Wirtschaft

Indikator seit 1945 fehlerfreiDas Raketenschubsignal ist an der Börse extrem zuverlässig - und selten

24.04.2026, 15:27 Uhr 87137Von Raimund Brichta
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Am 1. April startete die SLS-Rakete der Nasa zum Mond. Beinahe hätte kurze Zeit später auch das Raketenschubsignal an der Börse gezündet. (Foto: picture alliance / Photoshot)

Vor einem Jahr löst das sogenannte Raketenschubsignal aus. Seitdem liegt der US-Aktienmarkt deutlich im Plus. Worum geht es bei diesem wenig bekannten, aber erstaunlich treffsicheren Anlage-Indikator?

Am 24. April 2025 zündet ein Börsensignal, das vielen Anlegern kaum etwas sagt, obwohl es historisch zu den treffsichersten überhaupt zählt. In Fachmedien ist es unter dem sperrigen Namen "Zweig Breadth Thrust" bekannt. Anschaulicher lässt es sich als Raketenschubsignal beschreiben: ein plötzlicher, kraftvoller Impuls, der den Markt nach oben trägt.

Ein Jahr später zeigt sich, wie belastbar dieses Signal ist: Der S&P 500 liegt seitdem rund 30 Prozent im Plus. Damit hat der Markt exakt das geliefert, was dieser Indikator seit 1945 ausnahmslos angezeigt hat.

Wie das Signal funktioniert

Das Raketenschubsignal misst, ob sich der Markt abrupt von einer Schwäche zu breiter Stärke dreht. Grundlage ist das Verhältnis steigender Aktien zur Gesamtzahl der gehandelten Werte an der New Yorker Börse. Grob gesagt, muss der Anteil steigender Titel zunächst unter 40 Prozent fallen und damit eine Schwächephase anzeigen. Innerhalb von maximal zehn Handelstagen muss dieser Wert dann auf über 61,5 Prozent hochschnellen. Nur wenn diese Schwelle in diesem engen Zeitfenster erreicht wird, gilt das Signal als ausgelöst.

Tatsächlich ist die Berechnung komplexer, weil mit gleitenden Durchschnitten gearbeitet wird und nicht mit reinen Tageswerten. Am Prinzip ändert das jedoch nichts: Entscheidend ist die Geschwindigkeit der Bewegung. Der Markt muss gewissermaßen "zünden" - deshalb die passende Beschreibung des Indikators als Raketenschub.

Die historische Bilanz des Signals ist außergewöhnlich: Seit dem Zweiten Weltkrieg trat es 18 Mal auf. In allen Fällen lag der S&P 500 Index sechs und zwölf Monate später im Plus, im Durchschnitt jeweils zweistellig. Das jüngste Beispiel bestätigt die Serie, ein besonders anschauliches liefert jedoch der 7. Januar 2019. Damals wurde das Raketenschubsignal ebenfalls ausgelöst. Zwölf Monate später lag der US-Markt mit 27 Prozent im Plus.

Kurz danach kam es zwar zum Corona-Crash mit massiven Kursverlusten. Für die Bewertung des Signals ist das jedoch unerheblich, denn die Aussage ist begrenzt: Es soll die Entwicklung über sechs bis zwölf Monate prognostizieren - nicht darüber hinaus.

Auffällig ist die zeitliche Verteilung des Indikators. Zwischen Mitte der 1980er-Jahre bis 2004 trat das Signal überhaupt nicht auf. In den vergangenen Jahren hingegen ist es häufiger zu beobachten - ein Hinweis darauf, dass sich Marktphasen und Dynamiken verändern können.

Empirisch, selten, ohne Fundament

Trotz dieser Erfolgsbilanz spielt das Raketenschubsignal im Alltag vieler Anleger kaum eine Rolle. Ein Grund ist seine Seltenheit, ein anderer seine spezielle und recht komplexe Berechnung.

