Wirtschaft

Tempo ist atemberaubendAmerikas Schuldenorgie wird zum Problem für Trump

22.08.2026, 08:11 Uhr image (2)Von Hannes Vogel
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Die Investoren haben zunehmend genug von Trumps Versuchen, die globale Weltwirtschaftsordnung mit Zöllen, Iran-Krieg und Annexionsgelüsten zu zerstören. (Foto: picture alliance/dpa/AP)

Jahrzehntelang konnten die USA über ihre Verhältnisse leben, weil Investoren an den Dollar als globale Leitwährung glaubten. Doch diese Freifahrt endet nun womöglich. Trump hat die finanzielle Glaubwürdigkeit der USA zerstört. Seine Wähler wird das am härtesten treffen.

Donald Trump hat einen Gegner, der mächtiger ist als der Iran oder China: der US-Anleihemarkt. Die Bewegungen dieses billionenschweren Giganten haben für ihn mehr Gewicht als manche Drohung aus Teheran oder Peking. Wenn die Käufer von US-Staatsanleihen sich räuspern, muss selbst Trump insgeheim zuhören - ob er will oder nicht. Die Macht von Amerikas Gläubigern ist so groß, dass schon Bill Clintons Berater James Carville 1994 witzelte, wenn er sterbe, wolle er nicht als US-Präsident, Papst oder Allstar-Baseballspieler wiedergeboren werden. Sondern als Anleihemarkt: "Du kannst jeden das Fürchten lehren."

Seit dieser Woche bekommt das auch Donald Trump zu spüren. Die Zinsen für 30-jährige US-Staatsanleihen sind auf über 5,3 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten geklettert. Die Märkte sind damit zinsmäßig in die Zeit vor die Finanzkrise zurückgekehrt. Dass die langfristigen Kreditkosten der USA so bedrohlich steigen, ist ein Warnsignal für Trump: die Investoren haben zunehmend genug von seinen Versuchen, die globale Weltwirtschaftsordnung mit Zöllen, Iran-Krieg und Annexionsgelüsten zu zerstören. 

Die Sorge vor einem Aufstand der US-Geldgeber ist inzwischen so groß, dass US-Finanzminister Scott Bessent ihnen eine Verdoppelung der Rückkäufe der Staatsanleihen mit den längsten Laufzeiten versprochen hat. Die Renditen der 30-Jahres-Anleihen sanken daraufhin sofort um gut 0,1 Prozent, kletterten aber in den folgenden Tagen zurück auf das nahezu gleiche Niveau.

Die Märkte haben Trumps Beruhigungspille nicht geschluckt. Denn die USA verschieben damit lediglich die Laufzeit ihrer Schulden. "Operation Twist" nannte Bond-König Mohamed El-Arian von der Allianz die Rochade im US-Fernsehen: "Man kauft langfristige Anleihen zurück und gibt mehr kurzlaufende aus, um die Renditen kurzfristig zu beeinflussen." Trumps Regierung holt nun der jahrzehntelange Schuldenexzess der USA ein - und ihre eigene finanzielle Verantwortungslosigkeit. 

"Das wird ein böses Ende nehmen"

Mehrere Entwicklungen kommen bei dem historischen Zinsanstieg zusammen: Der als schneller Sieg angekündigte Iran-Krieg, der nun inzwischen sechs Monate dauert und die Inflation anheizt. Der Investment-Rausch der KI-Firmen, die sich Billionen Dollar für immer mehr Rechenzentren leihen und somit der US-Regierung Konkurrenz um knappes Kapital machen. Und schließlich auch die unklare Richtung des neuen Fed-Chefs Kevin Warsh, der trotz guter Gründe für höhere Zinsen bislang zögert sie anzuheben, womöglich auch weil Trump ihn unter Druck setzt.

Doch der größte Belastungsfaktor bleibt Amerikas gigantischer Schuldenberg. Seit dieser Woche stehen die USA erstmals in ihrer Geschichte mit mehr als 40 Billionen Dollar in der Kreide, rund 126 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung, eine ähnliche Schuldenquote wie auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs. Das jährliche Defizit der US-Regierung liegt bei sagenhaften 7,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Inzwischen geben die USA mit mehr als einer Billion Dollar jährlich mehr für Zinsen aus als für das gesamte US-Militär. Der Schuldendienst ist der zweitgrößte Posten im gut 7 Billionen Dollar schweren US-Haushalt. Nur die Sozial- und Rentenversicherung verschlingt noch mehr Geld.

