Wirtschaft

Angst vor Omikron und Zinswende Crash oder Atempause an der Börse?

In vielen Ländern stehen massive neue Corona-Einschränkungen bevor. Gleichzeitig steigt die Inflation und damit die Gefahr, dass die Notenbanken den Geldhahn zudrehen. Der Dax hat in den vergangenen Tagen kräftige Einbußen erlebt. Ist das der Beginn vom Ende der Rally?

Für die Aktienmärkte ist es eine brisante Mischung: In vielen Ländern stehen massive neue Corona-Einschränkungen bis hin zu strengen Lockdowns bevor. Dazu ist mit Omikron eine bislang unberechenbare Virus-Variante aufgetaucht. Gleichzeitig steigt die Inflation und damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Notenbanken die Geldpolitik straffen und die Liquiditätszufuhr für die Finanzmärkte drosseln müssen. Der Dax ist in der vergangenen Woche regelrecht abgerutscht und verlor in den vergangenen Tagen weiter an Höhe. Ist das der Beginn vom Ende des jüngsten Börsenbooms? Stehen wir vor einer deutlichen Korrektur, einem Bärenmarkt oder sorgt der Omikron-Schreck nur für eine Atempause, die Anleger nutzen können, um ihr Depot günstig aufzustocken? Für beide Möglichkeiten werden mehrere Argumente ins Feld geführt.

Die Bärenargumente:

Die Zinswende kommt

Klar wie nie zuvor während der Pandemie hat der Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, vor dem Risiko einer dauerhaft hohen Inflation gewarnt. Die amerikanischen Währungshüter sind bereit das Tapering, das Zurückfahren ihrer milliardenschweren Anleihekäufe, stark zu beschleunigen. Auch Zinserhöhungen sind früher als bislang erwartet denkbar. Extrem billiges Zentralbankgeld galt in den vergangenen Jahren als der wichtigste Treibstoff für die Börsen. Damit könnte in den USA, dem mit großem Abstand wichtigsten Aktienmarkt bald Schluss sein.

Ein Konjunktureinbruch droht

Omikron macht deutlich: Ein Ende der Corona-Krise ist nicht abzusehen. Nicht nur neue Lockdowns in Europa, sondern vor allem drastische Maßnahmen in China legen erneut Teile der globalen Wertschöpfungskette von den Fabriken bis zu den Endverbrauchern lahm. Dabei trifft die jüngste Infektionswelle in Deutschland und anderen Ländern auf eine ohnehin angeschlagene Wirtschaft, die sich gerade erst aus der Krise gekämpft hat und dabei bereits von Lieferengpässen in fast allen Bereichen gebremst wird. Viele Wirtschaftsforschungsinstitute haben in den vergangenen Wochen und Monaten ihre Wachstumsprognosen für dieses Jahr bereits kräftig nach unten korrigiert. Läuft die Wirtschaft nicht, verdienen die meisten an der Börse notierten Unternehmen weniger Geld. Die aktuellen Aktienkurse würden fallen.

Die Bewertung ist bereits viel zu hoch

Einer der größten Anleger der Welt, der Chef des Allianz-Konzerns, Oliver Bäte, sprach kürzlich von einer "irrationalen Übertreibung" an den Börsen. Vor allem die extrem hohen Kurse einiger Technologie- und Autokonzerne seien nicht durch wirtschaftliche Fakten gerechtfertigt. Prominentestes Beispiel ist der Autokonzern Tesla, der an der Börse derzeit mit 1,15 Billionen Dollar bewertet wird. Das ist ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 374. Zum Vergleich: Bei Bätes Allianz liegt es knapp unter 10. Dass das Kursniveau am gesamten Aktienmarkt vor allem in den USA sehr hoch ist, zeigt der nach Investmentguru Warren Buffett benannte Buffett-Indikator: Der Börsen-Wert aller US-Aktien ist mit 270 Prozent im Vergleich zur amerikanischen Wirtschaftsleistung so hoch wie nie zuvor.

