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Interview zum BMW-Chefwechsel "Auto-Boss ist ein mörderischer Job"

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Oliver Zipse ist der neue Mann auf dem BMW-Chefsessel.

(Foto: picture alliance/dpa)

Oliver Zipse ist neuer Vorstandschef von BMW. Ein radikaler Neuanfang ist das nicht. Der neue Mann an der Spitze steht für Kontinuität. "Das ist das Erfolgsrezept des Familienunternehmens", sagt Autoexperte Becker n-tv.de. "Visionäre sind in der Autoindustrie völlig fehl am Platz."

n-tv.de: Produktionsvorstand Oliver Zipse wird neuer BMW-Chef. Ist er die richtige Wahl?

Helmut Becker: Eindeutig ja. Er ist mit 55 Jahren vergleichsweise jung, gut ausgebildet, spricht perfekt Englisch. Als Ex-Leiter der Konzernplanung kennt er nicht nur die Kostenstrukturen, er kennt das gesamte Unternehmen in- und auswendig. Außerdem sieht er gut aus. Zipse verkörpert voll und ganz die Marke BMW. Er ist der neue Mr. BMW.

Zipse ist eine typische BMW-Lösung, wieder ein Mann aus dem eigenen Haus. Sind Externe keine Option?

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Im konkreten Fall eindeutig nein. Warum in die Ferne schweifen, wo das Gute liegt so nah. BMW ist ein Familienunternehmen (größter Anteileeigner mit zusammen etwa 46,8 Prozent ist die Industriellenfamilie Quandt, Anmerkung der Red.). Die besten Leute kommen aus den eigenen Reihen. Eberhard von Kuenheim war über 30 Jahre lang Vorstandvorsitzender. Er hat die Eigentümer-Familie Quandt zu einer der reichsten Familien Deutschland gemacht. Inhouse-Besetzungen und lange Laufzeiten sind offenbar ein Erfolgsrezept.

BMW hat früher als die Konkurrenz in E-Mobilität investiert, aber auch schnell auf die Bremse gedrückt. Stattdessen fährt der Konzern heute mehrgleisig und baut alles von Verbrennern über Hybrid- bis Elektroautos. Das wirkt nicht gerade wie eine klare Strategie.

Das ist eindeutig die richtige Strategie. Flexibilität ist Trumpf, weil niemand weiß, welche Antriebsart sich durchsetzen wird. BMW wollte E-Mobilität und hat bis dato auch das einzig voll elektrifizierte Auto gebaut. Das war unter Norbert Reithofer. BMW war da nicht nur extrem innovativ, sondern auch absolut konsequent. Bedenken Sie, VW fängt damit gerade erst an. Zipse gehörte damals schon zu Reithofers Mannschaft. Die Kunden haben jedoch nicht mitgemacht. Und BMW machte logischerweise einen Rückzieher. Innovation ist immer auch ein Risiko, Pioniere müssen viel leiden.

Sie glauben, Zipse wird an dieser Zwitter-Strategie festhalten? Der Trend in der Branche geht woanders hin, siehe Volkswagen.

Ist das so? Volkswagen-Chef Herbert Diess steht doch mit hängenden Ohren da. Der Kunde will keine E-Autos. Die E-Strategie geht in die völlig falsche Richtung. Warum meinen Sie, dass Wasserstoff plötzlich wieder ein Thema ist? Nur auf E-Mobilität zu setzen, ist in meinen Augen Harakiri für die Konzerne.

Elektromobilität ist nicht das einzige Thema, das die Autobranche umtreibt. Bei den Themen autonomes Fahren und Vernetzung müssen sie sich auch zunehmend gegen die Konkurrenz von IT-Konzernen behaupten. Ist Zipse ein Visionär, der da mithalten kann?

Zipse muss eigentlich nur gesunden Menschenverstand mitbringen, sonst gar nichts. Visionäre sind in der Autoindustrie völlig fehl am Platz. Der verstorbene Alt-Kanzler Helmut Schmidt hat im Bundestagswahlkampf 1980 gesagt: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Für die Auto-Konzerne steht zu viel Geld auf dem Spiel. Wir sind in der realen Welt. Visionen umzusetzen dauert zu lange. Das ist was für IT-, aber nicht für Autokonzerne. Wenn im Jahr 2050 die große Flut kommt und wir Schwimmautos brauchen, hat es keinen Sinn, damit jetzt zu beginnen.

Krüger galt als sehr zögerlich, er verabschiedet sich auch früher aus dem Amt als erwartet. Wird mit Zipse nun ein autoritärer Wind wehen?

