Technik

Vier verdammte Batterien Der Game Boy wird 25 Jahre alt

Vier Mignonzellen für pixelige Steine in Graustufen, drehbar und vom Himmel fallend: Vor einem Vierteljahrhundert beginnt der Siegeszug der Handhelds. Der Game Boy und Tetris waren nicht schön anzusehen - machten aber süchtig.

Wenn die Geburtstage technischer Geräte gefeiert werden, handelt es sich meist um bahnbrechende Entwicklungen. Technik, die den Nerv der Zeit traf oder ihn entscheidend reizte. Mit Funktionen, die es vorher so nicht gegeben hat. In der Welt der digitalen Spiele gab es Ende der 1980er-Jahre Automaten in Spielhallen, die Personal Computer und die Konsolen für Zuhause. Doch etwas Ausgereiftes für unterwegs, so etwas wie den Game Boy, das gab es noch nicht.

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Verschiedene Versionen des Game Boy.

(Foto: JCD1981NL / CC BY 3.0)

Die Geschichte beginnt in Japan. Dort arbeitet Gunpei Yokoi bereits seit 1969 in Nintendos Abteilung "Spiele". In den 1980er-Jahren bringt die Firma, die zuvor unter anderen auch Spielkarten mit Disney-Motiven verkauft hatte, die "Game & Watch"-Serie auf den Markt: Portable Videospiele auf Monochrom-LC-Displays. Yokou entwickelt den Game Boy als inoffiziellen Nachfolger dieser Reihe – und erschafft damit sein Meisterstück. Der Game Boy ist einer der ersten Handhelds, der mit austauschbaren Cartridges funktioniert.

Der Erfolg des Handhelds kommt nicht von ungefähr: Eltern und vor allem Kinder werden zum Weihnachtsgeschäft 1990 durch eine riesige TV-Werbekampagne davon überzeugt, dass sie unbedingt eines der Exemplare unter den Tannenbaum legen müssen, um das frohe Fest nicht zu versauen.

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Suchtfaktor unmessbar: Tetris. Wie alle frühen Game-Boy-Spiele in vier Graustufen.

Mit jedem neuen Game Boy liefert Nintendo ein Exemplar des russischen Klassikers Tetris aus, der dadurch zum meist verkauften Videospiel aller Zeiten wird. Insgesamt ging die portable Spielekonsole über 100 Millionen Mal über die Ladentheke. Im ersten Jahr erscheinen 16 Spiele für den Gameboy. Eines davon ist Super Mario Land, neben Pokémon einer der größten Hits für den kleinen grauen Kasten im Hochformat.

Privileg Gameboy

Danach ist der Game Boy plötzlich Teil des Stadtbilds. Auf Jugendfahrten, dem Schulhof, in öffentlichen Verkehrsmitteln - überall taucht der Nintendo-Handheld auf, teilweise mit einer Traube von Kindern, die sich um ein einzelnes Gerät reißen. Wird es tatsächlich weitergereicht, ist es ein Privileg für den Empfänger. Mit einem Game-Boy-Besitzer stellt man sich besser gut; sonst gibt es keinen Mario, keine lebenden Pilze, keine geheimen Tunnel und keine Goldstücke. Auch wenn Nintendos Handheld mit 149 DM inklusive Tetris für heutige Verhältnisse relativ günstig ist - für ein Kind ist es damals eine horrende Summe.

Als jüngerer Bruder des Nintendo Entertainment Systems (NES) übernimmt der kleine Japaner die Marktführerschaft - trotz des schwarz-weißen Displays, des 8-Bit-Prozessors und Monosounds. Was die Stromversorgung betrifft, hat der Game Boy eher die Eigenschaften eines Analoggeräts. Geht den Batterien der Saft aus, verschwindet nicht etwa das Bild auf einen Schlag, sondern wird schwächer, unschärfer, schlierig. Mit dem Kontrasträdchen wird nachjustiert. Der größte Stromfresser ist der Ton, weshalb die meisten Kinder die ohnehin nicht besonders virtuosen Klänge auf ein Minimum reduzieren oder komplett herunterdrehen.

Ist das Geld in der Familie zu knapp, um einen Game Boy oder eine Spielkonsole zu kaufen, gibt es die großen Kaufhäuser, wo auf Testsystemen gespielt werden kann. In der Zeit der großen Werbekampagnen bilden sich ab dem späten Mittag regelmäßig Schlangen vor den Geräten. Dort wurden Spiele gegeneinander gespielt, und ähnlich wie beim Billard-Fordertisch gilt die Regel: Gute Leistungen werden mit mehr Spielzeit belohnt. Wer gewinnt, bleibt.

Sega, der ewige Zweite

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Segas Game Gear war doppelt so teuer wie Nintendos Game Boy.

(Foto: Evan-Amos / CC0 1.0)

Nach der Einführung des Game Boy versucht der damalige Dauerkonkurrent Sega, die Marktmacht Nintendos zu brechen. Der Handheld Game Gear hat ein beleuchtetes Farbdisplay und einen besseren Sound. Er kommt jedoch erst ein Jahr später in die Läden und hat massive Probleme, sich durchzusetzen. Die Probleme des Sega-Systems sind sein Preis, der enorme Stromverbrauch und die geringe Auswahl an Spielen.

