Wirtschaft

VW-Feststoffakkus aus Salzgitter "Das ist der Quantensprung in der E-Mobilität"

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Ein Volkswagen-Mitarbeiter in einem Reinraum zur Produktion von Batteriezellen im VW-Werk Salzgitter.

(Foto: picture alliance/dpa)

Volkswagen bereitet zusammen mit seinem US-Batteriepartner Quantumscape den Bau einer weiteren Batteriefabrik in Salzgitter vor. Diesmal geht es um sogenannte Feststoffbatterien. "Die Nachricht ist ein Knaller", sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer ntv.de. "Dass diese Technologie jetzt mit VW nach Deutschland kommt, ist eine wichtige Botschaft." Tesla verliere einen "wichtigen Innovationsvorsprung" und werde damit "langweilig".

ntv.de: Der Volkswagen-Konzern und das US-Batterie-Startup Quantumscape haben Freitagnachmittag angekündigt, in Salzgitter eine Pilotanlage zur Fertigung von Feststoffbatterien bauen zu wollen - es wäre ein zweites wichtiges Batterieprojekt neben dem Bau einer Batteriefabrik des Unternehmens Northvolt in Salzgitter. Sie haben das mit "Wahnsinn!" bei Twitter kommentiert. Was genau ist geplant und wie vielversprechend ist diese Kooperation?

Ferdinand Dudenhöffer: Bei der Weiterentwicklung der derzeit gängigen Lithium-Ionen-Akkus für Elektroautos ist ein Durchbruch gelungen, und das ist für die Zukunft sehr vielversprechend. Quantumscape will in dieser Pilot-Fabrik bereits 2023 Feststoff-Batteriezellen in der Größenordnung von 1 Gigawatt produzieren - das entspricht Batterien für 20.000 Pkw mit jeweils 50 kWh Akku. Im weiteren Verlauf soll die Kapazität auf 20 Gigawatt erhöht werden, also Batteriezellen für 400.000 Autos mit jeweils 50 kWh Akku. An dem Thema Feststoffbatterien haben sich Firmen bereits vor gut 30 Jahren versucht, es aber immer wieder aufgegeben. Wenn wir diese Batterie jetzt für die Elektromobilität bekommen würden, wäre es gelungen, die Wunderwaffe für die E-Autowelt zu bauen.

Worin genau besteht dieses Wunder?

Das Wunder besteht darin, dass nicht nur alle theoretischen Probleme dieser Technologie gelöst sind. Es kann jetzt auch die Pilotfertigung beginnen. Bisher hatten sich beim Laden und Entladen immer Lithium-Ionen an den festen Stoffen abgesetzt, die man als Ersatz für das flüssige Elektrolyt genommen hatte. Dadurch bildeten sich Verklumpungen, und die Batterien sind relativ schnell gestorben. Die Nachricht ist in doppelter Hinsicht ein Knaller: Erstens, die Zellen können jetzt im Auto getestet werden. Zweitens, die Fabrik wird in Salzgitter gebaut. Niemand hatte an eine Zukunft der Feststoffbatterie in Deutschland geglaubt. Alle haben in die USA, nach China, Korea oder auch Japan geschaut. Dass diese Technologie jetzt mit VW nach Deutschland kommt, ist eine ganz wichtige Botschaft.

Welche Vorteile haben denn Feststoffbatterien?

VW Vorzüge
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Da sind drei zu nennen: Erstens, diese Batteriezelle können Sie viel schneller laden als die konventionelle, weil die Ionen sich nicht mehr in der Flüssigkeit, dem Elektrolyt, hin- und herbewegen, sondern über den Feststoff im Nu auf der anderen Seite sind. Das heißt konkret, Sie können damit in Zukunft Autos fast so schnell laden, wie Sie jetzt Sprit tanken. Zweitens, der Feststoff verhindert Materialermüdungen, die Lebensdauer wird deutlich länger - länger als die des Autos selbst. Drittens, diese Batterie braucht deutlich weniger Platz und hat weniger Gewicht als die heutigen Batterien mit dem Elektrolyt. Unterm Strich haben Sie mit dieser Batterie, die weniger Raum einnimmt und leichter ist, auch deutlich mehr Energie. Ein Elektroauto mit 1000 Kilometern Reichweite wird damit kein Problem mehr sein. Außerdem gibt es Kostenvorteile. Alles, was man sich in den verschiedenen Bereichen wünscht, um bei dem Thema weiterzukommen, ist erfüllt.

Es gibt auch kritische Stimmen, die nicht daran glauben, dass das so schnell möglich ist. Toyota wollte die erste Feststoffbatterie eigentlich schon entwickelt haben und in diesem Jahr in die Serienfertigung gehen. Das ist verschoben - auf 2025.

Tesla Motors (USD)
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Quantumscape hat die große Nuss geknackt. Das Unternehmen hat mit einer kleinen Zelle nachgewiesen, dass der Feststoff, den man braucht, auch funktioniert. Diese Zelle in größere Batterien einzubauen, ist nur noch eine kleine Nuss. Deshalb sollte man nicht Experten, die sagen, es gehe nicht, allzu ernst nehmen. Viele leben in der alten Welt, in der das nicht vorgesehen war. Ganz so überraschend kommt der Durchbruch auch nicht. Zuletzt gab es jede Menge Publikationen von Universitäten, die dieses Material auch schon theoretisch beschrieben haben.

