Wirtschaft

Produktion wird zurückgefahren Abgas-Skandal bremst VW

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Die Technik ist vollkommen in Ordnung, in der Software lag der verhängnisvolle Fehler: In Salzgitter arbeitet ein VW-Mitarbeiter an einem Dieselmotor.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Schockwellen des Skandals verändern den Arbeitsalltag bei Volkswagen: In Salzgitter muss der Konzern die Motorenfertigung drosseln, in Braunschweig gibt es einen ersten Einstellungsstopp. In Wolfsburg steht die nächste Krisensitzung an.

Knapp eine Woche nach dem Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn werden weitere Konsequenzen des Skandals um manipulierte Abgaswerte für VW-Mitarbeiter sichtbar. Im Motorenwerk Salzgitter fuhr VW erstmals die Produktion zurück, wie eine Werkssprecherin erklärte. Vorsorglich sei eine Sonderschicht pro Woche abgesagt worden. Die VW-Sprecherin bestätigte damit entsprechende Angaben der "Wolfsburger Allgemeinen".

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In Salzgitter, wo VW eigenen Angaben zufolge eines der größten Motorenwerke der Welt betreibt, werden täglich rund 7100 Otto- und Dieselmotoren hergestellt. Das VW-Werk dort bietet rund 7000 Mitarbeitern einen soliden Arbeitsplatz. Die gesamte Region rund um die VW-Niederlassung profitiert von der Wirtschaftskraft und der Nachfrage von Europas größtem Autobauer.

Rund 20 Kilometer von Salzgitter entfernt liegt Braunschweig, Sitz der VW-Finanztochter Volkswagen Financial Services. Dort verhängte das Unternehmen zuletzt einen Einstellungsstopp. Die Sperre ist zunächst bis zum Jahresende befristet. "Bereits mündlich gegebene Zusagen für Stellenbesetzungen sind davon aber unberührt", versprach Sprecher Stefan Voges.

Ingolstadt schnallt den Gürtel enger

In den betroffenen Kommunen führt die Aussicht auf einen hohen wirtschaftlichen Gesamtschaden bei Volkswagen bereits zu weitreichenden Vorsichtsmaßnahmen. Nach Wolfsburg und Braunschweig verhängte zuletzt auch der Audi-Standort Ingolstadt angesichts der VW-Abgas-Skandals eine vorläufige Haushaltssperre.

Für dieses und das kommende Jahr würden die Ausgaben der Stadt um 15 Prozent gekürzt. Dies sei "ausschließlich eine Vorsichtsmaßnahme", betonte ein Sprecher der oberbayerischen Stadt. Von "möglichen minderen Ausstattungen" gehe man ausschließlich im Verwaltungshaushalt aus, aus dem laufende Kosten bezahlt werden. Bereits geplante Investitionen für die beiden Jahre seien nicht betroffen. Die VW-Tochter Audi hat ihren Sitz in Ingolstadt und betreibt dort umfangreiche Produktionsanlagen direkt an der Stadtgrenze.

Neue Krisensitzung im VW-Aufsichtsrat

Im Klartext: Die Stadtkämmerer gehen davon aus, dass die Folgen des Skandals Volkswagen so hart treffen könnten, dass sich der Konzern womöglich zu Einsparungen bis hin zum Stellenabbau gezwungen sieht. Da tatsächlich noch nicht absehbar ist, wie sich der Skandal auf den Konzerngewinn und damit auf die Einnahmen aus der Gewerbesteuer auswirken wird, hatten auch Wolfsburg als Konzernsitz und das benachbarte Braunschweig bereits vorsorglich eine Haushaltsperre verhängt.

In der Konzernzentrale in Wolfsburg will sich am späten Nachmittag das Präsidium des Aufsichtsrates erneut zu einer Krisensitzung treffen. Dabei werde das fünfköpfige Gremium unter anderem über einen Zwischenbericht zu der Affäre beraten, hieß es. Nach Angaben aus Konzernkreisen fiel die Entscheidung zum Einbau der manipulierten Software bereits in den Jahren 2005 und 2006, und zwar in der Motorenentwicklung in der VW-Zentrale. Noch unklar ist, ob im Anschluss an die Sitzung mit einer Erklärung zu rechnen ist.

Was geschieht mit Hans Dieter Pötsch?

Darüber hinaus soll es bei dem Treffen auch um weitere Personalentscheidungen gehen. Nach dpa-Informationen wird das Präsidium insbesondere über die Zukunft des bisherigen VW-Finanzchefs Hans Dieter Pötsch beraten. Anfang September hatte das Präsidium Pötsch noch einstimmig als Nachfolger von Ferdinand Piëch an der Spitze des Aufsichtsrates vorgeschlagen. Der langjährige VW-Patriarch Piëch hatte im Frühjahr einen internen Machtkampf mit Winterkorn verloren und war zurückgetreten. Seitdem hat den Posten übergangsweise der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber inne.

VW-Aufsichtsratsmitglied Olaf Lies forderte unterdessen eine konsequente strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen für die Diesel-Manipulationen. "Diejenigen, die erlaubt haben, dass dies geschehen kann und die, die entschieden haben, die Software zu installieren, haben kriminell gehandelt. Sie müssen deshalb dafür die persönliche Verantwortung übernehmen", sagte der niedersächsische Wirtschaftsminister am Mittwoch dem englischen TV-Sender BBC.

Finanzielles Ausmaß noch vollkommen offen

Der Aufsichtsrat müsse jetzt zudem schnell herausfinden, warum er so lange nichts von dem Einsatz der Betrugssoftware erfahren habe. Volkswagen könne nach wie vor nicht absehen, wie hoch der finanzielle Schaden für VW alleine aufgrund der notwendigen Nacharbeiten an den betroffenen Motoren ausfalle, sagte Lies. Es sei noch unklar, wie viele Autos dazu etwa in die Werkstätten zurückgerufen werden müssten, "aber es muss wirklich schnell gehen."

Am Dienstag hatte der Konzern mitgeteilt, dass alleine von der Kernmarke VW fünf Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten geholt werden sollen. Die betroffenen VW-Kunden sollen demnächst per Post informiert werden, sofern ihre Diesel-Fahrzeuge überhaupt nachgebessert werden müssten. VW sprach von "Servicemaßnahmen".

Vor zehn Tagen war herausgekommen, dass VW in den USA mit einem Computerprogramm die Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert hat. Weltweit sind nach Konzernangaben rund elf Millionen Fahrzeuge betroffen, davor rund 2,8 Millionen Fahrzeuge in Deutschland. Der langjährige VW-Chef Winterkorn hatte deshalb vor einer Woche sein Amt aufgeben müssen. Sein Nachfolger ist der bisherige Porsche-Chef Matthias Müller.

VW drohen weltweit Milliardenstrafen. Nach Informationen des Fachblattes "Manager Magazin" wurden bereits ein Dutzend VW-Mitarbeiter beurlaubt. Sie seien an Entwicklung und Einsatz der zur Manipulation von Abgaswerten genutzten Software beteiligt gewesen oder hätten zumindest frühzeitig davon gewusst. Deshalb würden sie bis zur Klärung der Vorwürfe beurlaubt. Betroffen seien Entwickler und Manager höherer Hierarchieebenen in Deutschland sowie den USA.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa

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