Der Game Gear kostet mit etwa 300 DM doppelt so viel wie der graue Nintendo-Handheld. Allein das ist schon ein fast unschlagbares Argument für den Game Boy. Die sechs benötigten Batterien, die nach circa vier Stunden den Spagat machen, sind ebenfalls nicht förderlich für den Verkauf. Vergleichen Interessierte dann das Spieleangebot, ist die Entscheidung schnell zugunsten des Game Boy gefallen. Die meisten Studios entwickeln ohnehin bereits für den unangefochtenen Marktführer und sehen kaum Gründe, ihre Titel auf das Sega-System zu portieren.

Auch die Maße sind ein Punkt, den Nintendo für sich verbuchen kann. Game Boy-Entwickler Gunpei Yokoi hatte sich bei seinen Entwürfen für den "Goldenen Schnitt" entschieden, ein Seitenverhältnis, das unter Designern als besonders ästhetisch gilt. Segas Game Gear wirkt dagegen klotzig und unhandlich. Trotz aller negativen Argumente wurde der Game Gear etwa 11 Millionen Mal verkauft. Gegen die über 100 Millionen verkauften Game-Boy-Exemplare kommt er damit nicht an.

Verkörperter Zeitgeist

Im Rückblick ist es nicht verwunderlich, dass die Handhelds zehn Jahre vor der Jahrtausendwende ihren ersten großen Boom erleben. Europa sieht die Öffnung der innerdeutschen Grenze, und nur ein Jahr später die Wiedervereinigung. In der Folge bricht der Warschauer Pakt zusammen, die politische Spaltung von Ost und West löst sich in Demokratisierungsprozessen auf.

Es scheint plötzlich nicht mehr utopisch, vom westlichen Zipfel Europas zum östlichsten Russlands zu reisen. Die Möglichkeit, sich frei auf der Erde zu bewegen ist allgegenwärtig; in den Medien, in den Köpfen – und in den Händen. Der Game Boy verspricht mobilen Spaß, jederzeit, egal wo. Der Zeitgeist des globalen Aufbruchs als kleiner, grauer, piepsender Kasten, der in die Jacken- oder Hosentasche passte. Paradox, dass der Game Boy in China gefertigt wird - neben Nordkorea und Kuba der einzige Staat, dessen kommunistische Regierung dem Dominoeffekt stürzender Regime widersteht. Der Game Boy: Er ist einfach zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt gekommen.

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Die erste Version des Game Boy - ein kleiner grauer Kasten mit Goldenem Schnitt.

(Foto: Evan-Amos / CC BY 2.0)

Immer wieder versuchen andere Firmen, die Gunst der neuen Zielgruppe zu erlangen. Der ebenfalls 1989 veröffentlichte Lynx von Atari etwa, der ein Jahr später auf den Markt gebrachte Turbo Express von NEC oder der Sega Nomad (1995) – sie alle scheitern letztendlich an der Vormachtstellung Nintendos und des Game Boy.

Der Game Boy stirbt

Auf den Game Boy Color, der trotz seiner zum Sega Nomad vergleichsweise späten Veröffentlichung 1998 der erste Nintendo-Handheld mit Farbdisplay ist, folgt nur drei Jahre später der Game Boy Advance als letzte Variante mit dem ursprünglichen Namen. Und dann, nach der Einführung des DS, verschwindet der Game Boy immer mehr von der Bildfläche. Es ist ein langsamer Tod, der zunächst unbemerkt passiert.

Auch heute noch heißt der Handheld-Marktführer Nintendo, auch wenn mit Sony erstmals seit Ende der 80er Jahre ein ernstzunehmender Konkurrent um Käufer wirbt. Der Name Game Boy ist zwar aus Nintendos Produktportfolio durch den DS und inzwischen den 3DS ersetzt worden, die Verkaufszahlen des DS übertreffen die des Vorgängers trotzdem locker. So gingen bis Ende 2013 allein über 150 Millionen Exemplare von DS-Varianten über die Theke. Die Playstation Portable, inzwischen PS Vita, kam im gleichen Zeitraum auf rund die Hälfte.

So ist 25 Jahre nach seiner Einführung und etliche Hardware-Varianten später deutlich: Der Game Boy hat Handhelds mit Cartridges zum Massenprodukt gemacht. Verkaufte Geräte in dreistelliger Millionenhöhe, etwa 33 Millionen abgesetzte Tetris-Exemplare plus Zubehör, von der Lupe über die Bildschirmlampe bis zur kompletten Reisetasche für den Transport aller erworbenen Zusatzutensilien.

Übrigens, im aktuellen 3DS ist der Akku fest eingebaut. Um das alte Gefühl zurückzuholen, müssen schon der alte Handheld und die zugehörigen Batterien herausgekramt werden. Vier davon.

Der Artikel erschien ursprünglich beim Computerspiele-Magazin gamona.de. Er wurde für die erneute Veröffentlichung redaktionell überarbeitet.

Quelle: ntv.de