Technik

Microsoft zieht Reißleine Aus für deutsches Streetside

Nein, es war keine technische Panne: Microsoft bestätigt, dass der Fotopanorama-Dienst Streetside in Deutschland vom Netz genommen wurde. Als Grund werden Beschwerden über den Umgang mit Verpixelungs-Anfragen genannt. Die deutschen Datenschutzauflagen kommen den Konzern nämlich teuer zu stehen.

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Durch die Straßen von London kann man noch virtuell streifen, durch die von Berlin nicht mehr.

Microsofts Antwort auf Googles Streetview ist ungehört verhallt: Der Panorama-Kartendienst Streetside ist für deutsche Nutzer - zumindest vorerst - nicht mehr zugänglich. Konnte man bislang nur über die Motive spekulieren, schiebt Microsoft nun Gründe nach: Die Verpixelungs-Anfragen machen Probleme. Die bereits veröffentlichen Fotos von Straßen in Städten wie Berlin, München, Stuttgart oder Frankfurt/Main können deshalb erstmal nicht mehr abgerufen werden.

"Da wir die Privatsphäre und den Datenschutz unserer Kunden sehr ernst nehmen, haben wir beschlossen, den Beta-Service von Streetside in Deutschland abzuschalten und an einer Lösung zu arbeiten", heißt es in der Mitteilung von Microsoft. Tatsächlich dürfte den Konzern vor allem die Kostenfrage beschäftigen: Verpixeln ist teuer.

Politische Entscheidungen

Bereits vor sieben Wochen hatte Microsoft ein politisches Signal in Deutschland gesendet. Der Konzern verlegte damals seine europäische Distributionszentrale aus Nordrhein-Westfalen in die Niederlande, um seine Produkte vor den Auswirkungen von Patenklagen vor deutschen Gerichten zu schützen. Es ging dabei vor allem um eine Klage einer Motorola-Tochter wegen des Videokompressions-Standards H.264. Davon sind mehrere Microsoft-Produkte betroffen, darunter das Betriebssystem Windows 7 und die Spielekonsole Xbox 360. Um zu verhindern, dass Lagerbestände in Deutschland festgesetzt oder gar beschlagnahmt werden, zog der Konzern sie lieber ins Nachbarland ab.

Auch beim Dienst Streetside, der Bestandteil des Onlineservices Bing Maps ist, sah sich das Unternehmen durch politische und juristische Rahmenbedingungen in Deutschland im internationalen Vergleich benachteiligt. Microsoft hatte, so wie Google, im vergangenen Herbst eine Vorab-Widerspruchsfrist für Menschen angeboten, die ihre Wohnhäuser in den Bildern verpixelt haben wollen. Vorangegangen waren heftige Diskussionen: Der von Industrie und Politik vereinbarte Datenschutzkodex sah keinen Vorab-Anträge vor. Datenschützer bestanden jedoch darauf.

Neustart steht in den Sternen

244.0000 Vorab-Widersprüche hatte Google zu bearbeiten, bevor Street View in Deutschland Ende 2010 online ging. Microsoft musste 81.000 Verpixelungs-Forderungen bearbeiten. Wenig im Vergleich zu Google, doch zu viele für Microsoft: Beschwerden zum Umgang mit den Verpixelungs-Anfragen haben nun dazu geführt, dass in der Konzernzentrale in Redmond die Reißleine gezogen wurde. Man werde nun abwägen, wie mit dem Dienst weiter verfahren werde. Aus der Stellungnahme geht nicht hervor, ob Streetside in Deutschland komplett eingestellt wird oder ob Microsoft sich weiter mit den Beschwerden beschäftigt, um Streetside wieder online zu bringen.

Wählt man derzeit im Microsoft-Kartenangebot Bing Maps als Standort Deutschland aus, erscheint der Knopf zum Aufruf von Streetside nicht mehr. Surft man in Bing Maps unter der Voreinstellung für die USA, kann man Streetside-Fotos außerhalb von Deutschland, etwa im britischen Liverpool, weiterhin aufrufen. Für Städte in Deutschland, die bereits für Microsoft fotografiert wurden, erscheint nun die Fehlermeldung "Streetside is not available here" (Streetside ist hier nicht verfügbar).

Quelle: ntv.de, dpa