Wirtschaft

Abzocke der Stromanbieter"Drei Viertel der Deutschen hätten sofort mehr Geld in der Tasche"

15.03.2026, 08:08 Uhr
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Das alte Stromsystem hat ausgedient - ob wir wollen oder nicht. (Foto: imago images / Winfried Rothermel)

Deutschland ist ein Junkie. "Wir sind abhängig von fossilen Brennstoffen. Der Iran-Krieg macht deutlich: Nach der Energiekrise haben wir nur den Dealer ausgetauscht", sagt Octopus-Energy-Chef Bastian Gierull im "Klima-Labor" von ntv. Wie würde er die Sucht überwinden und möglichst günstige Versorgungssicherheit herstellen? Die Ansätze von Wirtschaftsministerin Reiche findet er nicht verkehrt, hält sie aber nur für Zwischenlösungen. "Es fehlt der nächste Schritt. Wir möchten den Ausbau der Erneuerbaren ja nicht einstellen", sagt Gierull. Ihm zufolge verfügt die Bundesregierung aber auch kurzfristig über Optionen, um Haushalte zu entlasten: Sie kann ihr Wahlversprechen einlösen und die Stromsteuer senken. Das macht E-Auto und Wärmepumpe automatisch attraktiver. Eine neue Studie empfiehlt außerdem eine Strompreisobergrenze für Bestandskunden: "Dann wird niemand mehr über den Tisch gezogen und muss 75 Cent pro Kilowattstunde zahlen."

ntv.de: Sind die steigenden Energiepreise durch den Iran-Krieg eine gute Nachricht für die Energiewende oder geht das zu weit?

Bastian Gierull: Krieg ist nie eine gute Nachricht für irgendjemanden, steigende Energiepreise auch nicht. Nicht für die Industrie. Nicht für die Verbraucher. Was der Krieg aber vier Jahre nach der Energiekrise erneut aufzeigt: Wir hängen wie Junkies an der Nadel der fossilen Brennstoffe - mit allem, was dazu gehört. Die Fossilen helfen uns nicht, eine lebenswertere Welt zu schaffen. Wir sind erpressbar und machtlos, wenn die Weltmarktpreise steigen. Eigentlich haben wir nur den Dealer getauscht. Der neue ist vertrauenswürdiger als der alte, aber wenn ich mir die Rhetorik und die Politik der USA anschaue, geht das nicht in eine Richtung, die einen demokratischen Staat beruhigen sollte.

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Bastian Gierull ist Chef von Octopus Energy Deutschland. Im vergangenen September hat der Energieversorger hierzulande die Marke von einer Million Kunden überschritten. Deutschland ist damit nach Großbritannien der zweitgrößte Markt: In der Heimat versorgt Octopus Energy 7,8 Millionen Haushalte mit Energie. (Foto: picture alliance for DLD / Hubert Burda Media)

Ist es fair, dass die Bundesregierung offenbar bereit ist, einzugreifen? Man kann argumentieren: Das ist der Markt. Ihr habt euch für Benziner, Diesel oder Gasheizung entschieden.

Energiefragen kann man teils privat entscheiden, der Großteil ist von der Politik getrieben. Sie stellt die Regeln auf. Welche Angebote gibt es? Wie hoch ist der Strompreis? Man sieht ja, dass auch die Strompreise durch den Iran einen Sprung nach oben gemacht haben, weil sie vom Gaspreis abhängen. Nicht so stark wie beim Ukraine-Krieg, aber sie haben sofort reagiert.

Verleiht der Iran-Krieg der Energiewende den entscheidenden Schub, oder versuchen wir zum wiederholten Male, die Probleme über fossile Subventionen aufzufangen?

Wenn es ökonomisch sinnvoll ist, sollte die Regierung Haushalte definitiv entlasten, aber das kann keine Dauerlösung sein. Wir können nicht jedes Mal Millionen oder Milliarden ausgeben, um hohe Preise aufzufangen, sondern müssen uns fragen: Wie schaffen wir günstige Energiesicherheit? Die Lösungen sind bekannt - nicht erst seit letzter Woche. Vielleicht erhalten sie jetzt mehr Gehör, wenn das Thema lautstark in den Medien stattfindet und den Geldbeutel der Verbraucherinnen und Verbraucher trifft.

Erwarten Sie wirklich einen Lerneffekt? In den vergangenen Monaten wurde die Energiewende von der Bundesregierung eher mit Kostensteigerungen in Zusammenhang gebracht als mit niedrigen Preisen und Versorgungssicherheit.

