Da habe ich erst mal Nein gesagt. Das kam wie rausgeschossen …

Auch wie bei Rocky, der zunächst abwinkt …

Wenn man so ein Angebot bekommt, denkt man: Der will mich doch jetzt verarschen. (lacht). Mein Trainer Manfred Wolke hat auch erst mal abgelehnt. Aber dann haben wir ein paar Videos von Foreman angeschaut - gerade den Kampf gegen Moorer - und haben uns gedacht: Komm, der ist 20 Jahre älter, den müsstest du eigentlich packen.

Foreman hatte Sie als vermeintlich leichten Gegner ausgesucht. "Big George bekommt 10 Millionen Dollar für eine Deutsche Mark - was ein Wechselkurs", lautete ein Spruch von HBO-Kommentator Larry Merchant. Wie haben Sie das wahrgenommen, dass Sie in den USA keiner für voll nahm?

Das war ein Glück für mich, ich war völlig unbeschwert. George war mit einer K.o.-Quote von mehr als 80 Prozent haushoher Favorit, ich hatte nur ein paar K.-o.-Siege vorzuweisen und auch schon einen Kampf verloren. Ich war ganz, ganz krasser Außenseiter - das war ein Riesenvorteil.

Warum?

Für mich stand zwar auch viel auf dem Spiel. Mit einer klaren K.-o.-Niederlage in den ersten drei Runden wäre die Profi-Karriere wahrscheinlich zu Ende gewesen. Ansonsten konnte ich aber eigentlich nur überzeugen. Ich hatte im Training über 100 Prozent gegeben. Und das hat sich dann ja ausgezahlt im Ring: Der Kampf war okay für mich. (schmunzelt)

Waren Sie wirklich überzeugt, Foreman packen zu können?

Ja klar, mit Selbstzweifeln braucht man in so einen Kampf sonst gar nicht reinzugehen. Vor dem Kampf gegen Wladimir Klitschko (um die EM 1999, Anm.d.Red.) hatte ich Selbstzweifel - dann hat man schon verloren. Vor dem Foreman-Kampf war ich topfit. Durch die alte Ost-Schule waren wir es gewohnt, immer zu trainieren. Selbst im Urlaub hatten wir unser Zeug dabei. Ich habe für den Sport gelebt. Der Kampf gegen Foreman bedeutete mir alles. In der Vorbereitung habe ich über 100 Prozent gegeben. Ich war überzeugt, dass ich gewinnen kann.

Wie war das 1995 mit 26, als Junge aus dem Osten auf einmal ins Box-Mekka Las Vegas zu kommen? Die Wende war ja gerade einmal fünf Jahre her.

Das war vorher noch viel extremer. Wir hatten im Vorfeld mehrere Pressekonferenzen. In New York, in Los Angeles, Las Vegas, Atlanta, ich weiß gar nicht mehr, wo noch. Bei der ersten PK hab ich gedacht, der prügelt mich aus dem Ring. Denn Foreman konnte natürlich auch gut reden, das war ein echter Showman. Der stand am Podest und hat geredet und erzählt. Da dachte ich: Ach du Jammer, warum hast du den Kampf nur angenommen? Die Nacht nach der ersten PK in New York war ganz schlimm. Aber bei der nächsten PK lief die gleiche Nummer fast 1:1 wieder ab. Da dachte ich: Ist ja geil, ist ja doch nur Show, der muss schon im Ring überzeugen (lacht). Ich wurde dann immer sicherer und zuversichtlicher. Mit "Bonecrusher" Smith (1986 WBA-Weltmeister, Anm.d.Red.) hatte ich zudem einen Super-Sparringspartner. Alles lief super. Ich war schon 100 Prozent überzeugt, dass ich es schaffen kann.

Die Prozente purzelten kurz vor dem Kampf aber noch mal, als Foremans Promoter Bob Arum plötzlich in Ihrer Kabine auftauchte.

Ja, der kam rein und sagte: Wäre schön, wenn du wenigstens drei Runden durchhältst (lacht). Da ging mir kurz so richtig die Düse. Ich dachte: Ach du Scheiße, der wird dich hier richtig wegknallen. Das war noch mal ein richtiger Schock, denn so etwas kennt man eigentlich ja nur aus dem Kino, aus Rocky-Filmen. Und anders, als das manche damals unterstellt haben, wurden wir auch nicht nach Runden bezahlt. Es gab eine feste Börse, egal wie lange es geht, egal, ob man gewinnt oder verliert.

George Foreman war ja auch nicht irgendein Gegner, sondern einer der Größten überhaupt, einer der härtesten K.-o.-Puncher der Geschichte. Wie war das dann, als Sie endlich im Ring standen, hatten Sie immer noch Bammel?

Nein, eigentlich nicht. Ich hatte das Glück, dass sehr viele Deutsche im MGM waren und ich super empfangen wurde. Foreman kam nach mir in den Ring. Wir hatten uns eine gute Taktik zurechtgelegt: Im Rückwärtsgang boxen und ihn auskontern. Die wollte ich anfangs direkt über den Haufen werfen. Ich habe gedacht: Komm, einen alten Mann wirst du jetzt mal wegschubsen. Dann kam der Gong zur ersten Runde, wir gehen in die Mitte aufeinander zu, ich versuche gegenzudrücken. Da hat George mich einfach weggeschubst und ich habe gedacht: Ach du lieber Himmel, doch lieber die Taktik wählen, die ich mit Manfred Wolke erarbeitet hatte. Und die ist dann ja auch aufgegangen.