Die Bullenargumente

Der Wirtschaftsaufschwung ist nur aufgeschoben

Zwar haben viele Institute ihre Wachstumsprognosen für dieses Jahr deutlich heruntergeschraubt. Viele haben aber gleichzeitig den Ausblick für das kommende Jahr verbessert. Viele Konsumenten in Deutschland und anderen Ländern sitzen weiter auf Geld, dass sie mangels Ausgabemöglichkeiten während der Lockdowns gespart haben. Viele Industriebetriebe produzieren zwar wegen Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten mit angezogener Handbremse, ihre Orderbücher sind aber prall gefüllt. Sobald sich die pandemische Lage und das Lieferkettenchaos entspannen, könnte ein kräftiger Aufschwung einsetzen.

Unternehmensgewinne fließen

Selbst während des verhaltenen Aufschwungs in den vergangenen Monaten und trotz aller Klagen über stockende Lieferketten ist es vielen Konzernen gelungen, ordentliche Gewinne zu erwirtschaften. Dazu kommen Corona-Gewinner etwa aus dem Technologie- und Medizinbereich. Aus einigen von der Pandemie und den aus ihr resultierenden Einschränkungen am stärksten betroffenen Branchen wie der Gastronomie sind speziell in Deutschland nur wenige Unternehmen börsennotiert. Das gilt auch für den stationären Einzelhandel. Am Boom der Onlinehändler und Lieferdienste können sich die Anleger dagegen etwa mit den Aktien von Zalando, Delivery Hero und vielen anderen beteiligen. Negative Folgen neuer Lockdowns sind laut Kapitalmarktexperte Andreas Beck zudem bereits im aktuellen Kursniveau eingepreist.

Investitionsdruck bleibt hoch

Selbst wenn die Fed ihre Anleihekäufe etwas zurückdreht, zirkuliert weiterhin viel Kapital im Markt, das renditeträchtige Anlagemöglichkeiten sucht. Die EZB dürfte zwar ihr Corona-Notprogramm in absehbarer Zeit beenden, nicht jedoch die Anleihekäufe insgesamt. Die Zinswende dürfte im Euroraum länger auf sich warten lassen als in den USA. Zudem sind die Zentralbanken bei weitem nicht die einzigen, die Geld in den Markt pumpen. Das Vermögen megareicher Investoren ist in der Pandemie geradezu explodiert. Und auch die Mittelschicht hat mehr als zuvor gespart und investiert mehr davon an der Börse. Das gilt für Deutschland, aber ganz besonders auch für die USA, wo die Kleinanleger mit ihrem Ersparten mehr Einfluss denn je auf den Aktienmarkt nehmen. Langfristig gilt: Alternde Gesellschaften in den Industrie- und auch einigen Schwellenländern sparen mehr Geld, das investiert werden muss.

Aktien bleiben bei Inflation attraktiv

Die Inflation ist für viele Unternehmen auf der einen Seite zwar ein Problem. Auf der anderen Seite bieten Aktien aber auch einen gewissen Schutz gegen Geldentwertung. Wenn Währungen an Kaufkraft verlieren, werden Sachwerte wie Immobilien, aber auch Unternehmensanteile tendenziell teurer.

Alte Bewertungsmaßstäbe verlieren an Bedeutung

Warren Buffett investiert schon seit Jahren nur noch extrem zurückhaltend am Aktienmarkt, weil er gemäß seinem Indikator die Preise für überhöht hält. Damit hat er einiges an Kursgewinnen verpasst. Andere Investoren, wie Star-Fondsmanagerin Cathy Woods, weisen seit langem darauf hin, dass die althergebrachten Bewertungsmaßstäbe für hochinnovative Unternehmen wie Tesla nicht aussagekräftig seien. Firmen, die wie einst Amazon im Onlinehandel komplett neue Geschäftsmodelle entwickeln, können laut Woods exponentiell wachsen und in der Zukunft gigantische Gewinne einfahren. Mit den gleichen Formeln wie bei traditionellen Industriekonzernen, die über Jahrzehnten stabile Renditen abwerfen, ohne ihr Geschäft groß zu verändern, ist der Wert solcher Technologieunternehmen demzufolge nicht sinnvoll zu erfassen.

Quelle: ntv.de

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