Wirtschaft

"Eine große politische Schlappe" Asien-Pakt dürfte deutsche Auto-Jobs kosten

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Ein Autotransport von VW für China. Wenn höhere Einfuhrzölle oder schärfere Produktvorschriften in Fernost greifen, wird die Verlagerung von Produktionsstätten interessant.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das neue chinesisch-asiatische Freihandelsabkommen RECP nötigt der deutschen Autoindustrie Entscheidungen ab. Denn die wichtigsten Wettbewerber sind nun Teil dieses Bündnisses. Laut Auto-Experte Dudenhöffer gibt es nur einen Ausweg: die Verlagerung der Produktion nach Fernost.

Der neue Super-Pakt RECP, den China mit 14 asiatisch-pazifischen Staaten abgeschlossen hat, wird den globalen Auto-Markt radikal verändern. Denn er stärkt die asiatischen Konkurrenten der deutschen Autobauer, wie Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR) warnt. Dass die Europäer mit diesem Abkommen nun ins Hintertreffen geraten, habe weitreichende Folgen, die auch demonstrierten, wie "naiv" Europa und Deutschland am Weltmarkt agierten.

"Die Welt verändert sich schnell mit RECP", sagt Dudenhöffer. "Da Japan und Südkorea Mitglied des Freihandelsabkommen sind, haben Toyota, Honda, Nissan sowie Hyundai und Kia einen wichtigen Zugang zum chinesischen Automarkt." Gleiches gelte für Zulieferer wie Denso, Bridgestone oder Sumitomo und wichtige asiatische Batterielieferanten wie Panasonic oder Samsung.

Der Pakt sei eine "große politische Schlappe", kritisiert der Auto-Experte. Und letztlich die Quittung für den "einseitigen US-Kurs von Bundesregierung und EU". Die Autobauer könnten nur eine Konsequenz aus Pekings Super-Pakt ziehen: Sie müssten sich dringend mehr nach Fernost orientieren: "Ein Ausweg kann nur sein, noch stärker in Asien Produktionen aufzubauen", so Dudenhöffer. Gleiches gelte für die Zulieferer.

Das bedeutet in der Konsequenz aber auch, dass Auto-Jobs hierzulande verloren gehen werden. Die Bedeutung der RECP-Freihandelszone für den Welt-Automarkt ist immens. Die RECP-Staaten sind die Länder mit den höchsten Wachstumsraten der Welt, etwa ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung wird hier erbracht. Die HSBC prognostiziert, dass es 2030 bereits 50 Prozent sein werden. Außerdem leben in diesem Wirtschaftsraum mehr als zwei Milliarden Menschen. Allein in diesem Jahr werden hier nach Hochrechnung des CAR-Instituts 27,6 Millionen Neuwagen verkauft. Das entspricht einem Weltmarktanteil von 42,7 Prozent. Tendenz steigend. Ab 2030 dürfte hier fast jedes zweite Auto verkauft werden.

Ein Weckruf für Europa und die USA

"Die Zahlen zeigen, wie naiv die EU und die Bundesrepublik industriepolitisch im Weltmarkt agieren", kritisiert Auto-Experte Dudenhöffer. Während enge Verbündete der USA wie Japan und Südkorea den Schulterschluss beim Handel mit China übten, "sind unsere Unternehmen in Zukunft stärker von Zöllen, Produktharmonisierungen, Exporteinschränkungen getroffen". Luxusmodelle wie die Mercedes S-Klasse der BMW 7er oder ein Porsche 911 werden noch in Deutschland produziert. Künftig könne es aber sinnvoll sein, diese Produktionslinien nach Asien zu verlegen.

Wie wichtig der Export nach Asien ist, zeigen die Exportzahlen: 2019 wurden immerhin 670.000 in Deutschland produzierte Fahrzeuge nach Asien exportiert. Das sind knapp 15 Prozent aller hierzulande gefertigten Fahrzeuge - und es sind überwiegend die großen, teuren Fahrzeuge, in denen viel Wertschöpfung enthalten ist. "Bei 840.000 Beschäftigten bei Autobauern und Zulieferern sind - wenn man das anteilig umlegt - 120.000 Menschen für die Asien-Exporte tätig gewesen. Das sind keine Peanuts", rechnet der Auto-Experte vor.

Für Dudenhöffer führt deshalb kein Weg an China vorbei. Überdacht werden müssten auch die großen SUV-Hubs, die BMW und Daimler in den USA aufbauen wollten. Auch wenn damit Stress mit Washington programmiert ist. Denn Geschäfte mit oder in China werden den USA - auch unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden - nicht gefallen. Dudenhöffer rät dennoch zwischen dem Schaden, den die Zollkriege der USA verursacht haben, und den Risiken, die eine Zusammenarbeit mit Peking bergen könnte, abzuwägen.

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Die USA wandelten immer mehr zu einer "Welt von gestern". In der Vergangenheit wäre es deshalb deutlich geschickter gewesen, "China nicht ständig an den Pranger zu stellen und im Nordatlantik-Pakt seine Zukunft zu suchen". Technologieführerschaft werde in Zukunft im Asienraum stattfinden, so der Auto-Experte weiter. "Bi- oder multilaterale Wirtschaftsgespräche und -abkommen mit China und anderen wichtigen Ländern in Asien seien daher sehr wichtig. Gleiches gilt im Forschungs- und Wissenschaftsbereich. Was Südkorea oder Japan gemacht hat, wäre auch für uns möglich". "Nähe zu Asien" sollte die Zielvorgabe für die Ausrichtung der deutschen und europäischen Wirtschafts- und Industriepolitik sein.

Auch Ifo-Präsident Clemens Fuest appellierte am Dienstag, auf das von Peking initiierte Bündnis zum Beispiel durch verstärkte Initiativen der Europäischen Union zu reagieren. Handelspolitisch könnte der Pakt ein Weckruf in den USA und Europa sein, sagte der Ökonom: "Die EU sollte ihrerseits Handelsabkommen mit asiatischen Staaten ausbauen und dem neuen US-Präsidenten Joe Biden anbieten, unverzüglich die Handelsgespräche wieder aufzunehmen." Da Biden bislang kein großer Vertreter des Freihandels sei, sei hier aber noch viel Überzeugungsarbeit nötig. Auch darin sind sich die Experten einig.

Quelle: ntv.de