Hat Foreman Sie zu irgendeinem Zeitpunkt mal so richtig angeklingelt? So, dass Sie dachten, jetzt wird es kritisch?

Das auf jeden Fall, aber ich weiß nicht mehr, in welcher Runde. Da kamen schon ein paar Dinger durch, wo ich dachte: Au Backe, wenn er jetzt nachsetzt, könnten die Lichter ausgehen. Foremans ansatzlose Linke war wahnsinnig hart, da konnte nur Wladimir Klitschko mithalten.

Interessanter Quervergleich. Wer war alles in allem der härtere Puncher: Big George oder Wladimir?

Wladimir. Aber das ist ja immer relativ (lacht).

Der Kampf lief super für Sie, auch die letzte Runde haben Sie klar gewonnen. Was hatten Sie für ein Gefühl?

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So sehen Sieger aus - denkste.

(Foto: imago/Sven Simon)

Für mich lag ich vorne. Als der Schlussgong kam, habe ich die Arme hochgerissen und Foreman hatte den Kopf unten und ging in seine Ecke zurück. Ich wusste vorher schon, ich werde ihn nicht k.o. schlagen, dazu war ich nicht der große Puncher. Ob das vielleicht geklappt hätte, wenn der Kampf noch ein, zwei Runden länger gegangen wäre, weiß ich nicht. Nach Punkten lag ich für mich aber auf jeden Fall vorne.

Allerdings war klar: Der Kampf ist in Vegas und sollte eine große Foreman-Show sein. Hatten Sie schon so ein Bauchgefühl, dass das mit dem Sieg nichts wird, als Ringsprecher Michael Buffer das Urteil vorgelesen hat?

Nein. Ich dachte, ich habe gewonnen, so denkt man als Sportler. Ich war aber auch gar nicht sauer oder traurig, als ich das Urteil (zweimal 115:113 für Foreman, einmal 114:114 unentschieden, Anm.d.Red.) gehört habe. Wenn man ins Ausland geht, muss man durch K.o. gewinnen oder eben einen großen Vorsprung rausboxen. Mir war die Tragweite des Ganzen noch gar nicht bewusst. Ich hatte mich mit der Niederlage abgefunden. Mit meiner Leistung war ich zufrieden und deshalb auch sicher, dass ich irgendwann noch mal eine WM-Chance kriege.

Sie sprechen von großem Vorsprung: Der US-Sender HBO hatte Sie mit 117:111 deutlich vorne, ein Großteil der Presseleute am Ring auch. War das Urteil aus Ihrer Sicht ein Skandal?

Nein. Gerade so eine Legende muss man einfach umhauen, wenn man im Ausland Weltmeister werden möchte. Aber deswegen hatte Foreman mich ja rausgepickt, weil ich keine hohe K.-o.-Quote hatte. Da hat er alles richtig gemacht (lacht).

Was haben Sie nach dem Kampf gemacht?

Es gab noch eine Pressekonferenz, aber an die kann ich mich gar nicht mehr so recht erinnern. Ich habe dann irgendwann zu Manfred Wolke und Wilfried Sauerland gesagt: So, ich bin jetzt mal weg. Ich bin dann ins Hotel und habe mit Freunden noch ein bisschen was getrunken. Und dazwischen gabs ja noch die Taxi-Nummer.

Als Sie ins Hotel gefahren sind?

Genau. Der Fahrer hat ständig in den Spiegel geschaut, ich war natürlich ein bisschen lädiert. Er hat dann gesagt, ich bräuchte nicht zu zahlen, weil die mich doch gerade beschissen hätten. Das war Wahnsinn, der hätte ja einfach seine 20 Dollar nehmen können und abdüsen. Aber die hat er mir gegönnt. In so einer Anonymität wie Las Vegas. Das war für mich die größte Anerkennung überhaupt an dem Abend.

Wie war der Empfang in der Heimat?

Das war gigantisch. Ich bin in Berlin gelandet, da war schon ein Riesenrummel. In Frankfurt/Oder, wo ich immer noch lebe, war der ganze Marktplatz voll und alle haben gefeiert. Ich muss aber auch sagen, dass das mit einem anderen Gegner nie so gekommen wäre. Es war wirklich der Name George Foreman, der über allem strahlte. Dieser Legenden-Faktor. Dem habe ich wirklich alles zu verdanken.

Man kann also 25 Jahre später sagen, dieser Kampf gegen George Foreman hat Ihr ganzes Leben verändert?

Ja. Bis heute. Die Resonanz ist auch jetzt zum Jahrestag wahnsinnig gewesen. Viele Zeitungen haben sich gemeldet, mit denen ich davor noch nie gesprochen hatte.

Mit Axel Schulz sprach Martin Armbruster

Quelle: ntv.de