Wirtschaft

Fintech auf der Überholspur Am digitalen Bankschalter

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Umbau nötig: Die gute alte Bankfliliale wird immer weniger genutzt.

(Foto: dpa)

Junge Unternehmen greifen mit einfachen Apps im Finanzbereich die Banken an. Die altgedienten Institute kommen kaum hinterher. Für Anleger eröffnen sich dabei Chancen: Man muss kein Wagniskapitalgeber sein, um zu investieren.

Die Digitalisierung erwischt früher oder später jede Branche. Die Bankenbranche, ohnehin bekannt für ihre Affinität zum Fachjargon, hat für den Angriff auf ihre Domäne bereits ein eigenes Wort gefunden: "Fintech". Eine Abkürzung für "Financial Technologie" und der Begriff, der Augen von Risikokapitalgebern derzeit leuchten lässt. Fintech, dahinter vermuten sie das Bankgeschäft der Zukunft, doch worum geht geht es überhaupt?

Kredite von Privatpersonen, Bezahlsysteme fürs Smartphone, Anlagestrategien auf einen Klick oder digitale Währungen - die Spielwiese der jungen und innovativen Unternehmen, die auf den Markt für Finanzdienstleistungen drängen, ist riesig. Von den Banken werden sie längst als Bedrohung wahrgenommen. "Internetfirmen sagen Banken den Kampf an", mit diesem Satz beginnt eine Deutsche-Bank-Studie mit dem Namen "Die digitale (R)evolution im Finanzsektor". Die Start-ups erfinden zwar die Bank nicht neu, doch sie nutzen die Innovationsbehäbigkeit der Institute aus.

Noch stecken viele der neuen Firmen in den Kinderschuhen. Nicht alle der vom Blogger André M. Bajorat gezählten 145 heimischen und der von der Unternehmensberatung Bain recherchierten 3500 internationalen Start-ups werden auch tatsächlich erfolgreich bestehen können. Zu viele Regeln müssen die beachten, die das Geld ihrer Kunden aufbewahren und damit arbeiten wollen und die wenigsten haben bereits eine Banklizenz. Nicht nur das dafür notwendige Eigenkapital, sondern auch die Offenlegungspflicht schrecken ab.

Das gilt natürlich nur für die kleinen Fische im Becken, nicht aber für den Internetriesen Google, der in den Niederlanden bereits eine Banklizenz hat, den Bezahldienst Paypal (Lizenz in Luxemburg) oder für das soziale Netzwerk Facebook, das in Irland eine E-Money-Lizenz beantragt hat.

Bankgeschäfte einfach gemacht

Lange werden sich die Banken vor allem in Deutschland sicher nicht mehr darauf ausruhen können, dass Kunden hierzulande eher vorsichtig mit ihren Daten umgehen und auf Bargeld setzen. Denn die Fintechs entwickeln vor allem eines: einfache, bequeme und vielfach günstigere Lösungen für den Umgang mit den eigenen Finanzen. Überweisungen ins Ausland können etwa durch digitale Währungen deutlich kostengünstiger abgewickelt werden. Beim Bezahldienst von Apple haben sich am ersten Tag nach Start eine Million Kunden angemeldet.

Die Beratungsfirma PWC prognostiziert, dass 2020 elf Millionen Deutsche ihre Bankgeschäfte mobil tätigen werden. "Die Bankfiliale der Zukunft wird das Smartphone sein", sagt etwa Valentin Stalf, Gründer eines der derzeit meistbeachtesten Start-ups in Deutschland. Number 26 hat eine App entwickelt, mit der man über das Handy Überweisungen abwickeln oder den Kontostand checken kann. Zur Kontoeröffnung muss man in keine Filiale gehen, die Authentifizierung läuft über Videochat. Acht Minuten dauert das Prozedere, in den ersten fünf Monaten haben etwa 10.000 Menschen ein Konto eröffnet.

Erst vor kurzem hat die Berliner Firma eine Geldspritze erhalten, die gleichzeitig eine Art Adelung ist: Peter Thiel, Mitbegründer von Paypal hat das junge Unternehmen mit 10 Millionen Euro Wagniskapital seiner Firma Valar ausgestattet und das, obwohl Thiel sonst nie in Berlin investiert. "Valar als Investor zu gewinnen ist ein großer Schritt für uns. Ihre Erfahrungen mit Paypal, Transferwise und Xero sind Beispiele für die Revolution der veralteten Finanzbranche", sagt Stalf.

So sieht die Antwort der Banken aus

"Die Banken haben es in der Hand, ob Fintechs für sie zur Bedrohung werden oder zu einer Möglichkeit, sich mit Hilfe der jungen Firmen zu erneuern", sagt Julian Skan, Experte für Financial Services beim Berater Accenture. Obwohl sich die trägen Bankinstitute mit dem Frontalangriff aus dem Netz schwertun, ganz untätig sind sie nicht.

