Wirtschaft

Nackte Angst und letzte Appelle Banken dicht, Barabhebungen beschränkt, Börsen-Crash?

Am Freitag geht der Dax mit einem Plus aus dem Handel. Dann kündigt Griechenlands Regierungschef ein Referendum an. Gläubiger und Euro-Politiker sind erbost - das Hilfsprogramm für das überschuldete Euroland läuft aus. Damit scheint die Pleite unabwendbar. Wie reagieren die Finanzmärkte, wie die Griechen selbst und was bedeutet das für Urlauber?

Nach dem Scheitern der Verhandlungen mit den internationalen Geldgebern befindet sich Griechenland in eine der größten Krisen seiner Geschichte. Erstmals sind im dem Euroland alle Banken geschlossen. Zudem gelten Kapitalverkehrskontrollen. Deren Einführung hatte der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras in einer Fernsehansprache angekündigt - als Reaktion auf die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), die Notkredite für griechische Banken einzufrieren. Der Vorstandsvorsitzende der Piräus Bank, Anthimos Thomapoulos, sagte vor Journalisten in Athen, die Regierung habe den Geldinstituten die Öffnung untersagt.

Gleichzeitig appellierte Tsipras an das Volk: Die "Geldeinlagen in griechischen Banken sind absolut sicher", sagte er. Gehälter und Renten seien "garantiert". In den kommenden Tagen sei Geduld und Gelassenheit nötig. Die kritische Situation könne überwunden werden, zeigte er sich zuversichtlich.

Notkredite eingefroren

Griechenlands Geldinstitute sollen vom Montag an bis zum 6. Juli und damit bis nach der geplanten Volksabstimmung geschlossen bleiben. Das stand in einer in einer veröffentlichten amtlichen Mitteilung. Die täglichen Barabhebungen an Geldautomaten werden der Mitteilung zufolge für Griechen auf 60 Euro pro Tag beschränkt. Mit der offiziellen Bekanntgabe wurden entsprechende Berichte griechischer Medien bestätigt. Unterzeichnet wurden die Verfügungen von Griechenlands Staatschef Prokopis Pavlopoulos und Tsipras. Es handele sich um Maßnahmen "von extremer Dringlichkeit".

Die Einschränkungen bei den täglichen Barabhebungen würden aber nicht für ausländische Urlauber gelten, wenn diese "mit einer in ihrem Herkunftsland ausgestellten Kreditkarte Transaktionen und Abhebungen" vornehmen wollten, teilte die Regierung in Athen mit.

Die EZB hatte zuvor beschlossen, die Notkredite auf dem aktuellen Stand von rund 90 Milliarden Euro einzufrieren. Griechenlands Banken sind seit Monaten auf Nothilfen angewiesen. Die Lage hatte sich noch dadurch verschärft, dass verunsicherte Verbraucher und Unternehmen große Mengen Bargeld von ihren Konten abhoben. Die Einlagen fehlen den Banken in ihrem Tagesgeschäft. Zahlreiche Geldautomaten in Griechenland waren bereits am Wochenende leer.

Was machen die Finanzmärkte?

Ob die Athener Börse zum Start in die neue Handelswoche öffnen wird, war zunächst unklar. Wie heftig die Finanzmärkte auf die Entwicklung reagieren, mochte auch kein Experte exakt vorhersagen. Einige Händler erklärten allerdings, das Scheitern der Gespräche sei von ihnen nicht erwartet worden und damit nicht "eingepreist" gewesen. Einige Marktteilnehmer sprachen von einem möglichen Abschlag beim Dax von vier Prozent. Am Freitag war der deutsche Leitindex mit leichten Gewinnen aus dem Handel gegangen.

In Japan gab der Leitindex an der Tokioter Börse bereits deutlich nach: Der Nikkei-Index der 225 führenden Werte rutschte  zeitweise um mehr als 440 Punkte oder 2 Prozent auf 20.263 Zähler ab. Der Euro gab im frühen, asiatisch geprägten Handel ab und notierte unterhalb der 1,10er Marke. Die EZB hatte am Freitagmittag den Referenzkurs auf 1,1202 Dollar festgesetzt.

