Wirtschaft

Gerichtsschlacht in den USA Crash-Opfer könnten Boeing viel Geld kosten

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Der etwaige Schadenersatz für die Abstürze der 737-Max-Jets könnte für Boeing teuer werden.

(Foto: REUTERS)

Wegen fataler Designfehler an den 737-Max-Jets sind 346 Menschen tot. Dutzende Opferfamilien klagen wegen der Abstürze in Indonesien und Äthiopien gegen Boeing. Für den Konzern könnte es nicht nur teuer, sondern peinlich werden.

Wegen der Abstürze seiner 737-Max-Flugzeuge in Indonesien und Äthiopien hat Boeing bereits jede Menge Ärger. Das FBI ermittelt, ob der Flugzeugbauer bei der Zulassung der Unglücksflieger getrickst hat. Der US-Kongress hält Anhörungen ab, ob die Flugaufsicht und der Flugzeugbauer gekuschelt haben. Airlines canceln ihre Bestellungen oder verlangen Schadenersatz für den Ausfall der weltweit gesperrten Jets. Und noch ein Problem wird für den Konzern immer bedrohlicher: Vor US-Gerichten stapeln sich dutzende Klagen von Angehörigen der Absturzopfer.

Sie verlangen Schadenersatz von Boeing. Eine Klage von 17 Familien, die vom Lion-Air-Crash in Indonesien betroffen sind, läuft in Seattle, die meisten jedoch in Illinois, da sich der Boeing-Hauptsitz in Chicago befindet. Sie alle wollen Boeing für die Designfehler an den neuen Fliegern in Produkthaftung nehmen. Zudem werfen sie dem Konzern vor, nicht über das neue Softwaresystem MCAS informiert zu haben, dass die Nase der Max-Jets automatisch nach unten drückt, sobald die Flieger zu stark steigen.

 

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Boeing habe seine Sorgfaltspflicht verletzt und "schlampig und fahrlässig ein Flugzeug mit unzumutbar gefährlichen Mängeln entworfen", heißt es in der Klage von Angehörigen eines indonesischen Absturzopfers, die n-tv.de vorliegt. Boeing habe es "fahrlässig unterlassen", die Öffentlichkeit, die Airlines, Piloten, Benutzer und andere Dritte davor zu warnen, "dass das Flugzeug automatisch und unkontrollierbar in den Sturzflug geht, teilweise wegen fehlerhafter Sensoren".

Nach dem ersten Absturz in Indonesien schienen diese Vorwürfe noch weit hergeholt. Mit dem zweiten Crash in Äthiopien ist das Haftungsrisiko für Boeing deutlich gestiegen. Denn die Piloten haben offenbar nichts falsch gemacht. Boeing-Chef Dennis Muilenberg hat inzwischen eingeräumt, es sei "offenkundig", dass sich die umstrittene Sinkflug-Automatik MCAS "bei beiden Flügen durch falsche Daten des Flugwinkelsensors" aktiviert habe. Das ist Wasser in den Mühlen der Anwälte: Wenige Tage nach Muilenbergs Eingeständnis organisierte eine Kanzlei in Jakarta eine Pressekonferenz, bei der elf weitere Familien ankündigten, sich den Klagen gegen Boeing anzuschließen.

Peinliche und teure Verfahren

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Dass die Angehörigen der Opfer in den USA prozessieren, hat einfache Gründe: Es winkt ein deutlich höherer Schadensersatz als in anderen Ländern. Eine Jury aus Normalbürgern ist meist viel empfänglicher für die menschlichen Schicksale von Opfern großer Konzerne als Berufsjuristen, wie die Glyphosat-Urteile gegen Bayer zeigen. Zudem sinkt die Gefahr, dass ein einzelner Richter ein Urteil zugunsten des Flugzeugbauers fällen kann. "Das wird ein großer finanzieller Verlust werden", zitiert das US-Portal law.com den Anwalt Pete Flowers aus Chicago, dessen Kanzlei Opferfamilien vertritt. "Die Forderungen gegen Boeing werden enorm sein."

Für den Konzern geht es um viel mehr als Geld. Die Prozesse könnten auch ziemlich peinlich werden: Boeing wäre gezwungen, interne Informationen zu der fatalen Sinkflug-Software MCAS und zu ihrer Entwicklung und Zulassung herauszugeben. Denn im US-Rechtssystem müssen beide Parteien vor Prozessbeginn alle relevanten Unterlagen offenlegen.

Der Konzern versucht daher, die Klagen mit formellen Argumenten abzuwehren: US-Gerichte seien nicht zuständig, die Fälle sollten besser in Indonesien und Äthiopien verhandelt werden, da die Unglücke dort passiert seien. In der Vergangenheit ist die Strategie oft aufgegangen. Doch diesmal ist das unwahrscheinlich: "Boeing hat das Flugzeug gebaut, alles wurde hier entwickelt" zitiert das "Wall Street Journal" den Anwalt Brian Kabateck aus Los Angeles. "Es bereitet keine Unannehmlichkeiten, die Fälle hier zu hören. Im Gegenteil."

Die Angehörigen der Opfer fahren schwere Geschütze auf

Auch Nationalitäten spielen eine Rolle. Die 189 Toten beim Absturz vor Jakarta waren bis auf den italienischen Ex-Radprofi Andrea Manfredi und ein indisches Crew-Mitglied alle Indonesier. Von der Herkunft der Opfer betrachtet lässt sich der Fall also ziemlich eindeutig einem Land zuordnen. Anders sieht es beim Crash in Äthiopien aus. Mindestens 22 Uno-Mitarbeiter starben, viele von ihnen waren auf dem Weg zu einer Umweltkonferenz in Nairobi. Die 157 Opfer stammen aus 35 Ländern, unter ihnen sind 32 Kenianer, 9 Äthiopier, 9 Franzosen, 7 Briten, 5 Deutsche, 18 Kanadier - und 8 Amerikaner.

Auch die US-Bürgerin Samya Stumo, die 24-jährige Nichte des Ex-Präsidentschaftskandidaten Ralph Nader, starb beim Absturz in Äthiopien. Ihre Eltern sind selbst Anwälte und haben die erste Klage gegen Boeing eingereicht. "Wir sind eine von 337 Familien, in denen ein so großes Loch klafft, weil dieses Flugzeug nicht funktioniert hat", sagte Samyas Mutter Nadia Milleron auf einer Pressekonferenz unter Tränen. "Profite sollten nicht vor der Sicherheit kommen."

Wie viel Schadensersatz Boeing am Ende genau zahlen wird, lässt sich noch nicht beziffern. Klar ist nur, dass es teuer wird. Als Anwälte sind fast nur juristische Schwergewichte mandatiert. Die Kanzlei Podhurst Orseck aus Miami, die Opferfamilien aus Indonesien und Äthiopien vertritt, hat von BMW, Toyota und anderen Autokonzernen 553 Millionen Dollar wegen kaputter Airbags erstritten, durch die weltweit Millionen Autos zurückgerufen werden mussten.

Auch die Kanzlei Clifford Law, die Samya Stumos Eltern vertritt, ist auf komplizierte Haftungsfälle und Flugunfälle spezialisiert und hat bereits vielfach millionenschweren Schadenersatz erstritten. Ihre Klage liest sich wie eine Kampfansage an Boeing: "Geblendet von seiner Gier hat Boeing die 737 Max 8 aufs Geratewohl in den Markt gedrückt". Der Konzern "und die Aufseher, die das ermöglicht haben, müssen für ihre rücksichtslosen Taten zur Verantwortung gezogen werden".

Quelle: n-tv.de

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