Wirtschaft

Floppt das schwedische Experiment? Sechs-Stunden-Arbeitstag ist "zu teuer"

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Beim Sechs-Stunden-Arbeitstag hält Schweden trotz des Rückschlags immer noch die Fahne hoch.

(Foto: REUTERS)

Zwei Stunden täglich mehr Zeit fürs eigene Leben bei gleichem Geld? Schweden ist ausgesprochen offen für den Sechs-Stunden-Arbeitstag. Die Stadt Göteborg beendet das Experiment trotzdem.

Wer große Hoffnungen an die schwedischen Modellversuche zum Sechs-Stunden-Arbeitstag geknüpft hat, muss sich auf schlechte Nachrichten gefasst machen. Nach einem zweijährigen Pilotprojekt in Göteborg erhält der Traum von mehr Freizeit bei gleichem Geld einen ziemlichen Dämpfer.

Die Vertreter der Vänsterpartiet, einem Pendant zur deutschen Linkspartei, hatten 2015 zwei Stunden weniger pro Tag für das Pflegepersonal in einem Altenheim durchgeboxt - bei voller Bezahlung. Das Kürzertreten brachte durchaus Vorteile: Die Arbeitnehmer fühlten sich nach eigenen Aussagen gesünder, ausgeglichener und glücklicher. Die alten und pflegebedürftigen Menschen profitierten davon. Doch unterm Strich - so jetzt die nüchterne Erkenntnis - ist das Modell für die Stadt schlicht zu teuer.

Zusätzliche zwölf Millionen schwedische Kronen, umgerechnet etwa 2,2 Millionen Euro, kostete das Pilotprojekt die Kassenwarte. 17 neue Pflegekräfte mussten eingestellt werden, um die Stundenausfälle der bis dahin 68 Angestellten aufzufangen, fasst "Bloomberg" die Ergebnisse der Pilotstudie zusammen. Der Sechs-Stunden-Arbeitstag sei "definitiv mit höheren Kosten verbunden", zitiert die Finanznachrichtenagentur den linken Politiker und verantwortlichen Juristen für das Projekt, Daniel Bernmar. Seine Schlussfolgerung: "Es ist viel zu teuer, um eine generelle Verkürzung der Arbeitszeit innerhalb eines angemessenen Zeitraums durchzuführen."

Ein Modell taugt nicht für alle

Insbesondere die Entwicklung der Krankenrate des Pflegepersonals hat die Erwartungen an das Pilotprojekt enttäuscht. Sie sank im Versuchszeitraum gerade einmal um 0,6 Prozent. Experten hatten sich deutlich mehr versprochen. Weil die Pflegekräfte weiter in Acht-Stunden-Schichten arbeiteten, liefert das Ergebnis allerdings nur bedingt Erkenntnisse über die Auswirkungen eines richtigen Sechs-Stunden-Arbeitstags. Denn für die zusätzlichen Stunden Arbeit pro Tag bekamen die Angestellten Ausgleichstage. Damit kann der Göteborger Modellversuch letztlich auch nicht den Nachweis erbringen, dass das Sechs-Stunden-Modell nicht funktionieren könnte.

Selbst wenn der Sechs-Stunden-Arbeitstag für den öffentlichen Sektor und in dieser speziellen Sparte als gescheitert gilt, ist das Arbeitszeitmodell deshalb noch lange nicht gefloppt. Es gibt andere Branchen als den Pflegesektor, wo das Modell offenbar besser funktioniert: Eine gute Option könnte es zum Beispiel für Schwedens Tech-Start-up-Szene sein. Filimundus, ein App-Entwickler mit Sitz in der Hauptstadt Stockholm, führte die verkürzte Arbeitszeit testweise im vergangenen Jahr ein.

"Der achtstündige Arbeitstag ist nicht so effektiv, wie man denkt", zitiert der "Independent" Linus Feldt, den Vorstandsvorsitzenden der Firma. "Sich acht Stunden lang auf eine bestimmte Aufgabe zu konzentrieren, stellt eine große Herausforderung dar. Um das zu bewältigen, machen wir andere Dinge und Pausen. Gleichzeitig haben wir Probleme, unser Privatleben zu bewältigen", beschreibt Feldt das Problem.

Als Erfolgsmodell gilt auch Toyotas Service-Center in Schweden, das die täglichen Arbeitsstunden bereits vor dreizehn Jahren kappte. Das Ergebnis waren eine höhere Produktivität und mehr Profit. Das Unternehmen hat die kürzeren Arbeitszeiten seitdem beibehalten.

Inwiefern profitiert die Gesellschaft?

Bislang sind die Erkenntnisse zu den Auswirkungen reduzierter Arbeitszeit nicht schlüssig. Schweden ist immer noch weit entfernt davon, den Sechs-Stunden-Tag oder die 30-Stunden-Arbeitswoche zur Regel zu machen. Aber das Land geht mit seinen Vorstellungen über eine Work-Life-Balance schon lange eigene Wege. Daher wird es wohl auch noch viele weitere Versuche mit dem Sechs-Stunden-Modell geben. Unabhängig von den Erfahrungen einzelner Betriebe gibt es vor allem immer noch viele offene Fragen, die bislang noch nicht einmal gestreift wurden.

Der Göteborger Linke, Bernmar, hätte beispielsweise gerne mehr Studien darüber, ob ein kürzerer Arbeitstag langfristig auch Gewinne für die Gesellschaft bringt. Beschäftigte in arbeitsintensiven Berufen könnten ihr Arbeitsleben dadurch möglicherweise verlängern. Die Gesamtrechnung wäre dadurch eine gänzlich andere.

Trotz zusätzlicher Kosten unterstützt Bernmar deshalb auch den Plan für eine Arbeitszeitreduzierung. "Je reicher wir werden, desto mehr müssen wir diesen Reichtum auf andere Weise nutzen als durch ein neues Auto oder mehr Konsum." Die Kassenwarte der Stadt Göteborg wollen sich diesen Luxus aber künftig nicht mehr leisten. Sie beenden das Projekt. Um es weiter zu testen, würden sie mehr Geld benötigen und Hilfe vom Staat, sagen sie. Abwegig ist dieser Wunsch nicht. Das Modellprojekt hat 17 Stellen geschaffen - ein Viertel mehr als vorher. Zu viel für die Stadt, aber sicherlich nicht zu viel für den Staat. Schweden hat mit 7,8 Prozent eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit. Es gehört zwar zu den reichsten europäischen Ländern, aber auch die Sozialleistungen sind großzügig. Es gibt also mehr als nur die eine Rechnung in Göteborg.

Quelle: n-tv.de

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