Das Tempo der Schuldenorgie ist atemberaubend: 1981 lag die Schuldenlast noch bei gerade mal einer Billion Dollar. In den vergangenen 20 Jahren hat sie sich vervierfacht, vor allem wegen der steuerfinanzierten Bankenrettung in der Finanzkrise und der Covid-Epidemie. Auch Trump hat kräftig dazu beigetragen: In seinen beiden Amtszeiten hat sie um rund 11,6 Billionen Dollar zugelegt, zum einen wegen der Covid-Hilfsprogramme, zum anderen dank der gigantischen Steuersenkungspakete, die er durch den Kongress gedrückt hat. Als "nicht länger tragfähig" hat Ex-Fed-Chef Jerome Powell den Schuldenberg schon vor Monaten bezeichnet: "Das wird ein böses Ende nehmen, wenn wir nicht bald etwas tun."

Amerikas Gläubiger streiken längst

Denn nicht der hohe Schuldenstand selbst, sondern die absehbare Entwicklung ist das Problem: Amerikas Defizit wächst viel schneller als seine Wirtschaft. Ohne Gegenmaßnahmen geraten die USA damit unausweichlich in eine Abwärtsspirale: "Langfristig ist das ziemlich genau die Definition von untragbar", warnte Powell. Doch Trump schiebt das Unvermeidliche einfach beiseite. Über die Kapriolen der Anleihemärkte solle man sich keine Sorgen machen: "Wir sind ein sehr mächtiges Land und werden diese lächerlichen Zinsen bewältigen." Dabei haben die Märkte längst begonnen, die 40-Billionen-Dollar Rechnung der USA fällig zu stellen. 

Eine Schuldenkrise wie in Argentinien oder Griechenland hat es bislang zwar nicht gegeben - auch wenn Washingtons Zinskosten heute ironischerweise höher liegen als die Athens. Und laut Nobelpreisträger Paul Krugman ist sie auch noch nicht in Sicht. Allerdings nur unter der Bedingung, dass Trumps Nachfolger irgendwann den Scherbenhaufen aufräumen. Und weil die USA sich in ihrer eigenen Währung verschulden können. Dank der Rolle des Dollars als globaler Leitwährung tragen Investoren aus Europa und Asien seit Jahrzehnten beständig ihr Geld nach Übersee, um es zu dort investieren, statt es zu Hause anzulegen. Diese Geldschwemme gibt den USA eine Art Freifahrtschein zum Schuldenmachen.  

Deshalb ist Trumps Politik so verheerend: er hat Amerikas finanzielle Glaubwürdigkeit mit seinem Zollkrieg, mit seinen imperialen Drohgebärden gegen Washingtons engste Verbündete in Europa und mit der Aushebelung des globalen Handelssystems vollends ruiniert. Auch daher sperren sich internationale Geldgeber zunehmend, wie bisher ihre Portemonnaies zu öffnen und Washingtons riesige Defizite weiter zu finanzieren. 

Trumps Wähler zahlen die Zeche

Japan etwa hat in den vergangenen Wochen massiv US-Staatsanleihen verkauft, um den historischen Verfall des Yen aufzuhalten, der auf den tiefsten Stand seit 40 Jahren abgestürzt ist .Das US-Finanzministerium intervenierte daraufhin offenbar sogar zusammen mit Tokio zugunsten des Yen am Devisenmarkt, um in Japan den Verkaufsdruck auf seine eigenen Staatsanleihen zu verringern. So sehr Trump auch versucht, den Zinsdruck wegzulächeln: sein eigener Finanzminister Bessent beweist damit, dass er zum massiven Problem für ihn geworden ist.  

Denn die steigenden Renditen für US-Staatsanleihen verteuern nicht nur die Schuldenaufnahme der US-Regierung. Sondern so gut wie alle Darlehen in der US-Wirtschaft: Firmenfinanzierungen, Hypotheken, Autokredite - und damit die Lebenshaltungskosten von Millionen Amerikanern. Sie konkurrieren mit der Trump-Regierung um das Geld, das Banken und internationale Anleger verleihen. 

Bond-König El-Erian sieht daher in Bessents Beruhigungspille für die Anleihegläubiger vor allem ein politisches Signal: Die steigenden Zinsen für US-Staatsanleihen verschärften den "Erschwinglichkeitsdruck" und seien "ein großes politisches Thema" vor den Zwischenwahlen zum US-Kongress im Herbst. Denn vor allem Haushalte mit niedrigem Einkommen - Trumps eigene Wähler - seien überproportional betroffen: Sie könnten sich keine Hauskredite mehr leisten und ihre Kreditkartenschulden explodierten. Amerikas Schuldenberg - getrieben von Trumps sorgloser Zerstörung der US-Kreditwürdigkeit und dem unstillbaren Kapitalhunger der KI-Riesen - ist akut einsturzgefährdet: "Im Grunde wetten wir darauf, dass höheres Wachstum in der Zukunft es uns erlauben wird, all diese Schuldenmacherei auf Unternehmens- und Regierungsebene zu stemmen." 

Quelle: ntv.de

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