Wirtschaft

SPD-Experte zur Bankenfusion "Der Stellenabbau kommt sowieso"

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Eine Branche im Umbruch.

(Foto: imago/blickwinkel)

Der Sturm der Kritik, den die mögliche Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank ausgelöst hat, ärgert Harald Christ. Ohne eine schlagkräftige Großbank drohe Deutschland eine fatale Abhängigkeit, sagt das Präsidiumsmitglied des SPD-Wirtschaftsforums, das früher selbst der Führung der Postbank und der Deutschen Bank angehörte. Die Fusion nicht zu prüfen, wäre seiner Ansicht nach unverantwortlich.

n-tv.de: Was ist die Basis für die Fusionsgespräche? Sprechen da zwei angeschlagene Krisenbanken miteinander oder sind die Institute inzwischen auf einem stabilen Weg in die richtige Richtung? 

Harald Christ: Es sind inzwischen alles andere als Krisenbanken. Sowohl die Deutsche Bank als auch die Commerzbank haben ihre Bilanzen aufgeräumt und eine sehr komfortable Eigenkapitalausstattung. Aktuell spiegelt sich das in der Bewertung an den Kapitalmärkten nicht wider. Davon sollte man sich nicht leiten lassen. Beide Banken haben stabile Geschäftsmodelle. Richtig ist allerdings auch: Das globale Marktumfeld bleibt herausfordernd, darauf haben die Banken nur bedingt Einfluss. Das seit Jahren niedrige Zinsumfeld zum Beispiel belastet Banken und Sparer gleichermaßen. Dazu kommt die Transformation der Geschäftsmodelle durch neue Wettbewerber und der damit verbundene Strukturwandel einer ganzen Industrie. Die Kunden wünschen sich weniger die Filialbetreuung und fragen stattdessen nach digitalen, agilen und hybriden Geschäftsmodellen. Darauf müssen Banken reagieren. Wir sollten übrigens - und das ist für mich ein wichtiger kultureller Punkt - aufhören, unsere Banken schlechter zu beschreiben, als sie tatsächlich sind. 

Welchen Vorteil würde eine Fusion angesichts dieser Herausforderungen bieten? 

Zunächst einmal sind die Sondierungsgespräche zwischen Deutscher Bank und Commerzbank, von denen wir öffentlich erfahren haben, ja ergebnisoffen. Da müssen die Vorstände der beiden Banken herausfinden, welche Optionen für ihr Unternehmen die besten Chancen bietet. Ein völlig normaler Vorgang und Aufgabe verantwortungsbewusster Vorstände. Ich habe da großes Vertrauen in die handelnden Personen. Bei einer möglichen Fusion steht natürlich das Senken von Kosten im Mittelpunkt. Es geht darum, gemeinsame Synergien zu nutzen, aber sicher auch ein tragbares zukunftsfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln für Wachstum und Zukunftssicherung. Aktives Topline- und Bottomline-Managment heißt das in der Fachsprache. Zudem könnte ein Zusammenschluss nach erfolgreicher Strukturierung auch Eigenkapital freisetzen, das dann in Zukunftsbereiche investiert werden kann. Möglicherweise gibt es auch positive Effekte bei der Refinanzierung der Häuser, aber das ist jetzt alles reine Spekulation und soweit sind wir ja noch nicht. 

Das sind mögliche Vorteile einer Fusion aus Sicht der beiden Banken. Was ist mit der Wirtschaft insgesamt? Würde ein "Nationaler Champion" Deutschland nützen?

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Finanz- und Kapitalmarktexperte Harald Christ sitzt im Präsidium des SPD-Wirtschaftsforums. Er war in leitenden Positionen bei der Deutschen Bank, der Ergo-Versicherung und der Deutschen Bank tätig.

(Foto: imago/Ulrich Roth)

Mit solch glorifizierenden Begriffen kann ich nicht viel anfangen. Wir brauchen eine starke Finanzindustrie, die global agieren kann. Käme es zu einer Übernahme der Deutschen Bank oder Commerzbank durch einen ausländischen Konkurrenten, wären wir die einzige große Volkswirtschaft ohne eine Großbank von internationalem Rang. Wir wissen nicht, wie es langfristig mit Europa weitergeht oder mit den USA unter Donald Trump, kurz gesagt: wie die Welt sich verändert. Auch wenn wir uns alle eine gemeinsame Zukunft wünschen: Ich hielte es politisch für unverantwortlich, wenn wir uns von ausländischen Banken, die der Regulierung anderer Staaten und Regierungen unterstehen, abhängig machen. Politik muss immer auch das Große und Ganze sehen und darf sich nicht zu sehr abhängig machen von kurzfristigen Emotionen.

