Technik

Vom Hype zum Shitstorm Keanu Reeves rettet "Cyberpunk 2077" nicht

Bildschirmfoto 2020-12-21 um 15.28.42.png

Der unverwechselbar nach Keanu Reeves modellierte und von ihm gesprochene Rockstar und Rebell Johnny Silverhand begleitet den Spieler durch Night City.

(Foto: CD Projekt Red/Cyberpunk 2077)

Es war das wohl meist begehrteste Spiel 2020: "Cyberpunk 2077" trumpft mit einer düsteren Sci-Fi-Welt und Keanu Reeves in einer Haupttrolle auf. Doch selbst die Starbesetzung tröstet nicht über die vielen Fehler des Spiels hinweg.

Wohl kaum ein Videospiel wurde dieses Jahr so sehnlich erwartet wie "Cyberpunk 2077". Die Starbesetzung mit dem beliebten Schauspieler Keanu Reeves machte den Hype perfekt. Acht Jahre fieberten Fans auf das Science-Fiction-Rollenspiel des polnischen Spieleentwicklers CD Projekt Red, bekannt für die "The Witcher"-Serie, hin. Doch seit dem Release am 10. Dezember sorgt das Game für Verbitterung und Frust bei Millionen Konsolenspielern. Inzwischen sah sich das Entwicklerstudio zu Rückerstattungen gezwungen und Sony schmiss "Cyberpunk 2077" kurzerhand aus dem Playstation Store.

ntv.de hat das Spiel auf der PS4 Pro getestet. So viel sei schon einmal verraten: Der Ärger der Gamer ist durchaus berechtigt - und das liegt nicht an der Story.

Denn "Cyberpunk 2077" hat definitiv Suchtpotenzial. Es entführt Spieler in die Stadt "Night City" an der Westküste der USA. Doch Amerika, wie wir es kennen, existiert schon lange nicht mehr. Konzerne herrschen über diese dystopische, hochtechnologisierte Welt der Zukunft, die an "Blade Runner" erinnert. Die dunklen Straßen werden nur von grellen Neonreklamen erleuchtet. Zwischen Slums und Wolkenkratzern lauern Bandenmitglieder. Sogenannte Cyberpsychos terrorisieren Einwohner. Und Hologramme locken mit unverbindlichem Sex. Wer es sich leisten kann, heuert Söldner an, um sein Recht durchzusetzen. Einer von ihnen ist Protagonist V, in dessen Rolle der Spieler schlüpft.

Getreu dem Genre des Rollenspiels kann der Spieler nicht nur Geschlecht, Körperform, -farbe und -frisur von V bestimmen, sondern auch, welche Genitalien er haben will. Männliche Charaktere dürfen nicht nur Penisse in verschiedenen Größen besitzen, sondern alternativ auch eine Vagina. Umgekehrt dürfen weibliche Figuren mit einem Penis ausgestattet werden. Auswirkungen auf das Spielgeschehen haben diese Entscheidungen nicht - ganz im Gegensatz zum Lebensweg: Soll V arm oder reich sein? Straßenkind oder Konzernsprössling? Eine Karriere als "Street Kid", "Nomade" oder "Konzerner" beeinflusst einige Handlungen und Dialogmöglichkeiten.

Keanu Reeves als Rockstar und Terrorist

Zu Beginn des Spiels hält sich V mit Aufträgen von sogenannten Fixern über Wasser. Doch dann soll er eine Technologie stehlen, die angeblich die Welt verändert. Kurz nachdem V das Diebesgut, einen Biochip, ergattern konnte, passiert etwas Unvorhergesehenes: Er wird Zeuge eines Mordes an dem Chef eines mächtigen Unternehmens, für den er verantwortlich gemacht wird. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt. Im Eifer des Gefechts bleibt V keine andere Wahl, als sich den mysteriösen Biochip in den Kopf zu stecken.

