Wirtschaft

Milliardenhilfen nur Aufschub Corona-Pleitewelle für 2021 befürchtet

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Besonders in der vom Lockdown hart getroffenen Dienstleitungsbranche rechnen Experten für 2021 mit deutlich mehr Insolvenzen.

(Foto: imago images/Steinach)

Bund und Länder versuchen, mit Milliardenhilfen den wirtschaftlichen Schaden durch die Corona-Krise abzufedern. Sie wollen massenhafte Pleiten verhindern. Experten befürchten, dass drohende Insolvenzen dadurch nur ins nächste Jahr verschleppt werden. Vor allem das Dienstleistungsgewerbe könnte es hart treffen.

Die Pleitewelle in Deutschland ist auf 2021 verschoben. Im Corona-Jahr sank die Zahl der Unternehmensinsolvenzen sogar deutlich - dank staatlicher Hilfsmilliarden und Ausnahmen bei der Pflicht zur Insolvenzanmeldung. Doch je länger die Pandemie dauert, umso wahrscheinlicher wird es, dass etlichen Unternehmen die Puste ausgeht. "Die massiven staatlichen Corona-Finanzhilfen sorgen dafür, dass es große Mitnahmeeffekte bei echten Pleitekandidaten gibt, die ohne die Corona-Subventionen nicht überlebt hätten", bilanziert die Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Gastwirte, Kulturschaffende, Messeveranstalter, Reiseanbieter, Betreiber von Fitnessstudios, Textilhändler - die Liste derer, die sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft machen, ist lang.

"Verluste und Insolvenzen werden im Januar so reichlich rieseln wie die trockenen Nadeln vom Weihnachtsbaum", so formulierte es der Berliner Spitzenkoch Tim Raue vor Kurzem. Die düstere Analyse hat ihre Berechtigung. Das Statistische Bundesamt, das amtliche Zahlen für das Gesamtjahr voraussichtlich im März veröffentlichen wird, stellte bereits zur Halbjahresbilanz fest, die "wirtschaftliche Not vieler Unternehmen durch die Corona-Krise" spiegele sich bislang nicht in den Insolvenzzahlen wider. Creditreform geht für das laufende Jahr von 16.300 Firmenpleiten aus. Das wären 13,4 Prozent weniger als 2019, und es wäre der niedrigste Stand seit 1993 mit damals 15.150.

Hauptgrund für den deutlichen Rückgang: Der Gesetzgeber hat die Insolvenzantragspflicht für Firmen seit 1. März 2020 ausgesetzt. Unternehmen, die wegen der Corona-Krise in Bedrängnis geraten, sind seither nicht verpflichtet, einen Insolvenzantrag zu stellen. Die Bundesregierung verlängerte die zunächst bis Ende September geltende Sonderregelung bis Ende 2020.

Kleine Dienstleistungsunternehmen besonders bedroht

Allerdings nur für Unternehmen, die überschuldet sind, nicht bei bereits eingetretener Zahlungsunfähigkeit. Euler Hermes sprach bereits im Juli von einer "tickenden Zeitbombe" und warnte vor einer "weltweiten Pleitewelle". Global sagte der Kreditversicherer seinerzeit für 2020 und 2021 einen kumulierten Anstieg der Insolvenzen um insgesamt 35 Prozent voraus.

Was den Experten Sorge macht: Die Zahl der Großinsolvenzen ist deutlich gestiegen: Galeria Karstadt Kaufhof, Klier, Vapiano, Wirecard. Das trieb auch die Schadenssumme um fast 45 Prozent auf geschätzte 34 Milliarden Euro in die Höhe. "Die insgesamt hohen Schadenssummen in diesem Jahr und die zunehmende Zahl an Großinsolvenzen bieten möglicherweise einen Vorgeschmack auf die weitere Insolvenzentwicklung", schreibt Creditreform. Einer Umfrage des Ifo-Instituts zufolge sehen 15 Prozent der Unternehmen hierzulande ihre Existenz durch die Corona-Krise bedroht. Dies seien zwar weniger als die 21 Prozent im Juni, erklärten die Münchner Forscher Anfang Dezember. "Gleichwohl fühlen sich derzeit 86 Prozent der Reisebüros und Reiseveranstalter bedroht, 76 Prozent der Hotels und 62 Prozent der Gaststätten."

Schon im zu Ende gehenden Jahr entfiel laut Creditreform mehr als die Hälfte aller registrierten Insolvenzfälle (58,1 Prozent) auf das Dienstleistungsgewerbe. Insbesondere bei kleineren Unternehmen rechnet die Auskunftei 2021 mit einer steigenden Zahl an Pleiten. "Die Hilfszahlungen verschleiern derzeit die wahre finanzielle Struktur einiger Unternehmen. Derzeit haben über 300.000 Unternehmen in Deutschland finanzielle Probleme", stellte Frank Schlein, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel Anfang Oktober fest. Crifbürgel sagt voraus, die Insolvenzwelle werde "noch weit ins Jahr 2021 hineinreichen".

Corona-Hilfen halten "Zombieunternehmen" am Leben

Auch bei den Pleiten von Privatleuten erwarten die Auskunfteien im nächsten Jahr einen Anstieg. Creditreform zählt hier für dieses Jahr 45.800 Fälle, Crifbürgel hatte bis zu 85.000 Verbraucherinsolvenzen prognostiziert. "2021 könnten es über 100.000 werden", sagte Crifbürgel-Geschäftsführer Schlein. Viele Menschen hätten infolge von Kurzarbeit weniger Geld in der Tasche, um Verpflichtungen wie Kreditzahlungen, Mieten oder Finanzierungen nachzukommen. Auf Dauer führe dies erst in die Überschuldung und dann in die Privatinsolvenz. Ökonomen warnen jedoch auch davor, Unternehmen zu lange mithilfe von außen über Wasser zu halten.

Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland bei der Deutschen Bank, schrieb schon im August: Die Gefahr steige, dass auch Firmen am Leben gehalten werden, die eigentlich nicht überlebensfähig sind: "Zombieunternehmen". Im Zuge einer steigenden Zahl von Insolvenzverfahren nach Ablauf des Insolvenzmoratoriums könnte es nach Schneiders Einschätzung "gar zu einem Dominoeffekt kommen, bei dem auch gesunde Unternehmen durch die Häufung von Zahlungsausfällen in die Knie gezwungen werden". Banken bereiten sich bereits auf eine "Welle" von Kreditausfällen 2021 vor.

Quelle: ntv.de, Jörn Bender, dpa

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