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Voller Schönheit, voller Gewalt The Last of Us 2 - Survival-Horror ohne Gnade

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"The Last of Us 2": In den actionreichen Momenten brutal stark, in den ruhigen Szenen emotional überragend.

Das Warten hat sich gelohnt: Nach sieben Jahren schenkt Entwickler Naughty Dog den Fans von "The Last of Us" eine würdige Fortsetzung. Die ist wunderschön, düster, klingt fantastisch und steckt voller Gewalt - für Gnade hat der blutige Rachefeldzug keinen Platz.

Auf die Fortsetzung der dystopischen Geschichte von Ellie und Joel haben Gamer auf der ganzen Welt lange gewartet. Sieben Jahre dauerte die Entwicklung des zweiten Teils von "The Last of Us", ein Werdegang gespickt mit Hiobsbotschaften - inklusive Story-Leaks, wütenden Mitarbeitern und Corona-bedingten Terminproblemen. Aber gut Ding will Weile haben und was Naughty Dog mit "The Last of Us Part II" auf die Playstation 4 zaubert, ist vielleicht der beste und schönste Abschluss, den sich die aktuelle Konsolengeneration von Sony hätte wünschen können. Ein bildgewaltiges und emotionsgeladenes Drama, so intensiv und düster, voller Überraschungen und Momente, in denen man hinschauen muss, obwohl man am liebsten die Augen schließen möchte.

Da der Storyverlauf des zweiten Teils das tragende Element für ein wunderbares Gamingerlebnis ist, bleibt diese Rezension spoilerfrei. Die Geschichte setzt vier Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils an, die Welt besteht nach dem Ausbruch eines mutierten Pilzes weiterhin aus zombieartigen Infizierten und Überlebenden. Die einst in Großstädten errichteten Quarantänezonen sind isolierten Außenposten in der Wildnis gewichen. Und im Westernstadt-ähnlichen "Jackson" leben mittlerweile auch Ellie und Joel.

Ein intensive Cutscene erklärt anfangs den Status quo und macht klar: Der zweite Teil beginnt genauso emotional, wie der erste aufgehört hat. Es folgt ein tragisches Ereignis für die Bewohner von Jackson. Von da an begibt sich der Spieler auf einen blutigen Rachefeldzug durch eine Welt, die mit Guerilla-Kämpfern, homophoben Kultisten und Infizierten übersät ist.

Neben den altbekannten Charakteren Ellie und Joel rücken im Laufe der Geschichte neue Gesichter in den Vordergrund. Joels Bruder Tommy tauchte bereits im ersten Teil als Figur auf, mit Dina und Jesse werden Ellies Freunde zu wichtigen Gefährten und Mitspielern.

Gameplay: Gezielte Verbesserungen statt Innovation

Am Gameplay hat sich wenig getan im Vergleich zum Vorgänger. Ellie und Joel werden weiterhin aus der Third-Person-Perspektive gesteuert, die Spielwelt wirkt an vielen Stellen offener, verlaufen kann man sich aber nicht. Der Spielfluss ist linear und folgt ausschließlich der Haupthandlung. Wer nach Nebenquests oder Ähnlichem sucht, ist bei "The Last of Us 2" falsch.

Dennoch darf wieder ordentlich gelootet und gecraftet werden. Im zweiten Teil hat Ellie sogar dazugelernt. Aiming, Munition oder Sprengfallen lassen sich unter anderem bei Bogen, Schrotflinte und Co verbessern. Ellies Figur kann ihren Lebensbalken aufstocken, ihre Beweglichkeit im Kampf steigern oder ihre Schleichfähigkeit verbessern.

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Ob Runner, Stalker oder Clicker - die Infizierten machen Ellie das Leben schwer.

Und Schleichen ist in "The Last of Us 2" das entscheidende Element, um sich durch feindliches Territorium zu meucheln. Der Spieler muss sich der Umgebung entsprechend seinen persönlichen Weg suchen, um die Gegner mit möglichst wenig Widerstand auszuschalten. Ein offener Schlagabtausch lässt sich an einigen Stellen nicht vermeiden, doch im Kollektiv haben es sowohl Menschen als auch Infizierte in sich. An der KI der Gegner hat Entwickler Naughty Dog nämlich ordentlich geschraubt. Wer nicht auf Abstand geht oder sich versteckt, wird schnell von mehreren Guerilla-Soldaten eingekesselt, flankiert oder unter Dauerfeuer gesetzt. Ein wichtiges Element ist im Kampf noch dazugekommen: Im Eins-gegen-eins kann der Spieler Angriffen nun auch ausweichen.

Gewalt bis ins kleinste Detail

Egal, ob in Kämpfen oder Zwischensequenzen, es geht brutal zu. Das Maß der Gewalt ufert oft derartig aus, dass es beim Spieler ein mulmiges Gefühl hinterlässt. Hinrichtungen, Folter, aufgeschlitzte Kehlen, zertrümmerte Schädel, vom letzten Zucken bis zum finalen Atemzug - die visuelle und akustische Aufbereitung dieser Szenen ist ein tragendes Stilmittel des Spiels, um die Rauheit des Settings und die Abgründe der Charaktere aufzuzeigen.

Und obwohl "The Last of Us 2" erst ab 18 Jahren freigegeben ist, kann es mentale Folgen durch das Übermaß an Gewalt haben. Denn sie ist alternativlos - Gnade gibt es in diesem Spiel nicht. Eine Wahl wird dem Spieler nicht gelassen. Stattdessen entsteht der Eindruck: Selbst in Momenten, die einen Funken Menschlichkeit erlauben würden, darf niemand überleben, der sich Ellie in den Weg stellt.

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Immer wieder schön: Ellie blickt in die Ferne - die tolle Spielwelt von The Last of Us offenbart sich.

Untermalt wird die düstere Stimmung vom Sounddesign, die auf Videospielebene herausragende Synchronisation und die grafische Umsetzung von Mimik und Gestik. In den Gesichtszügen von Ellie lassen sich nun Nuancen von Trauer, Wut und Freude ablesen. Nicht nur in diesem Bereich zeigt sich, dass die Grenzen der PS4 so langsam erreicht sind. Wunderbar idyllische oder chaotische Landschaften, überwucherte Städte - das sieht alles wunderbar aus, revolutionär ist das nicht. Das lässt vor allem den Lüfter der Konsole aufheulen, sofern man nicht im Besitz der Pro-Version ist.

Die Spitze der Detailverliebtheit findet sich fast an jeder Ecke - zusätzlich zur schon tiefgründigen Story. Nachrichten von Hinterbliebenen oder steinalt wirkende Reliquien aus der heutigen Gegenwart liefern dem Spieler weitere Hintergrundinfos und persönliche Schicksale der Menschen, die nach Ausbruch der Infektion ihren Tod fanden.

Die Stärke von "The Last of Us 2" ist ohnehin der gekonnte Wechsel zwischen ruhigen Momenten und dramatischer Action. Schwächen kann man beim Survival-Horror nicht ausmachen. Wenn es einen Vorwurf gibt, dann, dass nur wenig am Gameplay gearbeitet und eine Open World nur angedeutet wurde. Mit der exzessiven Gewaltdarstellung geht Naughty Dog sogar so weit und erlaubt dem zweiten Teil, gesellschaftlich anzuecken. Außerdem schaffen die Entwickler etwas, woran Spiel- oder auch Filmschaffende häufig scheitern: Trotz gigantischer Erwartungshaltung durch den ersten Teil gelingt ihnen eine würdige Fortsetzung.

"The Last of Us 2" ist exklusiv für die Playstation 4 erhältlich.

Quelle: ntv.de