"Mentale Krisenvorsorge"Chef von Norwegens Staatsfonds warnt vor Totalverlust
Von Jan Gänger
Der norwegische Staatsfonds erzielt einen Rekordgewinn. Doch dessen Chef Nicolai Tangen stellt die Frage, wie sicher das Vermögen tatsächlich ist. Denn die wirtschaftlichen Bedingungen seien seit 30 Jahren "abnormal".
Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Der größte Staatsfonds der Welt meldet einen Rekordgewinn. Mehr als 2 Billionen Euro ist er mittlerweile schwer - und sein Chef warnt vor einem möglichen Totalverlust.
"Kann der Ölfonds verschwinden?", fragte Nicolai Tangen Anfang der Woche bei einer Konferenz im norwegischen Arendal und gab die Antwort selbst: "Ja." Das Schlimmste sei, dass dies in der Welt, in der wir heute lebten, "nicht völlig unwahrscheinlich" sei. Tangen bezeichnete die vergangenen drei Jahrzehnte als eine "abnormale" Phase mit niedrigen Steuern, niedriger Inflation und niedrigen Zinsen - und betonte, dass der Ölfonds genau in dieser Zeit gewachsen sei. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters nannte er zwar keine konkreten Marktentwicklungen, die ihm Sorgen bereiteten. Er verwies jedoch auf einige Parallelen zur Zeit vor der Weltwirtschaftskrise von 1929, etwa auf Zölle.
Gleichzeitig merkte Tangen an, dass die Märkte trotz zahlreicher schlechter Nachrichten weiter steigen. Bemerkenswert sei, wie viel widerstandsfähiger die Wirtschaft heute sei als früher. Unternehmen hätten ihre Lieferketten angepasst, Alternativen aufgebaut und seien bei der Beschaffung insgesamt flexibler geworden. Hätte man vor zwei Jahren Zölle und Handelsbarrieren in diesem Ausmaß vorhergesagt, so Tangen, hätte man kaum erwartet, dass Märkte und Wirtschaft heute so stark dastehen. "Es ist also eine widerstandsfähige Wirtschaft."
Wie sehr der Fonds derzeit von dieser Widerstandsfähigkeit profitiert, zeigen die einen Tag nach der Warnung vorgelegten Halbjahreszahlen. In den ersten sechs Monaten des Jahres erzielte er einen Gewinn von 1,75 Billionen norwegischen Kronen oder rund 160 Milliarden Euro - so viel wie noch nie in einem Halbjahr.
Mehr als 7000 Beteiligungen
Der Fonds investiert die Einnahmen des norwegischen Staates aus der Öl- und Gasförderung und hält im Durchschnitt 1,5 Prozent aller börsennotierten Unternehmen weltweit. Damit ist er der weltweit größte Einzelinvestor. Insgesamt ist der Fonds in rund 7100 Unternehmen investiert. Der Fonds hat dabei nur begrenzten Spielraum für aktives Management. Er soll einen vom norwegischen Finanzministerium vorgegebenen Vergleichsindex eng abbilden. Seine Wertentwicklung spiegelt deshalb größtenteils die Entwicklung der globalen Aktien- und Anleihemärkte wider und nicht die gezielte Auswahl einzelner Aktien.
"Das Ergebnis ist auf die guten Renditen am Aktienmarkt zurückzuführen, insbesondere bei asiatischen Technologiewerten", sagte Tangen. Insgesamt erzielte der Fonds im ersten Halbjahr eine Rendite von 9,4 Prozent. Im zweiten Quartal waren es 11,5 Prozent - das beste Ergebnis seit 2020. Die Aktienanlagen kamen in diesem Zeitraum auf 16 Prozent.
Zu den größten Beteiligungen des Fonds zählen einige der weltweit größten Technologiekonzerne. Ende Juni hielt er Nvidia-Aktien im Wert von 62 Milliarden Dollar, Apple-Aktien für 52 Milliarden, Alphabet für 50 Milliarden, Microsoft für 35 Milliarden und TSMC für 34 Milliarden Dollar.
Mit dem Vermögen ist auch die Bedeutung des Fonds für Norwegen gewachsen. 2019 war er rund eine Billion Euro wert, seitdem hat sich sein Volumen etwa verdoppelt. Inzwischen finanziert er rund ein Viertel der norwegischen Staatsausgaben; vor etwa einem Jahrzehnt waren es noch zehn Prozent.
Damit ist auch die Tragweite eines größeren Einbruchs gewachsen. Tangen will seine Landsleute auf ein solches Szenario vorbereiten. Es gehe ihm, sagte er, um Norwegens "mentale Krisenvorsorge".