Wirtschaft

Währungskrise am Bosporus Der Markt ist stärker als Erdogan

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Präsident Recep Tayyip Erdogan stellt sich im Juni zur Wahl.

(Foto: REUTERS)

Seinen Gegnern will der türkische Präsident Erdogan mit einem Wahlsieg eine "osmanische Ohrfeige" verpassen. Möglicherweise wird es nicht dazu kommen - denn der Verfall der Lira könnte seine Pläne durchkreuzen.

Die Türkei steckt inmitten einer veritablen Währungskrise. Die Lira stürzt ab, seit Jahresbeginn hat sie rund 20 Prozent an Wert verloren. Das bekommen die Türken vor allem durch die hohe Inflation zu spüren - bei knapp elf Prozent verharrt sie derzeit. In Lira wird fast alles teurer, so gut wie jeder ist betroffen. Und das bedeutet: Ein Sieg von Präsident Recep Tayyip Erdogan bei den Wahlen am 24. Juni scheint plötzlich nicht mehr ausgemachte Sache zu sein.

Türkische Lira / US-Dollar
Türkische Lira / US-Dollar ,17

Die Preise für Importe legen kräftig zu, was viele Lebensbereiche betrifft: Die Türkei hat ein großes Handelsbilanzdefizit, sie führt also wesentlich mehr ein als aus. Etwa für Lebensmittel muss somit deutlich mehr bezahlt werden, das gilt nicht nur für importierte, sondern auch für einheimische Waren. Verdeutlichen lässt sich das an Simits, den beliebten Sesamkringeln: Kostete ein Simit in Istanbul bis vor kurzem noch eine Lira, sind es nun eineinhalb.

Beim Benzin hat die Regierung die Steuern angepasst, um die Preise kurz vor den Wahlen nicht explodieren zu lassen. Damit hält sich zwar die Wut der Türken in Grenzen, es verringern sich aber auch die Einnahmen des Staates.

Da hilft es Erdogan, dass 42 Prozent der Türken - wie auch die Regierung - ein Komplott ausländischer Mächte für den Absturz der Währung verantwortlich machen. Doch das ändert nichts daran: Steigende Preise schüren Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Und die kann sich irgendwann gegen die Regierung richten.

Zumal das Wirtschaftswachstum auf tönernen Füßen steht. Satte 7,4 Prozent hat das Bruttoinlandsprodukt 2017 zugelegt. Das hat allerdings auch damit zu tun, dass im Vergleichsjahr 2016 die Wirtschaft mit 2,9 Prozent für ein Schwellenland sehr schwach gewachsen war. Außerdem ist der Boom teuer erkauft: Ein Großteil des Wachstums geht auf üppige staatliche Investitionen in die Infrastruktur zurück. Zudem stützt die Regierung den Konsum mit immer neuen Subventionen.

Geringe Kreditwürdigkeit

Das Geld dafür leiht sich die Regierung im Ausland. Die Frage ist, wie lange sie sich das noch leisten kann. 40 Prozent der Staatschulden hat die Türkei in Fremdwährungen aufgenommen. Und die müssen nun mit einer fallenden eigenen Währung zurückgezahlt werden. Zudem wird die Aufnahme neuer Schulden teurer. Um türkische Anleihen an den Investor zu bringen, muss die Regierung immer höhere Zinsen bieten. Das liegt auch daran, dass Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit der Türkei im Ramschbereich sehen - damit fallen türkische Staatsanleihen für viele Investoren als Anlage aus.

