Wirtschaft

"Merkels Pudel" verabschiedet sich Blessings letzte gute Tat

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Noch-Commerzbank-Chef Martin Blessing zieht Bilanz: "Wir hatten gute und weniger gute Momente".

(Foto: picture alliance / dpa)

Commerzbank-Chef Blessing wählt einen würdigen Abschied. Sein vom Staat gerettetes Institut steht heute besser da als die Deutsche Bank. Zu seiner letzten Hauptversammlung bringt er ein Bonbon mit.

Commerzbank-Chef Martin Blessing wird auf eine gemischte Bilanz zurückblicken, wenn er auf der Hauptversammlung in Halle 11 der Frankfurter Messe das letzte Mal zu den Aktionären spricht. In knapp zwei Wochen rückt Privatkundenvorstand Martin Zielke auf seinen Posten nach. Doch beim Abschied nach acht bewegten Jahren dürften bei Blessing Erleichterung und Zufriedenheit überwiegen. Auf dieser Bühne hat er viel Prügel einstecken müssen: für den Absturz der Aktie, die Kapitalerhöhungen, die den Aktienwert verwässert haben und null Dividende seit 2008. Erboste Aktionäre haben ihn mit Hohn und Spott überzogen.

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Die Katastrophen kamen für den damals gerade mal 45-jährigen frischgebackenen Commerzbank-Chef Schlag auf Schlag: Die Übernahme der Dresdner Bank nur drei Monate nach Amtsantritt galt erst als genialer Coup. Wenig später entpuppte sich der Zukauf jedoch als Müllhalde für US-Schrottpapiere. Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers zog die Commerzbank nach unten. 2009 musste diese vom Staat gerettet werden.

Die Jahre danach waren die schwersten in der Unternehmensgeschichte. Doch Blessing verlor nie seinen Optimismus. Selbstbewusst, geradezu trotzig führte er seine Bank erst ins Jammertal der Teilverstaatlichung hinein und dann einen Teil des Weges wieder heraus, ohne Skandale und Allüren. Er hat das erreicht, was viele nicht für möglich gehalten hätten: Inzwischen lässt er sogar den größten Konkurrenten Deutsche Bank blass aussehen.

Wenn den gebürtigen Bremer eins auszeichnet, dann ist es, dass ihm in den acht harten Jahren an der Spitze der Commerzbank das Lächeln nicht vergangen ist. Blessing hat immer Stehvermögen bewiesen. Die Existenz seiner Bank hing mehr als einmal am seidenen Faden. Dafür steht er jetzt, am Ende seiner Commerzbank-Karriere, nicht mit leeren Händen da: Nach einem Gewinnsprung 2015 dürfen sich die Aktionäre erstmals nach sechs mageren Jahren wieder über eine Dividende freuen.

Der "Kapitalvernichter"

20 Cent je Aktie hat der Aufsichtsrat der Hauptversammlung vorgeschlagen. Das dürfte die Aktionäre freuen. Doch viele haben einen hohen Preis dafür gezahlt. Der Aktienkurs hat sich vom Absturz in der Finanzkrise nie erholt. Seit Blessings Amtsantritt am 15. Mai 2008 hat das Papier fast 95 Prozent verloren. Das gestärkte Eigenkapital haben vor allem die Anteilseigner beigesteuert.

Zu Blessings Vermächtnis zählen neun Kapitalerhöhungen, die Zahl der Aktien hat sich beinahe verzwanzigfacht. Das Ziel, dadurch der Aktie mehr Schub zu verleihen, ist gefloppt. Seit der letzten Kapitalerhöhung im vergangenen Jahr hat der Kurs allein 30 Prozent eingebüßt.

Blessing hat nicht alles erreicht, was er sich vorgenommen hat. Bei Effizienz und Gewinn konnte er nicht punkten. Die Kosten des Instituts gelten weiterhin als zu hoch und bei der Rendite wird die Commerzbank ihre Ansprüchen auch noch nicht gerecht. Der scheidende Konzernchef selbst räumte auf der Bilanz-Konferenz ein: "Es ist nicht so, dass hier jetzt das Ende der Arbeit ausgebrochen ist."

Der "Staats-Banker"

Trotzdem ist die Bank nach dem Fiasko 2009, als sie mit 18,2 Milliarden Euro Steuergeld gerettet wurde, heute in deutlich ruhigerem Fahrwasser. Der Bund besitzt zwar immer noch ein Aktienpaket von knapp 16 Prozent, aber die Risiken des Instituts sind deutlich geschrumpft. Ohne Blessings Optimismus wäre die Bank nicht dort, wo sie heute ist. Er hat standgehalten, auch wenn es wehtat. Niemand litt wohl mehr unter der Teil-Verstaatlichung als er. Kollegen betitelten ihn spöttisch gar als "Merkels Pudel".

In Interviews beklagte Blessing, wie verletzend das Adjektiv "teilverstaatlicht" sei. "Das klingt nicht so, als sei es wirklich wertschätzend gemeint." Er habe die "öffentliche Begleitung" als "wenig motivierend" empfunden, räumte er Ende 2011 vor Journalisten ein. Mit Blick auf den Bankenrettungsfonds sagte er, er habe sich geschworen: "Ich gehe da nicht noch einmal hin." Blessing hat in diesen Jahren auch Demut gelernt.

Gleichzeitig hat er die Moral hochgehalten: "Die Bank wird sicherlich nicht umkippen müssen", sagte er am Tiefpunkt, als über ein erneutes Eingreifen des Staates spekuliert wurde. "Unser Unternehmen ist 141 Jahre alt. Die Commerzbank hat zwei Weltkriege und Währungsreformen überstanden. Wir werden auch das schaffen."

Mitleid mit John Cryan?

Auf der Bilanzpressekonferenz 2016 wurde er von einer Journalistin gefragt, ob er seinen Kollegen John Cryan, den Ko-Vorstandschef der Deutschen Bank bemitleide. Antworten wollte er nicht darauf, aber die Frage sagt einiges. Die Commerzbank - das langjährige Sorgenkind der Branche - kann nach einem Milliardengewinn wieder eine Dividende zahlen. Die Deutsche Bank dagegen muss einen Verlust von 6,8 Milliarden Euro verkraften – es ist der größte bisher in der Geschichte von Deutschlands wichtigsten Geldhaus. Die Mitarbeiter der Nummer zwei freuen sich nach Jahren voll Hohn, Spott und Stellenstreichungen auf bessere Zeiten. Die Deutsche Bank hat den Umbau noch nicht bewältigt.

In der Fernseh-Werbung kann es sich die Commerzbank sogar leisten, ihre joggende Filialleiterin Lena Kuske offen über die Konkurrenz lästern zu lassen: "In der Werbung kann man viel behaupten. Aber wie viele Banken haben offen über die Finanzkrise gesprochen, die Fehler auch bei sich gesucht? Und ihr Verhalten tatsächlich geändert? Wir haben das getan."

Blessing hinterlässt eine geläuterte Bank. Er hat nicht hingeworfen. Er hat sich mit einem für Banker-Verhältnisse bescheidenem Salär von 500.000 Euro zufriedengeben müssen. Ein besseres Timing für seinen Abschied hätte er nicht finden können. Er hat verstanden, aufzuhören, als Land in Sicht war. Da ist Lächeln erlaubt.

Quelle: ntv.de

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