Das stimmt. Immer, wenn ich Energiepreise erwähne, kommt sofort die Frage: Wo bleibt denn der Solarstrom für 5 oder 8 Cent pro Kilowattstunde bei mir zu Hause?

Wie lautet die Antwort?

Der günstige Strom der Erneuerbaren wird immer dann teuer, wenn er das Netz trifft. 60 Prozent der Stromkosten sind Netzentgelte, Umlagen und Steuern. Das müssen wir ändern. Das Stromnetz wurde für Fossile gebaut und kann überschüssigen Strom nicht aufnehmen. Wenn besonders viel günstiger erneuerbarer Strom erzeugt wird, muss er von Verbrauchern abgenommen werden, nicht abgeregelt.

Und wie kommt man dahin?

Indem wir das System mit Smartmetern digitalisieren und flexibilisieren. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns bewusst machen, dass sich das Energiesystem komplett verändern wird. Das alte hat in der Vergangenheit funktioniert, passt aber nicht zur Zukunft. Diese Art von Wandel gab es häufiger, etwa beim Internet oder Smartphone, und ja: Es wird auch dieses Mal nicht nur Gewinner geben. Die Politik muss dafür sorgen, dass der Wandel leichter vonstattengeht, denn wenn sie das nicht tut und wir im alten System festhängen, wird es schmerzhaft und teuer.

Wo finde ich das "Klima-Labor"?

Dieses Interview ist eigentlich ein Podcast, den Sie sich anhören können: "Das Klima-Labor von ntv" finden Sie auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.

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Derzeit machen es die überlasteten Netze so teuer. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche möchte den Ausbau der Erneuerbaren deshalb verlangsamen und ihn mit dem Netzausbau synchronisieren. Ist das sinnvoll?

Ja und nein. Es ist nicht falsch zu sagen: Wir fokussieren den Ausbau der Erneuerbaren auf Regionen, in denen es Kapazitäten gibt; nicht auf Gebiete, wo das Netz keinen weiteren Strom mehr aufnehmen kann und letztlich die Kosten für Verbraucher erhöht.

Das ist das Argument für den Plan von Katherina Reiche.

Genau. Aber das ist eine Zwischenlösung, die man so nicht stehen lassen kann. Es fehlt der nächste Schritt. Wir möchten den Ausbau der Erneuerbaren ja nicht einstellen. Was ist der Plan für die Zeit danach? Wie integrieren wir anschließend den weiteren Ausbau? Wie digitalisieren wir das Netz? Wie schaffen wir mehr Flexibilität in Deutschland?

Die Diagnose ist korrekt, aber die Behandlung ist falsch?

Wir nehmen eine Schmerztablette, aber fragen uns nie, was die Schmerzen verursacht hat.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wirbt dafür, dass alle EU-Länder ihre Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß senken, um Haushalte zu entlasten. Das hatte Friedrich Merz im Wahlkampf versprochen. Das steht so im Koalitionsvertrag. Letztlich hat die Bundesregierung aber gesagt: Dafür ist kein Geld da. Muss man dieses Geld im Sinne der Energiewende irgendwie auftreiben?

Ja. Niedrige Stromkosten sind immer gut - unabhängig von der Frage, wie sinnvoll es ist, ein Wahlversprechen zu machen und es dann nicht umzusetzen. Sie machen Wärmepumpen und Elektroautos attraktiver. Dann wären jetzt weniger Menschen abhängig von hohen fossilen Preisen durch den Iran-Krieg. Stattdessen hat die Regierung die Gasspeicherumlage abgeschafft, die Gasheizung attraktiver gemacht und mehr Menschen der Gefahr steigender Energiepreise ausgesetzt.

Eine andere Möglichkeit, Strom- und Heizkosten zu senken, ist der regelmäßige Anbieterwechsel.

Ja, aber es kann nicht die Aufgabe der Verbraucher sein, regelmäßig zu gucken, ob sie abgezockt werden.

Wer nicht wechselt, wird abgezockt?

Oftmals. In vielen anderen Ländern müssen Energieanbieter ihre Preise für Neukunden und Bestandskunden offenlegen. In Deutschland sieht man nur die Neukundenpreise. Niemand weiß, was Millionen von Verbraucherinnen und Verbrauchern zahlen, die seit Jahren bei ihrem Anbieter sind. Unsere Studie belegt: Diese Bestandskunden werden unverhältnismäßig benachteiligt.

Und subventionieren damit die günstigen Tarife für Neukunden?