Hinzu kommt: Viele türkische Unternehmen haben sich ebenfalls in Fremdwährung verschuldet. Dass der Lira-Absturz für sie ein Problem ist, zeigt ein Blick auf den Yildiz-Konzern. Zu ihm gehört mit Ülker der größte Lebensmittelhersteller in der Türkei. Der Umsatz liegt bei rund zwölf Milliarden Dollar. Im Februar bat die Konzernführung Banken, Schulden im Volumen von mehr als sieben Milliarden Dollar umzustrukturieren. Damit handelt es sich nach Angaben von "Bloomberg" um den größten Unternehmenskredit in der Geschichte der Türkei. Demnach hieß es in dem Schreiben an die Geldhäuser, dass Yildiz zwischen 10 und 30 Millionen Dollar verbrenne - am Tag. Jeden Monat müsse der Konzern zwischen 500 und 600 Millionen Dollar zahlen, um kurzfristige Schulden zu bedienen. Im Februar habe die Rückzahlung sogar bei mehr als einer Milliarde Dollar gelegen. Yildiz steht nicht alleine: Bloomberg zufolge stehen türkische Unternehmen im Ausland im Volumen von 326 Milliarden Dollar in der Kreide

All das ist nicht allein auf die Regierung zurückzuführen, sondern hat auch mit der US-Notenbank Fed zu tun. Die erhöht schrittweise die Zinsen und macht es so für Investoren attraktiver, ihr Geld in den USA anzulegen. Die Folge ist, dass aus Schwellenländern Kapital abfließt. Das dürfte für die türkische Regierung nur ein schwacher Trost sein, zumal die Fed an ihrem Kurs festhalten wird.

Erdogan wünscht Wachstum

Hauptverantwortlich für den Absturz der Lira ist allerdings die türkische Zentralbank. Angesichts der Inflation müsste sie den Leitzins - das ist der Zins, für den sich Geschäftsbanken bei der Zentralbank Geld leihen können - deutlich anheben. Derzeit liegt der Schlüsselzinssatz bei 16,5 Prozent. Das ist zwar vergleichsweise hoch, angesichts der hohen Inflation aber nicht hoch genug.

Höhere Zinsen wirken tendenziell preisdämpfend, weil sie Kredite verteuern. Zudem lohnt sich Sparen mehr. Das heißt: Unternehmen investieren weniger, Verbraucher konsumieren weniger. Dadurch sinkt die Nachfrage nach Produkten - und das macht Preiserhöhungen schwieriger.

Doch die türkischen Notenbanker erhöhen die Zinsen nur widerwillig und sorgen damit nicht gerade für Vertrauen bei den Anlegern. Aus Furcht vor einer immer höheren Inflation ziehen sie ihr Geld ab, um es vor weiterer Entwertung zu schützen.

Das Zögern der Zentralbank hat einen wesentlichen Grund: Erdogan. Es ist offensichtlich, dass die Notenbanker seinen Zorn fürchten. Der Präsident hat nicht nur einen Hang zum Autokratismus, sondern ist zudem ein selbsterklärter Feind von Zinsen und will mit günstigen Krediten die Konjunktur ankurbeln. Hinzu kommt, dass die hohe Arbeitslosigkeit in der Türkei gegen eine Zinserhöhung spricht. Die Quote liegt über zehn Prozent - trotz des zuletzt starken Wirtschaftswachstums.

Die brummende Wirtschaft war in den vergangenen Jahren stets ein wichtiger Grund für die Wahlerfolge Erdogans. Es liegt auf der Hand, dass er die Wahlen auch deshalb um rund anderthalb Jahre vorgezogen hat, um einem Einbruch der Konjunktur zuvorzukommen. Der rasante Verfall der Lira kann Erdogan einen Strich durch die Rechnung machen. Denn das Thema, das die Türken derzeit mit weitem Abstand am meisten beschäftigt, ist die Lage der Wirtschaft.

Erdogan verspricht deshalb, nach einem Wahlsieg die Inflation zu bekämpfen. Sollte er das tun, kann es für die Türkei noch ungemütlicher werden. Denn für Erdogan stecken nicht etwa ökonomische Kräfte, sondern eine ominöse türkeifeindliche "Zinslobby" hinter dem Verfall der Lira. Und entgegen der ökonomischen Lehre ist er davon überzeugt, dass niedrige Zinsen zu niedriger Inflation führen.

Quelle: n-tv.de, mit rts/dpa

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