Die Banken wollen etwa mit dem Verband der Deutschen Kreditwirtschaft Papypal Konkurrenz machen und entwickeln einen Bezahldienst. Allerdings im Schneckentempo, das Projekt soll erst Anfang nächsten Jahres an den Start gehen.

Die Deutsche Bank screent die Szene mittlerweile kontinuierlich und arbeitet seit Anfang Juni mit dem Münchner Jungunternehmen Gini zusammen, die Daten aus Rechnungen auslesen und daraufhin den Betrag überweisen. Fintech-Firmen fördert die Deutsche Bank in drei Innovations-Laboren, die in Berlin, London und Silicon Valley eröffnet werden.

Filialen müssen sterben

Die Commerzbank sucht Anbindung zu den Youngstern über den Main Inkubator, wo die Fintechs neben finanzieller Hilfe und Expertenwissen auch Büroräume zur Verfügung gestellt bekommen. Die Consorsbank kooperiert mit der Crowdinvesting-Plattform Seedmatch und die Sparda Bank mit einer der jüngeren Gründungen der Samwer-Brüder, Zencap, einer Bank für Mittelständler.

So ergibt sogar das letzte Vorhaben der einstigen Doppelspitze der Deutschen Bank, Anshu Jain und Jürgen Fitschen, 200 der 700 Filialen zu schließen, einen Sinn. Die Zahl der Bankfilialen geht landesweit zurück. Eine Studie der Berater von Boston Consulting hat ergeben, dass die Umsätze in diesem Bereich zwischen 2009 und 2014 um neun Prozent auf 54 Milliarden Euro geschrumpft sind und sich dieser Trend nicht aufhalten lässt.

"Es gibt kein ‚Weiter So’ für die deutschen Banken", sagt der Bankenanalyst Rüdiger Filbry. Boston Consulting schätzt, dass bald nur noch zwei Drittel oder sogar die Hälfte der Filialbesucher von heute zu ihrer Bank hingehen werden. Eine Bitkom-Umfrage hat gezeigt, dass Jeder zweite unter 30 Jahren seinen Geldbeutel durch das Smartphone ersetzen würde.

Fintech und Börse

Man muss nicht gleich Risikokapitalgeber sein, um in die zukunftsweisende Branche zu investieren. Die Schweizer Bank UBS etwa bietet das Solactive FinTech 20 Open End Index-Zertifikat (WKN: UNS1FT) an, das die Wertentwicklung börsennotierter FinTech-Unternehmen abbildet. Die Bank weist allerdings darauf hin: "Heute weiß noch niemand, in welche Richtung sich die FinTech-Branche entwickelt und welche Firmen sich letztlich durchsetzen werden." Und einige Geschäftsmodelle der Fintechs sind nicht ohne Risiko: So könnten Banken etwa ihre Gebühren anpassen und damit Start-Ups gefährden, deren Konzept lediglich auf einer günstigeren Finanzdienstleistung basiert. Und die Regulierungen der Europäischen Union könnten künftig etwa Social-Trading-Plattformen, wo Anleger in Depots von privaten Händlern investieren können, existenziell bedrohen.

Eine FinTech-Dienstleistung für Börsianer, die Banken und Broker inzwischen aufgenommen haben, ist die Anbindung von Kunden an die Hochgeschwindigkeitstrassen der Börsen für den sogenannten algorithmischen Handel. "Ein Erfolgsfaktor im algorithmischen Handel ist in erster Linie eine mittels Backtesting geprüfte Handelsstrategie. Hierfür müssen Handelssoftware, Signalverarbeitung wie auch Systemkomponenten auf die Infrastruktur der Börsen abgestimmt sein", erläutert Carsten Rößner, Vorstand der ViTrade AG, einem zur FinTech Group AG gehörenden und auf die Betreuung von Heavy-Trader sowie algorithmischen Handel spezialisierten Broker.

"Ebenso von entscheidender Bedeutung sind die Mechanismen der Risikoüberwachung und der Ausfallsicherheit sowie die Erfüllung der seit 2013 gültigen regulatorischen Auflagen (Hochfrequenzhandels-Gesetz)", sagt Rößner. Im sogenannten Colocation Center können die Kunden sowohl an der Frankfurter Wertpapierbörse als auch an der Terminbörse Eurex in Windeseile ihre Trades umsetzen. Die technische Weiterentwicklung ermöglicht den Handel im Millisekundenbereich – Börsenerfolg ist eben auch eine Frage der Geschwindigkeit.

Disclaimer

Diese Publikation dient nur zu Informationszwecken und zur Nutzung durch den Empfänger. Sie stellt weder ein Angebot noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder Zertifikaten dar.

Quelle: n-tv.de

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