Wirtschaft

Milliardenverluste und Jobangst Die Bahn büßt für jahrelange Arroganz

Grube, Rüdiger.jpg

Angesichts von Milliardenlöchern will Rüdiger Grube die Bahn pünktlicher und serviceorientierter macher.

(Foto: picture alliance / dpa)

Jahrelang hat die Bahn geschlafen und sich für unbesiegbar gehalten. Nun bekommt sie die Quittung: Die Zahlen sind tiefrot, tausende Jobs in Gefahr. Bahnchef Grube muss Milliarden in die Hand nehmen um zu retten, was zu retten ist.

Einsicht ist der erste Weg zur Besserung, das hat auch Bahnchef Rüdiger Grube verstanden. Angesichts der desolaten Bilanz baut der oberste Lenker den Staatskonzern um und fasst sich an die eigene Nase. "Vielleicht haben wir bisher zu sehr in Zuständigkeiten gedacht - und nicht in Verantwortlichkeiten", sagte er im Beisein seiner Vorstandskollegen. In den vergangenen Jahren sei manchmal der Eindruck entstanden, "die Bahn als ehemaliger Staatsmonopolist habe sich im wesentlichen aufs Defensivspiel verlegt".

Das trifft es ziemlich genau. Der Staatskonzern hat auch zwei Jahrzehnte nach seiner Umwandlung in eine Aktiengesellschaft immer noch eine selbstherrliche Haltung, vor allem zu seinen Kunden. Er ist eine Art Telekom auf Schienen. Er hält sich für unangreifbar, weil er in vielen Regionen immer noch unverzichtbar ist. Echte Konkurrenz gab es bisher auch kaum. Und wenn, bestand die Strategie bisher darin, erst die Augen vor dem Wettbewerb zu verschließen und ihn dann kleinzureden. Doch das geht nun nicht mehr.

"Grundlegende Erneuerung" der Bahn

Immer mehr Fernbusse rollen über deutsche Straßen. Auch wenn sie die Bahn niemals ersetzen können, nehmen sie ihr immer mehr Kunden weg. Die Bahn hat das erst völlig verschlafen, sah in den Bussen keine nennenswerte Konkurrenz. Die sind nicht nur billiger, sondern besser ausgerüstet für junge Kunden. An Bord gibt es längst WLAN, in Grubes Zügen und Bahnhöfen soll es flächendeckend erst 2020 soweit sein.

Für das laufende Geschäftsjahr rechnet Grube mit einem Milliardenverlust. In diesem und im nächsten Jahr werden zwei Milliarden Euro Sonderbelastungen das Ergebnis verhageln. Sie fallen wegen Abschreibungen im schleppenden Güterverkehr und Restrukturierungskosten an. Seine ehrgeizigen Ziele bis zum Jahr 2020 hatte Grube schon Anfang des Jahres eingestampft.

Der Konzernchef zieht die Notbremse, um die Bahn wieder in die richtige Richtung zu lenken. Den größten Umbau seit der Bahnreform von 1994, nichts weniger als "eine grundlegende Erneuerung der Eisenbahn in Deutschland" hat die Staatsfirma angekündigt. In das Geschäft mit den Bussen ist sie längst selbst eingestiegen, will es nun vervierfachen. Um neue Kunden zu gewinnen, hat sie Billig-Bahncards eingeführt. Und was früher undenkbar war, passiert nun schon im zweiten Jahr in Folge: Die Preise in der zweiten Klasse bleiben stabil.

Grube will an allen Fronten angreifen

Punkten will der Bahnchef bei den Kunden künftig mit mehr Pünktlichkeit, mehr Service und mehr Qualität. Ab kommendem Jahr gibt es in den ICEs Filme und Musik. In den Zügen wird bessere Empfangstechnik eingebaut, damit Internet und Telefonie besser laufen. Über das Unterhaltungsportal sollen Fahrgäste auch surfen können. Ab 2016 soll mit mobilen Einsatzteams und digitaler Weichendiagnose die Zahl der technischen Störungen reduziert und im Fernverkehr eine deutlich verbesserte Pünktlichkeit von 80 Prozent erreicht werden. Heute sind es 75 Prozent, langfristiges Ziel sind 85 Prozent. Gelingt das nicht, erhalten die Vorstände weniger Geld.

Mobile Entstörungsteams sollen Toiletten reinigen und Bordbistros warten. Bordpersonal soll sich mehr um den Kundenservice kümmern und den Reisekomfort steigern. Wartebereiche in großen Bahnhöfen sollen modernisiert werden, Aufzüge und Rolltreppen besser gewartet werden. Schichtpläne sollen variabler werden, damit die Instandhaltung besser läuft. Im gesamten Konzern will Grube 55 Milliarden Euro in den kommenden fünf Jahren investieren.

Doch das alles ist bloß Zukunftsmusik. Der Aufsichtsrat hat Grubes Pläne bislang lediglich zur Kenntnis genommen, aber noch nicht abgesegnet. Details der neuen Strategie sollen im nächsten Jahr geklärt werden. Bedingungsloses Vertrauen sieht anders aus. Sicher ist dagegen, wer in jedem Fall die Rechnung für die Versäumnisse der Bahn bezahlt. Im Güterverkehr sind bis zu 2600 Jobs gefährdet. Den Mitarbeitern sollen angeblich andere Arbeitsplätze im Konzern angeboten werden, behauptet die Bahn.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema