"Schleichende Katastrophe"Autobauer verlagern Produktion immer mehr ins Ausland
Von Christina Lohner
Aufgrund der vergleichsweise hohen Kosten hierzulande flüchtet die deutsche Autoindustrie zunehmend nach Osteuropa. Branchenkenner fordern ein Umsteuern von mehreren Seiten.
In der Öffentlichkeit wenig beachtet sinkt die Fahrzeugproduktion in Westeuropa deutlich. In den größten westeuropäischen Fertigungsländern Deutschland, Spanien, Italien und Großbritannien wurden im vergangenen Jahr mehr als ein Viertel weniger Autos und leichte Nutzfahrzeuge hergestellt als 2019, wie das "Handelsblatt" berechnet hat. In Deutschland betrug das Minus demnach 16 Prozent, in Großbritannien und Italien sogar mehr als 40 Prozent. Die Autobauer produzieren einerseits weniger und verlegen andererseits einen Teil der Fertigung nach Osteuropa. "Niemand spricht laut darüber, aber wir haben eine schleichende Verlagerung von Produktion und Arbeitsplätzen ins Ausland", sagte Branchenexperte Stefan Bratzel im Gespräch mit ntv.de. Um nicht noch mehr der wertvollen Jobs zu verlieren, müssten Mitarbeiter wie Unternehmen jetzt "Kröten schlucken".
In Osteuropa ging die Fertigung dem Bericht zufolge nur um knapp acht Prozent zurück. In Rumänien nahm sie sogar um gut elf Prozent zu. "Wir müssen uns eingestehen, dass wir in Deutschland niedrige Arbeitszeiten bei hohen Löhnen und Krankheitskosten haben", meint Bratzel. "Wir können nicht mehr auf unseren früheren Vorsprung vertrauen. Auch wenn es wehtut: Die Party ist vorbei." Die Kosten für Energie, die Personalnebenkosten sowie der Bürokratieaufwand seien zu hoch. Branchenexperte Frank Schwope führt noch weitere Gründe an: "Produktion wird dahin verlagert, wo die Rahmenbedingungen wie Lohnkosten, Energiekosten, Subventionen, Steuern und Investitionsanreize, aber auch Qualifikationen am besten sind", sagte er ntv.de.
Unter anderem Ungarn erfüllt diese Voraussetzungen. Im vergangenen Jahr lag die Stückzahl dort zwar noch ein Drittel unter dem Vor-Corona-Niveau, doch das dürfte sich in diesem Jahr ändern. Mercedes-Benz will seine Kapazität in Kecskemét von 200.000 auf 400.000 Fahrzeuge verdoppeln. Die Fertigung ist nach Unternehmensangaben 70 Prozent günstiger als in Deutschland. Im neuen BMW-Werk im ungarischen Debrecen läuft seit Oktober der iX3 vom Band, das erste Fahrzeug der komplett neu entwickelten Elektromodelle der Münchener. Die VW-Tochter Audi baut in Ungarn auch den Terramar für ihre Schwestermarke Cupra.
Die IG Metall nennt die Produktionsverlagerungen eine "schleichende Katastrophe für Deutschland mit Blick auf Wohlstand, Resilienz, Zusammenhalt und Zukunft". Immer mehr Unternehmen bauten "aus kurzsichtigem Kostenkalkül Industriesubstanz ab", teilte die Gewerkschaft dem "Handelsblatt" mit. Schwope stellte klar: "Wenn Produktion ins Ausland verlagert wird und damit auch Arbeitsplätze verloren gehen, droht perspektivisch die Schließung überflüssiger Werke."
Berater würden VW-Werke dichtmachen
Nach Einschätzung von McKinsey lohnen sich gar acht von zehn Fahrzeugwerken des VW-Konzerns nicht mehr - nach Informationen der "Bild"-Zeitung schlugen die Unternehmensberater deren Schließung vor. Nur das VW-Stammwerk in Wolfsburg und Audi in Ingolstadt sollten erhalten bleiben. Das VW-Management lehnte - auch wegen der fehlenden Umsetzbarkeit - demnach ab, lässt sich aber von anderen Unternehmensberatern ein weiteres Kostensenkungsprogramm ausarbeiten.
"Es ist allen klar, dass wir die Ausgaben kürzen müssen, weil die Werke eine zu hohe Kapazität haben", zitierte die Zeitung einen hochrangigen Manager. Dabei zückten die Wolfsburger den Rotstift bereits vor gut einem Jahr, bis 2030 sollen konzernweit 50.000 Stellen wegfallen. Werkschließungen und betriebsbedingte Kündigungen wurden im Gegenzug ausgeschlossen.
Die neuen radikalen Sparideen dürften auch ein Signal an die Konzerneigner-Familien Porsche und Piëch sein, die mit dem Kompromiss von Ende 2024 unzufrieden sein sollen. Eine Kampfansage an den Betriebsrat sind sie in jedem Fall. Bei VW ist im vergangenen Jahr der Gewinn um fast die Hälfte eingebrochen, bei der Luxustochter Porsche sogar um mehr als 90 Prozent.
Volkswagens größte Baustellen sind Bratzel zufolge Porsche, die Premiumschwester Audi sowie die wichtigen Märkte China und USA. In der Volksrepublik leiden die deutschen Hersteller unter der weiter wachsenden heimischen Konkurrenz, in Amerika unter Donald Trumps Zöllen. Die Branche steckt inzwischen seit Jahren in einer tiefen Krise, wobei die Deutschen immerhin bei der Elektromobilität aufgeholt haben. Zu teuer im Vergleich zur Konkurrenz sind deutsche Stromer allerdings immer noch.
Neben Arbeitnehmervertretern und Management sehen Branchenexperten auch die Politik in der Pflicht. "Der Staat muss die Rahmenbedingungen für die Hersteller und Zulieferer verbessern", fordert Schwope. Allerdings dürfe dieser dabei "nicht sinnlos mit Steuergeldern um sich schmeißen wie bei der Abwrackprämie und der Elektroautoprämie". Bratzel meint etwa: "Wie in anderen Ländern müssen zum Beispiel die ersten ein, zwei Krankheitstage ohne Lohnfortzahlung sein, das wird Krankschreibungen freitags und montags deutlich reduzieren."
Er verlangt zudem "eine neue Kooperationskultur": einen langfristigen Schulterschluss zwischen Politik, Gewerkschaften und Industrie, um wieder einen technologischen Vorsprung zu erreichen. "Wir werden nie günstiger Autos produzieren als in anderen Ländern", betont der Experte. "Deshalb müssen diese so viel besser sein, wie sie teurer sind." An eine Rückkehr zum früheren Produktionsniveau von weit mehr als vier Millionen Fahrzeugen pro Jahr glaubt Bratzel allerdings nicht.