Wirtschaft

Sorge vor neuer EnergiekriseDroht Europas Gasmarkt der härteste Winter seit 2022?

20.08.2026, 13:37 Uhr IMG_4708Von Juliane Kipper
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Zum 1. November müssten die deutschen Gasspeicher nach gesetzlichen Vorgaben eigentlich zu jeweils 80 Prozent gefüllt sein.

Europa und besonders Deutschland blicken auf eine schwierige Heizperiode: Niedrige Speicherstände, steigende Preise und geopolitische Spannungen setzen die Versorgung unter Druck. Zugleich droht ein härterer Wettbewerb um LNG-Lieferungen.

Europa und insbesondere Deutschland könnte laut der Preisberichtsagentur Argus Media die schwierigste Wintersaison seit dem Krisenjahr 2022 bevorstehen. Vor dem Hintergrund ungewöhnlich niedriger Gasvorräte schüren die jüngsten geopolitischen Signale bei der leitenden Expertin für LNG- und Gasmärkte, Natasha Fielding, die Befürchtung einer erneuten Belastungsprobe. Für die Expertin ist klar: Die Preise werden in den kommenden Monaten weiter stark schwanken.

Maßgeblicher Treiber dieser Entwicklung ist die Sorge vor geopolitischen Lieferengpässen: Marktteilnehmer stellen sich ihrer Einschätzung zufolge zunehmend darauf ein, dass die wichtige Straße von Hormus bis in den Winter hinein weitgehend gesperrt bleiben könnte. Grund für diese Annahme war laut Fielding zuletzt unter anderem die Aussage von US-Präsident Donald Trump, wonach derzeit keine diplomatischen Gespräche zwischen den USA und dem Iran stattfänden.

Inzwischen ist der Frust bei Trump über die mangelnde Fortschritte bei der Wiedereröffnung der Straße von Hormus so groß, dass er den Iran sogar mit einem "wirtschaftlichem D-Day" überziehen will. Auf seiner Platform Truth Social drohte er mit einem "Wirtschaftskrieg und einer Isolierung in noch nie dagewesenem Ausmaß". Dies richte sich an Länder, die dem Iran "in irgendeiner Weise eine Rettungsleine" zuwerfen. Dann müssten sie selbst mit "enormen wirtschaftlichen Konsequenzen" rechnen.

Diese geopolitische Anspannung schlägt nun voll auf die europäische Versorgungslage durch. Laut jüngsten Daten des europäischen Verbands der Gasinfrastrukturbetreiber (GIE) lag der Füllstand am 17. August bei 61,37 Prozent. Vor einem Jahr waren es knapp 74 Prozent. "Das einzige andere Mal in den vergangenen 15 Jahren, als die Vorräte annähernd so niedrig waren, war im Jahr 2021, kurz vor der letzten großen Gaskrise", sagt Fielding.

Die deutschen Gasreserven sind im Vergleich deutlich geringer: Hier meldete die GIE für den 17. August einen Füllstand der Speicher von 50,06 Prozent, nachdem sie vor einem Jahr zu knapp 67 Prozent gefüllt waren. "Um das nationale Ziel bis November noch zu erreichen, müsste sich das Tempo bei der Einlagerung beschleunigen", sagt die Gasmarktexpertin. Zum 1. November müssten die deutschen Gasspeicher nach gesetzlichen Vorgaben eigentlich zu jeweils 80 Prozent gefüllt sein, mit einigen festgelegten Ausnahmen.

Angesichts dieser Rückstände nehmen das Bundeswirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur die Wirtschaft in die Pflicht. Die Füllung der deutschen Speicher sei aktuell "sehr gering", räumte eine Sprecherin des Ministeriums in Berlin ein. "Wir beobachten die Lage genau, auch im geopolitischen Kontext, und fordern die Händler auf einzuspeichern."

Doch die Aufforderung zum Einspeichern stößt auf eine ökonomische Hürde. Der durch die Blockade erschwerte internationale Transport von Gas und Öl treibt die Preise in die Höhe. Der Preis für europäisches Erdgas stieg am Mittwoch zuletzt auf das höchste Niveau seit der Anfangsphase des Iran-Kriegs. Der richtungweisende Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat wurde an der Börse in Amsterdam zu 64,60 Euro je Megawattstunde (MWh) gehandelt. Das ist der höchste Stand seit Mitte März. Für Händler, die normalerweise im Sommer Gas kaufen, um es in der Heizperiode im Winter zu verkaufen, ist der Einkauf deshalb derzeit wenig attraktiv. In der Hoffnung, der Krieg würde nicht allzu lange dauern, hatten sie zunächst nicht das teurere Erdgas eingelagert.

Europa wird laut Fielding nicht darum herumkommen, im Winter stärker auf LNG-Importe zurückzugreifen und könnte außerdem in einen harten Wettbewerb mit asiatischen Abnehmern um verfügbare Ladungen geraten. "Deutschland wird für sein Gas im Vergleich zu anderen westeuropäischen Märkten wie Frankreich und den Niederlanden einen Aufschlag zahlen müssen, da die LNG-Importkapazitäten im Verhältnis zur Nachfrage begrenzt sind", sagt die Gasmarktexpertin. 

Das werden am Ende auch die Verbraucher zu spüren bekommen. Laut dem Vergleichportal Verivox haben sich die Preise für Neukunden seit Beginn des Iran-Kriegs bereits verteuert. Bei den meisten Haushalten seien die Preissteigerungen aus dem Gas-Großhandel aber noch nicht angekommen, weil viele Gasversorger Preisanstiege erst mit Verzögerungen weitergäben. "Sollte das aktuelle Preisniveau der Großhandelspreise jedoch noch länger bestehen bleiben, sind auch früher oder später auch für Bestandskunden Preiserhöhungen zwischen 10 und 20 Prozent zu erwarten", so Verivox.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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