Wirtschaft

Profiteure ungleich verteilt Der Binnenmarkt macht Deutsche reicher

Von dem EU-Binnenmarkt profitieren alle Mitglieder des weltweit größten Wirtschaftsraums. Die Gewinne sind einer Studie zufolge allerdings ungleich verteilt - das gilt nicht nur für die einzelnen Staaten, sondern auch für die Regionen Deutschlands.

Geht es nach dem Willen britischer Konservativer, verlässt das Vereinigte Königreich mit dem Brexit den europäischen Binnenmarkt. Das Versprechen: Ein von Fesseln der Brüsseler Bürokratie befreites "Global Britain" wird mit vielen neuen Handelsabkommen wirtschaftlich aufblühen. Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung macht allerdings deutlich, wie sehr die Mitglieder vom Binnenmarkt profitieren - und ein Verlassen des weltweit größten Wirtschaftsraums ins Geld geht.

Der Binnenmarkt

Der EU-Binnenmarkt wurde 1993 verwirklicht. Er ermöglicht den freien Verkehr von EU-Bürgern, Waren, Dienstleistungen und Kapital. Voraussetzung dafür war, dass viele nationale Gesetze und Vorschriften harmonisiert wurden. An den Binnengrenzen entfallen Zölle, gegenüber anderen Ländern werden einheitliche Außenzölle erhoben. Zum Binnenmarkt gehören nicht nur die EU-Mitglieder, sondern auch andere Länder wie etwa die Schweiz und Norwegen.

In Zahlen ausgedrückt: Im Schnitt steigert der Binnenmarkt die Einkommen jedes EU-Bürgers jährlich um 840 Euro. Für Deutschland betragen die Einkommenszuwächse pro Person durchschnittlich 1046 Euro. "Der EU-Binnenmarkt ist einer der größten Treiber für unseren Wohlstand und wirkt ähnlich wie die Marktwirtschaft: Nicht jeder profitiert gleichermaßen, aber alle gewinnen", so Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung.

Die Autoren der Studie haben das reale Bruttoinlandsprodukt in 250 Regionen untersucht. Zusammengerechnet erzielt Deutschland demnach mit insgesamt 86 Milliarden Euro pro Jahr die höchsten Einkommensgewinne im europäischen Ländervergleich. "Je stärker Industrie und Exportbranchen in einer Region verankert sind, desto höher sind in der Regel auch die Einkommenszuwächse durch den Binnenmarkt", sagt Dominic Ponattu, ein Mitautor der Studie. "Auch Regionen mit starkem Mittelstand und Zuliefererbetrieben, die viel in die EU exportieren, sind Gewinner."

Bayern profitiert stärker als Ostdeutschland

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In Deutschland profitiert vor allem Oberbayern vom Binnenmarkt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Daher gibt es hierzulande die größten Einkommensgewinne im Regierungsbezirk Oberbayern mit jährlich 1489 Euro pro Kopf, gefolgt von Hamburg (1478 Euro) und Stuttgart (1304 Euro). Auf Bundesländerebene erzielen die bevölkerungsreichen Länder Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg zusammengerechnet die größten Einkommensgewinne.

Dagegen profitiert Ostdeutschland geringer. In Brandenburg liegen die Pro-Kopf-Gewinne bei 672 Euro, in Sachsen-Anhalt bei 692 Euro und in Mecklenburg-Vorpommern bei 700 Euro.

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Europaweit zeigen sich zwei Tendenzen: Zum einen profitieren nicht etwa große Volkswirtschaften am meisten, sondern verhältnismäßig kleine, aber exportstarke Länder. Zum anderen gilt: Länder im Süden und Osten des Kontinents profitieren weniger vom Binnenmarkt als die anderen.

Die größten Einkommensgewinne pro Person verzeichnen die Schweizer (2900 Euro), Luxemburg (2800 Euro) und Irland (1900 Euro). Auch Belgien, die Niederlande und Österreich finden sich vorn. Dazu trägt bei, dass diese Staaten an große Volkswirtschaften wie Deutschland und Frankreich grenzen. "Für [diese] Länder ist der Binnenmarkt Gold wert, denn sie verfügen über wettbewerbsfähige Branchen, sind aber aufgrund kleiner Inlandsmärkte vom Export abhängig", so Ponattu.

In Südeuropa fallen die Gewinne dagegen gering aus. Dazu trage auch die geringere Wettbewerbsfähigkeit bei, heißt es in der Studie. So liegt der Pro-Kopf-Einkommenszuwachs in Spanien bei 590 Euro, in Portugal bei 500 Euro und in Griechenland bei 400 Euro.

Griechenland ist Schlusslicht

Zudem fällt auf, dass städtische Regionen zu den Gewinnern gehören. Diese sind von einem starken Fachkräftezuzug geprägt, den der Wegfall von Grenzen vereinfacht. So profitiert beispielsweise Berlin von einer wachsenden Startup-Szene, London und Zürich von der Finanzwirtschaft. Das schweizerische Finanzzentrum gehört mit 3590 Euro an Einkommensgewinnen zu den größten Gewinnern, gefolgt von der britischen Hauptstadt (2700 Euro) und Brüssel (2470 Euro).

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Die Bewohner ländlich geprägter Regionen in Süd- und Osteuropa erzielen durch den Binnenmarkt dagegen die geringsten Zuwächse. In Bulgarien, Rumänien und Griechenland liegen sie zwischen 120 und 150 Euro. Allerdings fließen dorthin mehr EU-Mittel aus der Regional- und Strukturförderung.

Und in Großbritannien? "Ein vollständiger Austritt aus dem Binnenmarkt würde neben dem Großraum London vor allem industrie- und innovationsstarke Regionen im Süden hart treffen", sagt Ponattu. Das ändert allerdings nichts daran, dass paradoxerweise einige der Regionen, die am stärksten vom Binnenmarkt profitieren, für den Brexit gestimmt haben - ein Beispiel ist das südenglische Kent.

Quelle: n-tv.de, Grafiken: Christoph Wolf