Aber ist ein großer Player, wie er beim Zusammenschluss zwischen Commerzbank und Deutscher Bank entstehen würde, auch automatisch ein schlagkräftiger, global konkurrenzfähiger Akteur? 

Es geht nicht um die Größe allein, sondern um Profitabilität und Stabilität. Niemand der Verantwortlichen würde einen Zusammenschluss gutheißen, wenn es kein stabiles und profitables Geschäftsmodell gibt. Aufgabe der Vorstände ist, das jetzt zu prüfen nach rein unternehmerischen Gesichtspunkten ohne Einmischung der Politik. Klar ist auch, die Risiken und Chancen müssen abgewogen werden. Aber zwischenzeitlich gibt es ja mehr Politiker mit angeblichem Sachverstand und Experten, als es Bankvorstände gibt - für mich eine spannende Beobachtung. Ich rate zu Besonnenheit und Seriösität. Also warten wir mal ab, was die Sondierungen bringen. 

Die Politik ist allerdings stark involviert. Die Bundesregierung ist Großaktionär der Commerzbank. Es heißt, Finanzminister Olaf Scholz habe die Gespräche aktiv vorangetrieben. 

Vieles, was da erzählt und geschrieben wird, ist nach meinem Kenntnisstand falsch. Tatsächlich gibt es in meiner Wahrnehmung eine politische Veränderung: Wolfgang Schäuble hat sich als Finanzminister jahrelang nicht so sehr um die Finanzindustrie gekümmert. In seiner Amtszeit wurde höchstens die Regulierung immer weiter vorangetrieben. Reagieren stand im Vordergrund, nicht agieren. Das möchte ich aber gar nicht weiter bewerten. Ich sehe die Lage heute so: Olaf Scholz hat das Gespräch mit den Banken gesucht, das war ja öffentlich auf diversen Veranstaltungen zu hören. Er hat dort hörbar signalisiert, dass er für konstruktive Vorschläge offen ist, wie man die Branche stärken kann. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist übrigens ganz im Sinne einer agierenden Industriepolitik, wie sie auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier in seinen Industriepolitischen Vorschlägen jüngst skizziert hat. Dass Scholz sich eingemischt oder sogar Druck ausgeübt habe, sind schlicht Fake News, die sehr stark medial getrieben werden. Dass nun einige Scholz zur treibenden Kraft hinter der Fusionsidee erklären und sogar für einen möglichen Stellenabbau verantwortlich machen, das halte ich für unverantwortliche populistische Spielchen. Dieses Zerreden von Ideen, bevor sie überhaupt beschlossen sind, schadet dem Standort Deutschland. 

Die Kritik an dem Fusionsplan ist in der Tat groß. Gegner führen vor allem den erwarteten massiven Stellenabbau an und warnen vor einem neuen großen, möglicherweise instabilen Institut, das zum Risiko für den Finanzmarkt werden könnte. 

Größe bedeutet nicht automatisch mehr Risiko. Das ist doch Quatsch. Das ist eine Frage des Geschäftsmodells. Wenn ein großes Institut mit einem guten Geschäftsmodell, niedrigeren Kosten und guter Kapitalausstattung profitabler ist, wäre es sogar stabiler. Der zu erwartende Stellenabbau ist sicher nicht schön und schon gar nicht für die Menschen, die es betrifft. Aber der kommt durch den Strukturwandel schleichend auch ohne einen Zusammenschluss. Die gesamte Branche ist im Umbruch. Das betrifft auch Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken. Schauen Sie sich einmal an, wieviele Institute hier die letzten Jahren fusioniert haben. Die Banken generell haben nur wenige Stellschrauben, um aktiv ihre Profitabilität zu erhöhen. Eine davon sind die Kosten, das heißt Sachkosten und das Personal. Eine weitere ist ein tragfähiges Geschäftsmodell. Für EZB-Zinsentscheidungen sind Banken dagegen nur Empfänger und nicht Absender. Kommt es nicht zur Fusion zwischen Deutscher Bank und Commerzbank, sondern zu einer Übernahme durch ausländische Konkurrenten, wird es erst recht einen massiven Jobabbau geben, und dann schreien alle, wieso nicht andere Optionen geprüft wurden. Zudem herrscht in Deutschland Fachkräftemangel, in Frankfurt sogar Vollbeschäftigung. Dort sind nicht zuletzt angesichts des Brexits die Aussichten für Bankmitarbeiter derzeit besser als noch vor ein paar Jahren. Mein Appell ist: Aufhören mit den Spekulationen und jetzt die Verantwortlichen ihre Arbeit machen lassen. Auf der Basis lässt es sich dann seriös diskutieren.

Mit Harald Christ sprach Max Borowski

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Quelle: n-tv.de

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