Wirtschaft

Wie geht es an der Börse weiter? 2022 fahren Ihre Aktien Achterbahn

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So richtig entspannt dürfte das kommende Jahr an den Börsen nicht werden.

(Foto: REUTERS)

Das zurückliegende Jahr war am Aktienmarkt ruhig wie ein Winterspaziergang bei Sonnenschein. Das wird nicht so bleiben.

Ein Aktienjahr wie in den vergangenen zwölf Monaten muss man lange suchen. Der Leitindex S&P 500 legte fast an der Schnur gezogen zu, und in Deutschland steht immerhin eine Bewegung von 13.500 auf in der Spitze gut 16.000 Punkte. Verrückt ist aber nicht die Leistung an sich, sondern die Tatsache, dass dies ohne nennenswerte Korrekturen über das gesamte Jahr hinweg ablief.

"Die goldene Regel 2021 lautete 'buy the dip', also jeden noch so kleinen Kursrückschlag zügig zu kaufen. Diese Strategie funktionierte bestens und sie fing Aktienmärkte in Korrekturen zeitnah wieder auf", sagt Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege beim Broker RoboMarkets. Schön und gut. Doch für das Gewesene gibt der Kaufmann nichts, und 2022 darf man sich auf mehr Schwankungen, stärkere Rückschläge und auf mehr unruhige Tage einstellen.

Es ist ausgesprochen ungewöhnlich, dass weder Dax noch S&P 500 und nicht einmal die Nasdaq vom jeweiligen Spitzenstand mehr als rund acht Prozent korrigierten. Der Hintergrund liegt auf der Hand. Die Notenbanken haben derart viel Geld in den Markt geblasen und sie haben Bar-Liquidität mit negativen Zinsen bestraft, dass wohl oder übel am Markt zugegriffen wurde.

Im kommenden Jahr sollen die Zinsen in den USA ein wenig steigen, die Inflation bleibt hoch und die EZB hält an der Nullzinspolitik fest. Also gibt es keinen anderen Fluchtweg als Aktien und es stellt sich lediglich die Frage, wie hoch die Rendite ausfällt. 2022 wird also wie 2021. Fertig, Geschichte auserzählt, alles wird gut. So einfach könnte es sein. Doch sind da draußen wirklich keine Risiken?

Inflation bleibt uns wohl erhalten

Es ist Zeit, die Sinne ein bisschen dafür zu schärfen, dass vor allem die US-Notenbank ihre Geldpolitik verschärfen wird und dies nicht ohne starke Schwankungen vonstattengehen dürfte. "Die ersten Zinserhöhungen sind in der Regel gut für Aktienmärkte", sagt Gil Shapira vom Broker eToro. Und in der Tat signalisieren Zinsschritte erst einmal eine Position der Stärke. Doch 2022 kommen die US-Wirtschaft und alle anderen Volkswirtschaften voraussichtlich endgültig aus der Corona-Pandemie heraus, und dies wird Verwerfungen mit sich bringen. Arbeitsmarkt, Konsum, Arbeitswelt, Lieferketten, Warenangebot - all dies wird sich nochmals verändern, und die US-Notenbank Fed muss aufpassen, die Balance in der doppelten Übergangsphase zu halten. Das Ende einer Pandemie und der Übergang zu einer neuen Geldpolitik - dieser Gleichklang wird an den Märkten immer wieder Hoffnungen und Sorgen auslösen. Heißt auch, dass die Volatilität sowie Angst und Gier steigen werden.

"Nur wenn die US-Notenbank plötzlich massiv umsteuern sollte auf Inflationsbekämpfung, ändert sich die per se positive Aussicht für die Aktien im Jahr 2022", gibt sich Stefan Riße, Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment, entspannt. Die Investmentbank Goldman Sachs korrigierte allerdings jüngst die Erwartungen für das Wirtschaftswachstum in den USA für das erste Quartal nach unten. Wenig Wachstum bei hoher Inflation ist eine Denksportaufgabe für Börsianer, die nicht unbedingt Spaß macht.

Dazu bewertet der Markt manche Aktien so, als wären sie bombensichere Staatsanleihen von Deutschland oder den USA. Das Wort "Risiken" hat man weder bei Apple noch bei Microsoft oder Google zuletzt lesen können, stattdessen floss selbst bei kleinen Marktkorrekturen immer weiter Geld in die Titel. "Für manche Anleger gelten Apple oder Microsoft als Bond-Ersatz", sagt Analyst Molnar.

Angesichts der Risiken ist es also positiv zu werten, dass nach der positiven Stimmungseskalation Anfang November Realismus bei großen Investoren einkehrte. Wenigstens auf der kurzen Zeitachse sind viele Investoren abgesichert und die Stimmung war rund um Weihnachten auch wegen Omikron defensiv. Dies ist gut, denn es vermindert erst einmal die Fallhöhe an den Märkten.

Es wird spannend

Auf welche Stimmungsindikatoren sollten Anleger achten? 2021 konnte man wunderbar sehen, dass die Angstbarometer VDax und VIX Levels von 15 oder 16 jeweils nur kurz touchierten, ehe danach die Rallys beendet wurden. Auf der anderen Seite wurde jeder Anflug von Angst am Markt direkt wieder für Käufe genutzt. Psychologisch war 2021 dahingehend fast vorbildlich.

Aber es waren eben die Notenbanken, die 2021 von Aktien über Kryptos bis Sonderthemen sehr vieles steigen ließen. Bei Bitcoin oder Ethereum konnte man aber im Dezember schon sehen, dass bei Schwächephasen am Aktienmarkt auch die in sich wertlosen Kryptos sofort nach unten durchgereicht werden. Der Bitcoin hat keinen inneren Wert, auch wenn viele dies immer wieder herbeireden wollen. Insofern werde das Jahr 2022 und die folgenden auch zeigen, wie die Kryptos laufen, wenn das ganz große Notenbankgeld - und damit das Spielgeld für manche - nicht mehr da ist.

2022 wird auch ein Jahr, in dem die Firmen zeigen müssen, was sie können. Die Finanzierung wird durch Zinserhöhungen etwas teurer, das könnte nicht-profitablen Unternehmen Sorgen bereiten. Schon zuletzt waren Airbnb, Uber, Tesla oder Etsy unter Druck, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Für das kommende Jahr sollten sich Anleger gedanklich mit größeren Schwankungen vertraut machen und immer die Beinfreiheit bewahren. Was heißt das? In allzu euphorischen Zeiten sollte man sein Depot absichern, geschickt strukturieren. Wenn die Märkte mal in den Keller rauschen, sollte genug Liquidität vorhanden sein, um Qualität einzusammeln. Dann kann 2022 ein zwar turbulentes, aber ganz schön spannendes Börsenjahr werden.

Daniel Saurenz betreibt das Börsenportal Feingold Research.

Dieser Beitrag stellt keinerlei Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von einzelnen Aktien oder anderen Finanzprodukten dar. Für die Richtigkeit der Daten wird keine Haftung übernommen.

Quelle: ntv.de

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