Krüger wird verkannt, er war gesundheitlich angeschlagen. Er war einfach nicht mehr fit genug. Es ist auch nicht korrekt, anzunehmen, dass Zipse ihn nun verdrängt. Krügers Abschied fand im gegenseitigen Einvernehmen statt. Vorstandsvorsitzender von einem Autokonzern zu sein, ist ein mörderischer Job. In jedem Fall wird es jetzt der Wind der Veränderung sein. Und das ist gut. Zipse ist jung und gesund. Er hat auch noch die gewisse Leichtigkeit. Sein Gegenkandidat, Klaus Fröhlich, war für mich ehrlich gesagt eher nur zweite Wahl.

Bei Elektromobilität fährt BMW hinterher - das ist eine bewusste Entscheidung. Es gibt aber Baustellen, da sind Ideen gefragt: Anfang des Jahres hat der Konzern erstmals seit zehn Jahren einen Verlust geschrieben. Erwarten Sie Einschnitte?

Nein, da spielten Sonderfaktoren eine Rolle. Ich sehe nicht, dass BMW sich von der Konkurrenz am Markt abhängen lassen hat. Alle Autobauer haben Verluste gemacht, sogar der chinesische Volvo- oder der indische Jaguar-Konzern. Das ist der Situation geschuldet. Die deutschen Hersteller wollen auf allen Hochzeiten tanzen, das kostet einen Haufen Geld. Sie sind gezwungen, viel im Vorlauf zu investieren, ohne dass Geld zurückfließt. Aber die E-Mobilität entwickelt sich für alle zu einem kostspieligen Flop. Die Amerikaner, General Motors und Ford machen das anders. Da steht nur das IT-Unternehmen Tesla vor der Pleite.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne. Er war 24 Jahre BMW-Chefvolkswirt. Heute leitet er das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation" (IWK) und berät Firmen in automobilspezifischen Fragen.

Der ehemalige Vorstandschef und heute Aufsichtschef Norbert Reithofer gilt als eine Art Schatten-Chef, der Krüger klein gehalten haben soll. Wird Zipse sich emanzipieren?

Aufsichtsratsvorsitzende sind immer Schatten-Chefs. Reithofer ist als Chefaufseher dazu da, um zu kontrollieren. Einer muss für Ordnung sorgen. Außerdem ist er ein Ingenieur, ein Techniker. Ingenieure lösen Probleme, das ist ideal. Das Verhältnis zwischen Reithofer und Zipse muss zudem gut sein, sonst wäre Zipse jetzt nicht neuer Vorstandsvorsitzender. Das neue Vorderrad-Konzept für den 118d ist unter seiner Ägide entstanden - ein Verbrenner übrigens.

BMW ist ein verhältnismäßig kleiner Autobauer im Vergleich zu VW, Toyota oder GM. Ist das ein Vor- oder Nachteil?

Eindeutig ein Vorteil, weil der Konzern wendiger ist als die Konkurrenten. BMW ist in den vergangenen 40 Jahren am schnellsten gewachsen. Vor zehn Tagen hat der Konzern eine Kooperation mit Daimler bekannt gegeben. Die beiden Autobauer wollen bei der Entwicklung von Fahrassistenzsystemen kooperieren. Ziel ist eine Markteinführung in Serien-Pkw ab 2024. Die Größe eines Unternehmens spielt also nicht unbedingt eine Rolle. Und noch einen Trumpf hat BMW: Der Konzern ist im Handelsstreit zwischen den USA und China solide aufgestellt und "trumpfest".

Die Mehrheit der Dax-Unternehmen hält sich inzwischen an eine Zwei-Jahres-Abkühlfrist für Vorstandschefs, die den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen wollen. Norbert Reithofer wechselte 2015 jedoch direkt. BMW scheint Sonderwege zu bevorzugen.

Weil BMW als Familienunternehmen diese Art von Aktionärsschutz nicht nötig hat. Norbert Reithofer war als Vorstandsvorsitzender der Vertraute der Eigentümer, warum sollte er es als Aufsichtsratsvorsitzender plötzlich nicht mehr sein? Das ergibt keinen Sinn. Es wird immer eins vergessen: Wir leben in eine Marktwirtschaft. Wer das Geld hat, bestimmt. Dafür trägt die Familie auch das Risiko und die Verluste. Siehe Rover-Debakel. Die Übernahme erwies sich als folgenschwere Fehlentscheidung, die BMW insgesamt neun Milliarden D-Mark und den Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder seinen Posten kostete. Aber so was übt.

Mit Helmut Becker sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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