Wirtschaft

Zu Besuch in Berlin Erdogan muss Kreide fressen

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Der türkische Präsident Erdogan hat mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen.

(Foto: REUTERS)

Nazi-Vergleiche gehören ins rhetorische Waffenarsenal des türkischen Präsidenten Erdogan. Die Wirtschaftskrise in seinem Land zwingt den Staatschef allerdings, bei seinem Besuch in Deutschland verbal abzurüsten.

Recep Tayyip Erdogan verbittet sich Kritik und teilt bei Zuwiderhandlung kräftig aus. Es ist gar nicht lange her, da hat der türkische Präsident der Bundesregierung Nazi-Methoden unterstellt, CDU, SPD und Grüne als "Feinde der Türkei" tituliert oder Deutsche mal eben als Faschisten beschimpft. "Osmanische Ohrfeige" nennt Erdogan das. Bei seinem Besuch in Deutschland ist er nun allerdings gezwungen, sich auf die Zunge zu beißen.

Türkische Lira / US-Dollar
Türkische Lira / US-Dollar ,18

Angesichts einer ausgewachsenen Währungskrise stecken die Türkei und Erdogan in erheblichen Schwierigkeiten. Da Deutschland der wichtigste Handelspartner des Landes ist, muss der Präsident die Beziehungen zur Bundesrepublik so schnell wie möglich wieder normalisieren. Finanzhilfen seien kein Thema, versichert zwar Finanzminister Olaf Scholz. Weder hätten türkische Minister darum gebeten noch werde das beim Besuch Erdogans geschehen. Das ändert allerdings nichts daran: Erdogan braucht dringend Geld und dürfte sehnlichst auf Kredite und Investitionen hoffen. Denn dem Präsidenten fliegen gerade die Konsequenzen seiner auf Pump finanzierten Wirtschaftspolitik um die Ohren.

Die Türkei hatte jahrelang von der ultra-lockeren Geldpolitik der US-Notenbank profitiert. Die Fed hatte im Zusammenspiel mit der Europäischen Zentralbank als Reaktion auf die Finanzkrise die Zinsen in den Keller gedrückt. Investoren suchten anderswo nach Rendite und fanden sie in Schwellenländern wie der Türkei. Sowohl Staat als auch Unternehmen nutzten die Gelegenheit, sich günstig verschulden. In der Folge ist die türkische Konjunktur in den vergangenen fünf Jahren um fast 30 Prozent gewachsen.

Am Bosporus ging das so lange gut, bis die US-Notenbank die Zinswende einleitete. Mit jeder Zinserhöhung wird der Dollar-Raum attraktiver, Geld fließt aus den Schwellenländern zurück. Eine Folge ist, dass die Lira abstürzt. Zum Dollar hat die türkische Währung seit Jahresbeginn rund 40 Prozent an Wert verloren.

Zugleich heizte der kreditfinanzierte Boom die Inflation an, sie liegt derzeit bei rund 18 Prozent. Zudem vergrößerten sich das Leistungsbilanz- und das Haushaltsdefizit massiv. Um den Fehlbetrag zu finanzieren, ist die Türkei auf das Geld ausländischer Investoren angewiesen - doch diese halten sich zurück oder verlangen immer höhere Zinsen.

Schulden werden zum Problem

Das allergrößte Problem ist, dass sich türkische Banken und Unternehmen massiv in Fremdwährungen verschuldet haben. Diese Rechnungen werden bald fällig - und einigen Schuldnern wird es sehr schwer fallen, sie zu begleichen. Denn für Dollar-Verbindlichkeiten müssen immer mehr Lira aufgebracht werden. Die US-Bank JP Morgan geht davon aus, dass die türkische Privatwirtschaft bis Juli kommenden Jahres Auslandsschulden in Höhe 146 Milliarden Dollar zurückzahlen müssen. Es ist also durchaus möglich, dass aus der Währungskrise eine Schuldenkrise wird. Ein Alarmzeichen ist, dass die Aktien türkischer Banken in diesem Jahr kräftig gefallen sind. Ein weiteres ist, dass die Gold- und Währungsreserven der Zentralbank deutlich zurückgehen.

Das Wirtschaftswachstum hat sich bereits kräftig abgeschwächt. Im ersten Quartal lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch 7,2 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Im zweiten Quartal waren es noch 5,2 Prozent. Es ist wahrscheinlich, dass sich die Abschwächung noch beschleunigt.

Der türkische Finanzminister Berat Albayrak, der auch Schwiegersohn Erdogans ist, korrigierte jüngst die ambitionierten Wachstumsprognosen nach unten und zugleich die Inflationserwartungen nach oben. Zudem kündigte Albayrak Sparmaßnahmen an. Das dürfte seinem Schwiegervater nicht gefallen, schließlich ist die Popularität Erdogans in der Türkei wesentlich auf den jahrelangen Wirtschaftsboom zurückzuführen.

Ist aus dem ehemaligen "Tiger vom Bosporus" also ein Bettvorleger geworden? Mitnichten. Die Türkei zählt zu den 20 größten Volkswirtschaften der Welt, rund 7000 deutsche Firmen sind dort tätig. Weder Deutschland noch die Europäische Union sind an einer wirtschaftlich oder politisch instabilen Türkei interessiert, dafür ist das Nato-Mitglied allein schon aus geostrategischen Gründen viel zu wichtig. Außerdem ist die EU in der Flüchtlingskrise auf die Türkei angewiesen.

Erdogan ist es gelungen, mit der Niederschlagung des Putsches und der Errichtung eines Präsidialsystems die politischen Spielregeln des Landes zu ändern. Die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten hat er aber nicht aushebeln können. Und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine Wirtschaftspolitik und seine Rhetorik den neuen Realitäten anzupassen.

Quelle: n-tv.de

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