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"Red Dead Redemption 2" im Test Die letzten Revolverhelden bäumen sich auf

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Die Outlaws sind wieder zurück.

(Foto: Rockstar Games)

Komplex, klug und wunderschön: "Red Dead Redemption 2" erzählt eine Geschichte über Natur, Gewalt und Tod und zeigt die Grausamkeit und Schönheit des Wilden Westens. Das Videospiel ist ein Kunstwerk, das die Grenzen des Mediums verschiebt.

Es ist das Jahr 1899: Der Wilde Westen der USA ist nicht mehr ganz so wild - am Horizont qualmen die ersten Schornsteine, Eisenbahngleise winden sich durch die Prärie. Schon bald wird die Industrialisierung auch die noch unberührte nordamerikanische Steppe einholen. In den wachsenden Städten demonstrieren Frauen für ihre Rechte und die wahren Banditen tragen mittlerweile Nadelstreifen. Die glorreichen Zeiten der Cowboys sind längst vorbei. Doch das wollen nicht alle wahrhaben …

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Allen voran Arthur Morgan. Der Outlaw ist der Anti-Held des monumentalen Western-Epos "Red Dead Redemption 2" (kurz RDR2). Das Entwicklerstudio Rockstar lässt in seinem neuen Videospiel ein Teil amerikanischer Geschichte aufleben und entführt den Spieler in eine längst vergangene Welt voller verrauchter Saloons, Pferdekutschen und Cowboy-Romantik.

Mit zahlreichen Verweisen auf Klassiker des Westerngenres hat der Spieler gleich zu Beginn den Eindruck, in Quentin Tarantinos "The Hateful Eight" gelandet zu sein: Durch eine harsche Winterlandschaft kämpft sich eine Gruppe Frauen und Männer verzweifelt auf der Suche nach Schutz vor dem dichten Schneegestöber. Es handelt sich um die Van-der-Linde-Bande. Es sind Geflüchtete. Gesetzlose. Ihr Anführer Dutch verspricht ihnen Reichtum und Wohlstand, solange sie ihm nur die Treue halten.

Fans der ersten Stunde dürften sich noch gut an Dutch erinnern. Und auch andere alte Bekannte aus "Red Dead Redemption" haben im neuen Spiel ihren Auftritt. So wird man in einer Mission losgeschickt, um John Marston retten, den Protagonisten des ersten Teils. Dieser muss sich in RDR2 allerdings mit einer Nebenrolle begnügen, denn es ist der grimmige und zynische Revolverheld Arthur Morgan, in dessen Rolle der Spieler im monumentalen Prequel schlüpft. Fortan reitet man plündernd, schießend und mordend durch die wilde Landschaft Amerikas. Raue Umgangsformen und Gewalt bestimmen dort den Alltag und stehen in einem brutalen Kontrast zu der romantischen Schönheit der Natur. Wunderbare Lichteffekte, wabernder Nebel und glitzernde Bäche ziehen sich durch die weitläufige Open World von RDR2.

Atemberaubend schön und brutal                                 

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Die Landschaften in RDR2 erinnern an romantische Gemälde.

(Foto: Rockstar Games)

Zu Beginn kann diese riesige Spielwelt etwas überfordernd wirken. Zumal wenn einem das Geld fehlt, die Postkutsche oder den Zug zu nehmen. Dann muss jede Strecke mühsam geritten werden. Allerdings zeigen sich darin schnell der Reiz und die beeindruckende Atmosphäre von RDR2. Denn jeder Ausflug in die Natur wird mit atemberaubenden Bildern belohnt: Wenn goldenes Licht riesige Felsmassive erstrahlen lässt oder die Abendsonne die rote Erde zum Glühen bringt, lässt man den Controller unwillkürlich sinken und bestaunt voller Ehrfurcht das sich darbietende Naturspektakel.

Die detailverliebte Topografie soll alle Besonderheiten Amerikas vereinen. Die Natur ist dabei nicht allein Dekor - sie lebt. Um einen herum zwitschert, rauscht, knirscht es. Mystische Gegenden beherbergen geheimnisvolle weiße Bisons oder legendäre Bären, die neben Kaninchen und Rehen gejagt werden können. Das Jagen und Häuten der Wildtiere ist dabei fast schmerzlich detailreich animiert: Wenn man ein Reh nicht gleich beim ersten Schuss erlegt, windet und schreit es, bis es erlöst wird. Und auch das anschließende Abziehen des Fells wird akribisch genau in einer nicht gerade kurzen Sequenz dargestellt.