Deutsche Großbanken sehen sich für einen möglichen Kollaps des griechischen Finanzsystems gewappnet. "Wir sind sehr gut vorbereitet, weil wir uns seit langem auf eine solche Situation eingestellt haben", sagte ein Sprecher der Commerzbank. Die Deutsche Bank erklärt, sie habe ausreichende Sicherheitsmechanismen, um ihre Geschäftsaktivitäten sowie Kundenservices zu gewährleisten. Zahlreiche Banken haben den Ernstfall einer Staats- oder Bankenpleite in Trockenübungen durchgespielt, wie es in Finanzkreisen heißt. "Wir haben ein genaues Drehbuch für diese Situation", sagte ein führender Risikomanager einer deutschen Großbank zu Reuters.

Politischer Scherbenhaufen

Vorausgegangen waren dramatische Stunden: Tsipras hatte in der Nacht zum Samstag überraschend ein Referendum über die Vorschläge der Geldgeber für den kommenden Sonntag angekündigt. Die Finanzminister der Eurozone warfen ihm daraufhin vor, einseitig die Verhandlungen abgebrochen zu haben, und entschieden, das am Dienstag auslaufende Hilfsprogramm für Athen nicht zu verlängern. Ohne frisches Geld droht Griechenland binnen weniger Tage der Bankrott.

Der griechische Regierungschef betonte in seiner Fernsehansprache, er habe den Präsidenten des Europarates, die Regierungschefs der Eurozone, den EZB-Präsidenten sowie die Präsidenten der EU-Kommission und des Europaparlaments gebeten, das zum Monatsende auslaufende Hilfsprogramm für Athen zu verlängern. "Ich erwarte ihre sofortige Antwort auf diese einfache demokratische Bitte", sagte Tipras. Der Eurogruppe warf er erneut den Versuch vor, "das griechische Volk zu erpressen". Die Weigerung der Eurogruppe, das Hilfsprogramm zu verlängern, sei der "noch nie dagewesene Versuch, das Recht eines souveränen Volkes auf eine demokratische Entscheidung in Frage zu stellen".

Athen auf Reformweg zurückführen

In Berlin löste die Zuspitzung im Schuldenstreit Alarmbereitschaft aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief die Partei- und Fraktionschefs der Bundestagsparteien für Montagmittag (13.30 Uhr) zu einem Treffen ins Kanzleramt. Vertreter der Koalitionsparteien machten aus ihrem Ärger über die griechische Regierung keinen Hehl: "Die Enttäuschung ist schon sehr groß", sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte der "Welt am Sonntag": "Der Zickzackkurs der griechischen Regierung in den letzten Stunden und Tagen macht einen doch fassungslos."

Die Grünen verlangten ein Eingreifen Merkels. "In der Zuspitzung der Krise dürfen nicht die Finanzminister das letzte Wort haben", erklärten die Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter. Sie forderten einen EU-Sondergipfel.

Am Sonntagabend hatte Merkel nach Angaben aus Washington mit US-Präsident Barack Obama telefoniert. Beide hielten es "entscheidend wichtig", Griechenland auf einen Reformweg zurückzuführen und in der Eurozone zu halten, erklärte das Weiße Haus. US-Finanzminister Jacob Lew rief alle Verhandlungsparteien auf, die Suche nach einem Ausweg aus der Krise fortzusetzen. Dazu gehöre auch eine Diskussion über einen möglichen Schuldenschnitt für Griechenland.

Der französische Präsident François Hollande berief für Montag eine Krisensitzung seines Kabinetts ein. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde erklärte, die kommenden Tage seien entscheidend für das weitere Schicksal Griechenlands und auch der Eurozone. Der IWF werde deshalb die "Entwicklungen in Griechenland und anderen Ländern in seiner Nähe beobachten und wenn nötig Unterstützung geben". Theoretisch wären neue Verhandlungen jederzeit möglich.

Quelle: n-tv.de, bad/AFP/dpa/rts

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