"Bekommen den Hals nicht voll""Schamlos!" - Reisenden platzt der Kragen wegen Lufthansa-Streiks
Annullierte Flüge, überlastete Hotlines, geplatzte Pläne. Nach tagelangen Streiks entlädt sich in Foren der Frust gestrandeter Lufthansa-Passagiere - teils scharf, teils auch unter der Gürtellinie. Kippt jetzt die Stimmung komplett?
Der User mit dem Namen PradeYT ist genervt. "Stell dir vor, du arbeitest hart in einem Beruf, in dem man nicht streiken darf. Dann fliegst du extra Freitag zurück, damit du rechtzeitig da bist. Freitag fällt dein Flug aus, weil eine kleine privilegierte Gruppe den Hals nicht voll bekommt", schreibt der als Stammgast klassifizierte Nutzer. Auch an den anderen Tagen könne man nicht fliegen, schließlich werde auch da gestreikt. "Möge Lufthansa das mal vor Gericht kippen. Verhältnismäßig ist hier ja nichts mehr."
Die Streiks der Pilotengewerkschaft Cockpit und der Flugbegleitergewerkschaft Ufo erhitzen die Gemüter – nicht nur im Online-Forum Travel Dealz. Bereits vergangenen Freitag streikten die Flugbegleiter. Diesen Montag und Dienstag legten dann die Piloten die Arbeit nieder. Am heutigen Mittwoch und Donnerstag sind wieder die Flugbegleiter dran. Fünf Tage am Stück wird die größte deutsche Airline damit bestreikt.
Lufthansa hat günstigere Tochtergesellschaften gegründet
Mit ihrem Streik durchkreuzen die Flugbegleiter auch noch ausgerechnet den Festakt zum 100. Geburtstag der Lufthansa. Heute will sich das Management eigentlich im Beisein von Bundeskanzler Friedrich Merz feiern. Aber nun ist auch noch eine Demonstration der Arbeitskämpfer angekündigt, hunderte Flüge fallen insbesondere in Frankfurt und München aus. Das ärgert die Passagiere – und die lassen ihrem Frust teilweise freien Lauf.
Schon seit Monaten verhandeln Gewerkschaften und Management über einen neuen Manteltarifvertrag. Die Piloten fordern höhere Betriebsrenten, die Flugbegleiter wollen vor allem besseren Kündigungsschutz. Hintergrund ist, dass die Lufthansa zuletzt verstärkt Flugzeuge in Tochtergesellschaften eingesetzt hat. Bei City Airlines oder Discover gelten etwas günstigere Konditionen. "Flugzeuge fliegen da, bei den Gesellschaften, wo sie profitabel fliegen können", sagte Lufthansa-Personalchef Michael Niggemann. Der Spartengewerkschaft sei das Schicksal der Fluggäste gleichgültig. Aus der Gewerkschaft heißt es, die Lufthansa habe bisher kein tragfähiges Angebot vorgelegt – und die Wertschätzung für das Personal lasse zu wünschen übrig.
Bei den Passagieren stößt das alles nur auf wenig Verständnis. Insbesondere Vielflieger äußern sich online zum Streik – vor allem dazu, wie sich das auf die eigene Reiseplanung auswirkt. "Das zweite Mal diese Woche annulliert. Auf der Hotline kein Durchkommen. Die Plätze in der Warteschleife werden nicht wirklich weniger", schreibt ein Nutzer im Online-Forum Vielflieger Treff. Auf der Seite Travel Dealz gibt es Beiträge wie: "Klar, jeder ist da ein Stück weit seines Glückes Schmied, aber ich finde diese Streikerei schamlos", oder "Wenn man vor lauter Streiks die Forderungen nicht mehr sieht, stimmt was nicht."
Streikrecht kein "schrankenloses Recht"
Auch auf sozialen Netzwerken wie Linkedin oder Facebook lassen Menschen ihren Frust raus. "Ich habe Verständnis für Arbeitskämpfe - Pfleger, Kindergärtner und andere grottig bezahlte Berufsstände", heißt es auf Linkedin. "Aber bei den Lufthansa-Piloten entsteht für mich allmählich der Eindruck, dass hier eine durchaus privilegierte Klientel den Hals nicht voll kriegt. Wann werden die jemals genug haben? Und aufhören, ihre Kunden zu terrorisieren?"
"Wer ist heute betroffen, und steigt Euer Blutdruck oder nehmt Ihr es gelassen?", fragt ein anderer. Nicht alle treffen den Ton: Neben sorgfältig durchgerechneten Beispielen, wie viel Flugbegleiter verdienen, stellen andere offen sexistische Beiträge über Flugbegleiterinnen ins Netz.
Es wirkt nicht so, als würden sich die Parteien bald annähern. Die Fronten sind zu verhärtet in den Tarifverhandlungen. Der Flughafenverband ADV sähe lieber das Streikrecht eingeschränkt. "Das Streikrecht ist verfassungsrechtlich geschützt – aber es ist kein schrankenloses Recht", sagte ADV-Geschäftsführer Ralph Beisel. "Gerade in Bereichen mit hoher Drittbetroffenheit braucht es klare gesetzliche Leitplanken, die die Interessen der Allgemeinheit stärker berücksichtigen. Die Bundesregierung ist gefordert, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Tarifautonomie und Gemeinwohl sicherzustellen.
Lufthansa-Chef Carsten Spohr wollte sich von den Streiks zuletzt ebenfalls nicht beeindrucken lassen. "Lieber einige Tage mit einem streikbedingt reduzierten Angebot der Lufthansa-Gruppe als irgendwann dauerhaft mit einer deutlich reduzierten Kernmarke", sagte Spohr der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Nach einer baldigen Einigung klingt das nicht.
Immerhin eine Sparte versucht, von der Situation zu profitieren. Auf Linkedin und Co. nutzen Anbieter von Charter-Jets die allgemeine Wut für Werbeanzeigen. Preis pro Stunde: mehrere Tausend Euro. Ob der Frust bei vielen wirklich schon so groß ist, wird sich zeigen.
Der Artikel erschien zuerst bei Capital.de.