Um Batterie-Startups gibt es einen großen Hype. VW arbeitet bei der neuen Technologie mit Quantumscape zusammen. Ford, BMW und Hyundai setzen auf das US-Startup Solid Power. Ist die Konkurrenz abgehängt oder kann sie das Feststoff-Prinzip nachmachen?

Wie bei den heutigen Lithium-Ionen-Batterien gilt: Es wird nicht nur einen Hersteller für Feststoffbatterien geben. Wir werden viel schneller in die Feststoffbatteriezellen gehen, als sich das viele gedacht hatten. Die E-Mobilität bekommt einen großen Schub. Das ist gut, weil die Batterien beim Elektroauto immer noch der Punkt sind, der wesentlich verbessert werden muss. Mit der Feststoffbatterie gelingt dieser Quantensprung. Es könnte der Tod der Brennstoffzelle in mobilen Anwendungen werden. Denn wenn das relativ zügig klappt, dann werden auch Lkws damit fahren.

Der chinesische Konzern SVolt will im Saarland eine große Batteriefabrik bauen. Tesla-Chef Elon Musk will in Brandenburg "die größte Batteriefabrik der Welt" bauen. VW plant bereits die zweite Batteriefabrik in Salzgitter. Warum ist Deutschland als Batterie-Standort so attraktiv? Werden wir hier gerade zum Batteriewunderland?

Der Autoexperte Prof. Ferdinand Dudenhöffer. Foto: Karlheinz Schindler/zb/dpa/Archivbild

Ferdinand Dudenhöffer ist seit Mai 2020 Direktor des privatwirtschaftlichen Center Automotive Research in Duisburg.

(Foto: Karlheinz Schindler/zb/dpa/Archivbild)

Nein, die Technologie kommt ja nicht aus Deutschland. VW zum Beispiel hat nur sehr klug in das amerikanische Startup Quantumscape investiert. LG rechnet für 2027 mit seiner Feststoffzelle, Samsung will auch vor 2030 dieses Thema besetzt haben. Batterie-Knowhow sitzt in China, Korea, in den USA und Japan. Wir in Deutschland sind mehr bei der Umsetzung dabei, weil die Elektromobilität Batterien braucht. Deshalb entstehen die Fabriken in Deutschland. Hier werden jährlich im Schnitt fünf Millionen Pkw produziert. Die Batteriehersteller siedeln sich dort an, wo sie die kürzeren Wege haben. Batteriefertigung ist hochautomatisiert, also spielen Löhne keine Rolle. Hinzu kommt, dass die Zellen der Zukunft CO2-neutral sind. Dafür müssen sie aus grünem Strom gemacht werden. Das schaffen Sie nicht in Polen oder anderen Ländern, wo Kohlestrom dominiert. Neue Batterie-Hotspots entstehen auch in Skandinavien, zum Beispiel in Finnland, wo Kobalt, Nickel, Mangan, Lithium abgebaut wird.

Was bedeutet die Aufholjagd von VW für Tesla und die Gigafactory in Grünheide? Elon Musk ist ja gerade in Deutschland gelandet, um sich um die Probleme auf seiner Baustelle zu kümmern.

Ich glaube, Tesla ist derzeit in einer kritischen Situation. Es gibt Überkapazitäten, im April sind die Verkäufe in China sehr stark weggebrochen. Elon Musk tritt sehr aggressiv gegenüber deutschen Behörden auf. Er hat einen sehr autoritären Führungsstil. Er spielt ein bisschen lieber Gott. Man sieht einen hohen Druck in seinem Vertrieb. Er hatte anfangs einen sehr klaren Plan, wie er seine Autos verkauft. Mittlerweile ist es ein Durcheinander. Es gibt Pop-up-Stores, die aussehen wie Pommesbuden, wo man Probefahrten machen kann. Teslas werden bei Tchibo angeboten. So etwas würde kein Premiumhersteller machen. Hochwertige Produkte wie Autos im Kaffee-Online-Shop neben Pyjamas oder Picknicktellern - nein, danke.

Was signalisiert das?

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Es signalisiert eine Art Hilflosigkeit. Es sieht so aus, als würde Musk bei seinen ehrgeizigen Wachstumsplänen aus dem Tritt kommen. Die klassischen Autofahrer, abseits von den technikbegeisterten, also VW-Passat- oder Mercedes-C-Klasse-Fahrer, die er für seine Wachstumspläne braucht, gewinnt er dadurch nicht. Außerdem ist es fragwürdig, ob jetzt neben dem Autowerk in Grünheide ausgerechnet noch die Batterie-Gigafactory bei den Wasserproblemen gebaut werden muss - nur ein paar Hundert Meter entfernt vom Naturschutzgebiet Löcknitztal. So was kann man auch im Umland, etwa in Frankfurt/ Oder machen und mögliche Umweltschäden vermeiden. Wenn dieser Coup von Quantumscape und VW in der Geschwindigkeit klappt, wie man sich das jetzt vorstellt, dann ist das zweite große Unternehmen, das in Deutschland in das Thema Batterie einsteigt, nämlich Tesla, nur noch zweiter Sieger - und damit langweilig, weil er einen wichtigen Innovationsvorsprung verliert.

Mit Ferdinand Dudenhöffer sprach Diana Dittmer

Quelle: ntv.de

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