Wirtschaft

Versuche an Affen und Menschen "Abgas-Tests waren absurd und widerlich"

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Die Politik verurteilt die Abgas-Tests von VW, Daimler und BMW an Affen und Menschen aufs Schärfste.

(Foto: picture alliance / Julian Strate)

Um das Image ihrer Diesel-Autos aufzupolieren, quälten VW, Daimler und BMW nicht nur Affen, sondern machten auch Menschenversuche. Spitzenpolitiker fordern nun personelle Konsequenzen. VW verspricht "vorbehaltlose Aufklärung".

Nach Berichten über Abgastests an Affen und Menschenversuchen mit Stickstoffdioxid wächst der Druck auf die deutschen Autobauer. "Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Die Empörung vieler Menschen ist absolut verständlich." Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der im VW-Aufsichtsrat sitzt, verurteilte die Tests als "absurd und widerlich". "Die Bezeichnung gilt natürlich erst recht, wenn sich entsprechende Testreihen auf Menschen beziehen", sagte Weil.

Weil brachte auch personelle Konsequenzen ins Gespräch, sollten sich die Vorwürfe bestätigen. "Das alles muss jetzt sehr gründlich und sehr schnell aufgeklärt werden", forderte der SPD-Politiker. "Die Vertreter des Landes Niedersachsen im Aufsichtsrat von Volkswagen werden noch heute eine entsprechende dringliche Aufforderung an den Vorstand von Volkswagen richten", kündigte er an. Er als Aufsichtsrat habe nichts von diesen Vorgängen gewusst, sagte Weil. Er könne sich auch nicht vorstellen, dass andere Aufsichtsratsmitglieder informiert gewesen seien.

VW-Chefaufseher Hans Dieter Pötsch bezeichnete die Schadstofftests als "in keinster Weise nachvollziehbar". "Im Namen des gesamten Aufsichtsrates distanziere ich mich mit allem Nachdruck von derlei Praktiken", sagte Pötsch. Die Vorgänge müssten "vorbehaltlos und vollständig aufgeklärt werden". Er kündigte an, dass sich der Aufsichtsrat bald mit dem Thema beschäftigen werde. "Ich werde alles dafür tun, dass der Vorgang umfassend untersucht wird. Wer auch immer dafür Verantwortung zu tragen hat, ist selbstverständlich zur Rechenschaft zu ziehen."

Uni Aachen bestätigt Menschenversuche

Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, der wie Weil im VW-Aufsichtsrat sitzt, warnte vor Vertuschungsversuchen. "Die Verantwortlichen für diese Versuche verschiedener Autobauer werden sich jetzt ihrer Verantwortung stellen müssen", forderte der CDU-Politiker. "Hier darf es kein Vertuschen oder Verharmlosen geben. Ich rate dringend dazu, hier alles auf den Tisch zu legen." Es seien ethische Grenzen überschritten worden, was weder entschuldbar noch nachvollziehbar sei. Solche Versuche seien "dumm und töricht."

VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh forderte ebenfalls personelle Konsequenzen - sollten Verantwortliche noch bei VW beschäftigt sein. "Der Aufsichtsrat ist sich einig: Hier muss schnellstmöglich lückenlos aufgeklärt werden", sagte Osterloh am Montag in Wolfsburg. "Als VW-Konzernbetriebsrat sind wir erschüttert. Hier sind offensichtlich ethisch-moralische Grenzen überschritten worden."

Institutsleiter Thomas Kraus von der Universität Aachen bestätigte, dass es Schadstoffversuche mit Menschen gegeben hat. Die Studie von 2013, die 2016 veröffentlicht wurde, habe sich mit dem Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz befasst. Weil es keine Studien zu Menschen gegeben habe, seien 25 gesunde Menschen Belastungen ausgesetzt worden, die unterhalb der Belastungen am Arbeitsplatz lägen.

Die Tests seien durch den von VW, BMW und Daimler gegründeten Lobby-Verband Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) gefördert worden. Das habe die Forscher jedoch "in keinster Weise" beeinflusst, sagte Kraus. Die Tests hätten in keinerlei Zusammenhang mit dem Abgasskandal gestanden. Die Ethikkommission habe die Studie als vertretbar bewertet.

Tests sollten Diesel-Image aufpolieren

"Süddeutsche Zeitung" und "Stuttgarter Zeitung" hatten von einer durch die Lobby-Gruppe EUGT finanzierten "Kurzzeit-Inhalationsstudie mit Stickstoffdioxid bei gesunden Menschen" berichtet. Zuvor hatte die "New York Times" von EUGT beauftragte Abgastests an Affen im Jahr 2015 in Albuquerque in New Mexico in den USA enthüllt. Die Tiere wurden dabei in Käfige gesperrt und mussten bis zu vier Stunden lang die Abgase eines VW Beetle einatmen. Dabei wurden ihnen zur Beruhigung Cartoons gezeigt. Federführend war laut Studienleiter dabei VW.

Die Lobby-Gruppe EUGT wollte mit den Tests offenbar im Auftrag von VW, Daimler und BMW Argumente liefern, dass die Abgase deutscher Diesel-Autos dank ihrer Abgasreinigung ("Clean Diesel") gesundheitlich unbedenklich sind. 2012 hatte die Weltgesundheitsorganisation eine Studie vorgelegt, dass Diesel-Abgase krebserregend seien. Zudem überschritt die Stickstoffdioxid-Belastung in vielen deutschen Großstädten wegen der vielen Diesel-Autos damals schon seit Jahren die zulässigen Grenzwerte. Die EU drohte Deutschland mit Bußgeldern.

Die Autokonzerne hätten Schadstoffemissionen zu begrenzen und Grenzwerte einzuhalten und nicht die vermeintliche Unschädlichkeit von Abgasen zu beweisen, sagte Regierungssprecher Seibert. Der geschäftsführende Bundesverkehrsminister Christian Schmidt (CSU) kritisierte die Tests ebenfalls scharf, die laut einem Sprecher ausschließlich PR-Zwecken dienten. Die Untersuchungskommission des Ministeriums zum Abgasskandal solle in einer Sondersitzung prüfen, ob es weitere Fälle gibt.

VW hat sich am Wochenende für die Tests entschuldigt. "Es wäre besser gewesen, auf eine solche Untersuchung von vornherein zu verzichten", teilte der Konzern mit. "Wir entschuldigen uns für das Fehlverhalten und die Fehleinschätzung Einzelner." Auch Daimler distanzierte sich von den Versuchen. "Wir sind über das Ausmaß der Studien und deren Durchführung erschüttert.  Auch wenn Daimler keinen Einfluss auf den Versuchsaufbau hatte, haben wir eine umfassende Untersuchung eingeleitet, wie es dazu kommen konnte."

Quelle: ntv.de, hvg/dpa