Entwickelt wurde es Anfang der 1980er-Jahre vom US-Analysten und Börsenbriefherausgeber Martin Zweig. Er hatte es damals auf Basis der Daten bis 1945 zurückberechnet. Da es kurz nach seiner Veröffentlichung zwei Jahrzehnte lang nicht mehr auftrat, geriet es in Vergessenheit.

Kritiker sehen genau darin eine Schwäche. 18 Fälle seit 1945 gelten als statistisch dünn. Rechnet man weiter zurück, etwa in die Zeit der Weltwirtschaftskrise, zeigt sich zudem: Damals hätte das Signal nicht zuverlässig funktioniert.

Außerdem ist das Raketenschubsignal rein empirisch, also ausschließlich aus historischen Daten abgeleitet. Warum ausgerechnet die Schwellen von unter 40 und über 61,5 Prozent entscheidend sein sollen, ist logisch nicht begründet.

Auch ein fundamentaler Bezug fehlt. Makroökonomische Faktoren wie Wachstum, Inflation oder Zinsen spielen in diesem Modell keine Rolle. Für viele Analysten ist das ein Problem: Technische Signale sollten ihrer Ansicht nach mit dem wirtschaftlichen Umfeld abgeglichen werden.

Gerade deshalb interessant?

Diese Kritikpunkte lassen sich aber auch anders lesen: Wendepunkte an den Märkten entstehen oft dann, wenn die fundamentale Lage noch unsicher oder negativ erscheint. Ein Indikator, der ausschließlich auf die tatsächliche Marktbewegung schaut, kann solche Phasen früher erkennen. Auch die "willkürlichen" Schwellenwerte sind letztlich das Ergebnis historischer Beobachtung. Sie wurden nicht theoretisch festgelegt, sondern aus realen Marktdaten abgeleitet.

Und die geringe Häufigkeit? Sie macht das Signal nicht schwächer, sondern seltener - und damit möglicherweise umso relevanter, wenn es tatsächlich auftritt.

Was schließlich die schlechtere Trefferquote in den 1930er-Jahren betrifft: Das war eine außergewöhnliche Phase mit massiven Verwerfungen und strukturellen Brüchen an den Märkten. Dass ein solcher Indikator in einem derart extremen Umfeld versagt, überrascht kaum. In "normaleren" Börsenphasen hingegen zeigt das Raketenschubsignal eine bemerkenswerte Stabilität. Genau das macht seinen Reiz aus. Es funktioniert vor allem dann, wenn Märkte nicht von systemischen Krisen dominiert werden.

Was das Signal kann und nicht kann

Das Raketenschubsignal ist kein Instrument für kurzfristige Prognosen. Dafür liefert es eine vergleichsweise klare Aussage für einen längeren Zeitraum: die Entwicklung in den kommenden sechs bis zwölf Monaten. Was danach passiert, bleibt offen. Auch innerhalb dieser Phase sind Rückschläge möglich, wie die jüngste Kurs-Korrektur im Zuge des Nahost-Krieges gezeigt hat. Sie wurde rechtzeitig wieder ausgebügelt.

Die Stärke des Signals liegt daher in der Einordnung größerer Trends. Wird es ausgelöst, spricht vieles dafür, dass der Markt in eine breite und tragfähige Aufwärtsphase übergeht.

Vor wenigen Wochen hätte das Raketenschubsignal beinahe erneut gezündet. Im Zuge der Börsenschwäche im Monat März fiel der Anteil steigender Aktien an der New Yorker Börse zunächst unter 40 Prozent - die Voraussetzung war erfüllt. Um Ostern herum folgte schließlich eine kräftige Gegenbewegung, ganz im Sinne eines neuen "Schubs". Doch der Impuls reichte nicht aus. Bei rund 60 Prozent war Schluss, die entscheidende Schwelle von 61,5 Prozent wurde verfehlt.

Mehr Hintergründe zu diesem außergewöhnlich treffsicheren Börsenindikator gibt es in der aktuellen Folge des Podcasts "Brichta & Bell". Dort geht es auch um die entscheidende Frage: Wie lässt sich ein so seltenes Signal nutzen?

Quelle: ntv.de

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