Ab hier gibt es kein Zurück mehr, denn mit dem Biochip trägt V eine zweite, digitale Seele in sich. Und die gehört keinem geringeren als Johnny Silverhand, einem berüchtigten Terroristen und Rockstar, dem US-Schauspieler Keanu Reeves sein Gesicht und seine Stimme verleiht. Nach "Death Stranding" mit dem "The Walking Dead"-Star Norman Reedus ist "Cyberpunk 2077" eines der ersten Spiele mit einem A-List-Schauspieler, der wirklich das Spiel trägt und nicht einfach nur einen Cameo-Auftritt hat. Denn als digitaler "Geist" kämpft Johnny Silverhand fortan an der Seite des Protagonisten gegen die bösen Konzerne und hat sogar einige denkwürdige Sequenzen für sich allein.

Neben der spannenden Hauptmission lebt das Spiel vor allem von seiner überwältigenden Anzahl an Nebenquests. An jeder Straßenecke stolpert V über immer neue Aufträge, ständig klingelt das Smartphone. Mal handelt es sich um Cyberpsychos, die kalt gemacht werden sollen. Oft soll man aber auch Gangster-Kartellen unter die Arme greifen. Und das funktioniert meist nur mit Waffengewalt. Tech-Implantate helfen V dabei, besser zu schießen, schneller zu laufen oder zu reagieren. Außerdem können Spieler mit dieser Unterstützung Technik hacken und so ihre Umgebung manipulieren, um etwa Geschütze und Überwachungskameras zu deaktivieren. Bei den vielen Möglichkeiten werden die Kämpfe nie eintönig.

Fehler machen "Cyberpunk 2077" fast unspielbar

Projekt Red hat eine unheimlich dichte, stimmige Welt erschaffen, in der sich Sci-Fi-Fans Dutzende Stunden verlieren können - wären da nicht die ganzen Bugs und Grafikfehler, die "Cyberpunk 2077" vor allem für Konsolenspieler fast unspielbar machen. Das Entwicklerstudio versprach vor dem Release "Die nächste Generation des Open-World-Abenteuers." Das Ergebnis ist gerade für Konsolenzocker mehr als enttäuschend.

In der Luft hängende Gegenstände, NPCs die im Kreis laufen und Grafik-Stotterer sind dabei noch das geringste Übel. Ärgerlich ist vor allem, wenn kurz vor dem Ende einer Mission das komplette Spiel abstürzt. Und das kommt nicht selten vor. Alle zwei bis drei Stunden erscheint die verhasste Fehlermeldung. Noch schwerwiegender sind allerdings Bugs, die es unmöglich machen, Aufträge abzuschließen.

Alles in allem fühlt sich "Cyberpunk 2077" unfertig an. Der Druck, das Spiel nach etlichen Verschiebungen Anfang Dezember endlich zu veröffentlichen, war hoch. Die Entwickler hatten ihren Mitarbeitern in den vergangenen Monaten den in der Spielebranche berüchtigten "Crunch" verordnet. Das bedeutet für die Beschäftigten, in der Regel über Wochen oder sogar Monate 60 bis 100 Wochenstunden an den Projekten arbeiten zu müssen. Das Studio hatte eigentlich versprochen, dass das nicht passieren solle. Denn unter solchen Arbeitsbedingungen sind Fehler vorprogrammiert.

Mehr zum Thema

Die Entwickler haben sich inzwischen bei den Spielern entschuldigt und erste Patches geliefert, die die Probleme allerdings nicht vollends lösen konnten. Weitere Updates sollen dann im Januar und Februar folgen. Zudem darf jeder Käufer der Konsolenversionen (PS4, Xbox One) das Spiel - das betrifft auch digitale Versionen - zurückgeben. Und auch Sony entschloss sich zu einem drastischen Schritt und entfernte "Cyberpunk 2077" aus seinem Playstation Store. Als Grund nannte das Unternehmen das hohe Maß an Unzufriedenheit der Kunden.

Fazit: Mit seiner dichten Atmosphäre, glaubhaften Charakteren und einer vielschichtigen Story bringt "Cyberpunk 2077" eigentlich alles mit, um eines der besten Games 2020 zu werden. Doch die vielen Software-Fehler schmälern das Spielergebnis so sehr, dass man schon nach kurzer Zeit keine Lust mehr hat, den Controller in die Hand zu nehmen. Bleibt also nur zu hoffen, dass die Entwickler die Bugs bald beheben und auch Konsolenspieler vollends auf ihre Kosten kommen. Solange heißt es aber für sie: Finger weg!

Quelle: ntv.de