Ja. 30 Millionen Haushalte - das sind drei Viertel aller deutschen Haushalte - wechseln praktisch nie den Strom- oder Gasversorger. Gerade die wünschen sich wahrscheinlich einen Anbieter, der sie fair bepreist. Das ist nicht der Fall. Wer seine Rechnung nicht jedes Jahr kontrolliert, wird über den Tisch gezogen. Das betrifft hauptsächlich Menschen, die digital nicht so affin sind, also insbesondere ältere Generationen, und Menschen mit einer Sprachbarriere. Es trifft aber auch Menschen, die bereits zwei oder drei Jobs haben, um sich und ihre Familie über Wasser zu halten und keine Zeit mehr haben, abends Strompreise zu vergleichen.

Ihr Plan ist nicht, alle Haushalte zu befähigen, Vergleichsportale zu nutzen und den Anbieter regelmäßig zu wechseln?

Die sind Teil des Problems, nicht der Lösung. Sie profitieren vom Geschäft mit Dumpingpreisen. Es mag verwunderlich klingen, aber unser Wunsch sind Energieanbieter, die auch loyale Kunden fair bepreisen. Ich bin jahrelang bei euch geblieben, aber bekomme keine Belohnung, sondern eine höhere Rechnung? Als Neukunde bezahlt man im ersten Jahr 25 Cent je Kilowattstunde. Im Jahr darauf wird es mehr und im Jahr darauf noch mehr. 80 bis 90 Prozent der Anbieter erheben Aufschläge, die den Marktpreis nicht widerspiegeln. In Summe zahlen diese Kunden jedes Jahr 11 Milliarden Euro zu viel für ihren Strom.

Woher kennen Sie die Zahlen, wenn sie nicht offengelegt werden müssen?

Wir haben inzwischen selbst mehr als eine Million Kunden. Wenn sie zu uns wechseln, sehen wir, welche Tarife sie vorher hatten. Auch in Beratungsgesprächen erfahren wir, dass einige Kunden unverschämt viel zahlen. Das haben die RWTH Aachen und wir ausgewertet.

Im Schnitt zahlen Bestandskunden 50 Prozent oder 13 Cent pro Kilowattstunde mehr als Neukunden.

Genau, im Schnitt. Das heißt, in einigen Haushalten sind die Ausschläge extremer. Gerade von Rentnern kennen wir Haushalte, die seit Jahren 75 Cent pro Kilowattstunde zahlen. Das Problem ist: Je mehr Menschen regelmäßig den Anbieter wechseln, umso extremer müssen die Anbieter mit Lockangeboten um neue Kunden werben. Das befeuert einander. Es wäre sinnvoller und günstiger, wenn die Regierung eine Preisobergrenze für Bestandskunden einführt. Das hätte zwei Effekte: Erstens zahlt niemand mehr 75 Cent pro Kilowattstunde. Viele Leute haben sofort mehr Geld in der Tasche. Zweitens fallen die Dumpingpreise für Neukunden weg. Alle Kunden hätten ein realistisches Preisniveau.

Eine Preisobergrenze ist ein heftiger Markteingriff.

International ist das üblich. In Großbritannien - unserer Heimat - wird sie regelmäßig überprüft. Anhand der Marktpreise wird gesagt: Das ist ein fairer Korridor, in dem die Preise selbstverständlich auch erhöht werden können. Derzeit werden Strompreise aber speziell für Bestandskunden teurer - losgekoppelt von den Marktpreisen.

Was erwarten Sie sich von dieser Studie? Die anderen Stromanbieter werden nicht glücklich darüber sein.

Einen gesellschaftlichen Diskurs. Und wie erwähnt: Für die Politik ist die Obergrenze ein Ansatz, die Stromkosten sofort für viele Menschen drastisch zu senken - unabhängig von Steuern, dem Netzausbau, Kriegen und anderen Dingen. Drei Viertel der Deutschen hätten von einem Tag auf den anderen mehr Geld in der Tasche. Teilweise richtig viel.

Mit Bastian Gierull sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.

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Dieses Interview ist eigentlich ein Podcast, den Sie sich anhören können: "Das Klima-Labor von ntv" finden Sie auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.

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Klima-Labor von ntv

Was hilft wirklich gegen den Klimawandel? Funktioniert Klimaschutz auch ohne Jobabbau und wütende Bevölkerung? Das "Klima-Labor von ntv" ist der Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen, Lösungen und Behauptungen der unterschiedlichsten Akteure auf Herz und Nieren prüfen.



Ist Deutschland ein Strombettler? Rechnen wir uns die Energiewende schön? Vernichten erneuerbare Energien Arbeitsplätze oder schaffen sie welche? Warum wählen Städte wie Gartz die AfD - und gleichzeitig einen jungen Windkraft-Bürgermeister?



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Quelle: ntv.de

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