Insgesamt legen die Entwickler großen Wert auf Realismus. Bei Prügeleien spritzt das Blut. Übersieht man einen Abhang, stürzt der geliebte Gaul grausam in den Tod. Dann muss man sich auf die Suche nach einem neuen Pferd machen und erneut mühsam eine Beziehung zu ihm aufbauen.

Nichts für Ungeduldige

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Mit Pfeil und Bogen geht Arthur auf die Jagd. Unversehrte Häute bringen mehr Geld ein.

(Foto: Rockstar Games)

Rockstar verleiht seiner Hauptfigur eine Körperlichkeit, die es so in dem Genre noch nie gab. Seine Schritte sind schwer und die Sporen klirren bei jeder Bewegung. Zudem wachsen ihm Bart und Haare nach. Rasiert sich Arthur nicht oder läuft etwa mit verschmutzter Kleidung durch die Gegend, nehmen ihn Charaktere als ungepflegt wahr und verweigern ihm möglicherweise das Gespräch. So verbringt man viel Zeit damit, sich mit Nahrung, Bädern und ausreichend Schlaf um das Wohlbefinden seiner Figur zu kümmern. Das sorgt dafür, dass die Grenze zwischen virtueller Spielwelt und Wohnzimmercouch immer mehr verschwimmt, lässt Gelegenheitsspieler und Ungeduldige allerdings eher perplex zurück.

RDR2 verlangt dem Spieler viel Zeit ab. Man muss sich auf das Spiel einlassen, ja geradezu darin versinken, damit es seine volle Wirkung entfalten kann. Dutchs Bande muss ernährt, das Pferd gehätschelt und die Hauptfigur gepflegt werden. Neben ausufernden Saloon-Schlägereien, actionreichen Zugüberfällen und turbulenten Bankrauben kann man auch eine Menge Zeit mit Pokern, Angeln oder Kräutersammeln verbringen.

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Hinter fast jedem Baum warten Überraschungen und Kuriositäten darauf, entdeckt zu werden. Auf seinen Reisen trifft Arthur zahlreiche skurrile Charaktere - verwirrte Prediger, durchgeknallte Wissenschaftler oder überfallene Farmer. Mit allen kann der Spieler interagieren und entscheiden, ob er ihnen freundlich begegnen oder gleich die Waffe ziehen möchte. Diese Entscheidungen formen den Protagonisten und haben Einfluss darauf, wie er von seinen Mitmenschen wahrgenommen wird. Schnell kann es auch passieren, dass man Gesetzeshüter oder Kopfgeldjäger auf den Fersen hat und sich freikaufen muss.

Ein wahres Meisterwerk

Erzählerisch erreicht RDR2 eine bislang unbekannte Komplexität und Tiefe. Trotz vieler Hollywood-Zitate und literarischen Anspielungen hat man das Gefühl, dass Rockstar etwas ganz Eigenes geschaffen hat. Abseits der opulenten Rahmenhandlung verästeln sich kleinere Geschichten zu größeren. Trotz der Fülle an Möglichkeiten schafft es RDR2, die Dramaturgie der Handlung in der offenen und weitläufigen Spielwelt aufrechtzuerhalten.

Beinahe fatalistisch folgt der Spieler Arthur in den Abgrund, der stets hin- und hergerissen ist zwischen der unbeugsamen Loyalität zu Dutch und einer dunklen Vorahnung, dass es für sie kein Happy End geben wird. Denn er und seine Gefährten sind Gefangene ihres Banditendaseins. Der amerikanische Traum bleibt für sie nur eine Illusion, das Versprechen ihres Anführers unerreichbar.

Rockstar ist mit dem Action-Adventure ein wahres Meisterwerk gelungen. Atmosphärisch dicht erzählt RDR2 eine monumentale Geschichte über Leben und Tod, Rache und Sehnsucht, Ehre und Verdammnis und entführt den Spieler in die schier unendlichen Weiten Amerikas. Die herausragende Grafik in Verbindung mit der stimmungsvollen Musik bringt den Wilden Westen ins heimische Wohnzimmer. Für Fans des ersten Teils ist RDR2 ein Muss. Aber auch Hobby-Cowboys, Naturfreunde und alle, die eine fantastische Geschichte erleben wollen, werden viel Freude an dem Spiel haben.

"Red Dead Redemption 2" ist für die Playstation 4 und Xbox One erhältlich.

 

Quelle: n-tv.de

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