Wirtschaft

"Der Traum eines Kanals" Griechen planen Mega-Projekt

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Blick auf den Hafen von Thessaloniki: Die zweigrößte Stadt Griechenlands soll Anschluss an die Donau bekommen.

(Foto: picture alliance / Federico Gamb)

Ein ehrgeiziges Bauvorhaben begeistert Politiker auf dem Balkan: Griechen wollen mit Mazedoniern und Serben einen Schifffahrtskanal graben, der die Donau mit dem Mittelmeer verbinden soll. Das visionäre Vorhaben könnte die gesamte Region für immer verändern.

Es ist ein Infrastrukturvorhaben von historischen Ausmaßen: Griechenland, Mazedonien und Serbien wollen über ein eigenes Kanalsystem einen neuen Schifffahrtsweg von der Donau bis in die Ägäis eröffnen und damit Wirtschaft und Handel in der Region neue Impulse verleihen. Besonders profitieren könnte davon Griechenlands zweitgrößte Stadt Thessaloniki, berichteten griechische Medien.

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Quer durch die Berge des Balkans: Der Donau-Ägäis-Kanal müsste über weite Strecken dem Verlauf enger Bergtäler folgen.

(Foto: n-tv.de / stepmap.de)

Einer der Endpunkte des Kanals könnte in unmittelbarer Nachbarschaft von Thessaloniki liegen, heißt es. Entsprechend begeistert zeigt sich der Bürgermeister der nordgriechischen Hafenstadt, Giannis Boutaris. "(Mazedoniens) Präsident Djordje Ivanov hat mir ein Video vorgespielt, das diesen Traum von dem Kanal zeigt", sagte Boutaris den Berichten zufolge bei einer Sitzung des Stadtrats von Thessaloniki.

Bei der Sitzung informierte Boutaris die Stadträte unter anderem über die Ergebnisse seines Besuchs in der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Griechenland und Mazedonien teilen sich eine rund 200 Kilometer lange Landgrenze. Zwischen den beiden Nachbarstaaten gibt es allerdings seit Jahren Streit. Die ehemalige jugoslawische Republik beansprucht den Namen für sich, was die griechische Seite mit Blick auf die historischen Wurzeln der Region Makedoniens strikt ablehnt.

Länderübergreifendes Großprojekt

Boutaris' Besuch in Skopje gilt vielen Beobachtern als Signal einer Annäherung. Ein gemeinsames Bauvorhaben von der Dimension eines Ägäis-Donau-Kanals würde die Staaten der Region tatsächlich enger aneinander anbinden. Der Plan findet in der griechischen Politik Unterstützer auf höchster Ebene: Bereits im vergangenen Februar hatte der griechische Regierungschef Alexis Tsipras die Pläne als ein Projekt bezeichnet, das "die Geografie des Balkan verändern könnte".

Noch ist allerdings unklar, wie genau das Mammut-Bauprojekt finanziert werden soll. Aus Regierungskreisen in Athen hieß es zuletzt, die Umsetzung der gigantischen Kanalpläne könnten Schätzungen zufolge rund 17 Milliarden Euro kosten. Falls sich Investoren finden lassen, wäre diesen Angaben zufolge eine Umsetzung binnen sechs Jahren möglich. Chinesische Unternehmen hätten bereits Interesse gezeigt, heißt es.

Neue Arterie der Binnenschifffahrt

Die neue Wasserstraße soll die Donau über ihren Nebenfluss Morava (auch: Große Morava) mit dem Fluss Vardar/Axios verbinden, der westlich von Thessaloniki in die Ägäis mündet. In der Region sind allerdings größere Geländestufen zu überwinden. Der Bau von Schleusen, Kanalquerungen oder gar Kanalbrücken dürften das Projekt zusätzliche verteuern. Der nördliche Kanaleingang dürfte den Planungen zufolge an der Morava-Mündung rund 50 Kilometer stromabwärts von Belgrad liegen. Von dort bis zum Delta des Axios bei Thessaloniki sind es in der Luftlinie rund 480 Kilometer.

Auf der Strecke entlang der beiden Flusssysteme müsste die Kanaltrasse dem Verlauf enger Gebirgstäler folgen, um mehrere Mittelgebirgslagen zu umgehen. Dadurch dürfte sich die Gesamtlänge erheblich verlängern. Sollte es tatsächlich zum Kanalbau kommen, wäre es eine der längsten künstlich geschaffenen Wassersstraßen Europas.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Mazedonien bekäme durch den Kanal Anschluss an das europäische Kanalnetz. Fracht könnte dann per Binnenschiff von den Nordseehäfen an der Rheinmündung quer durch den Kontinent bis in den Mittelmeerraum gleiten - ohne dabei den Umweg über das Schwarze Meer nehmen zu müssen. Binnenhäfen in Serbien, Mazedonien und im Norden Griechenlands könnten die regionale Wirtschaft ankurbeln.

Größer, teurer und länger als der RMD-Kanal

Die voraussichtliche Streckenführung ist jedoch nicht die einzige Herausforderung: In seinem Verlauf von der Donau bis zum Mittelmeer müssten die Ingenieure erhebliche Höhenunterschiede einplanen. Bei Belgrad etwa fließt die Donau auf einem Niveau von knapp 130 Metern über dem Meeresspiegel. Die mazedonische Hauptstadt Skopje dagegen, die am Oberlauf des Vardars etwa auf halber Strecke liegt, befindet sich schon rund 240 Meter über Normalnull.

Wie realistisch das Vorhaben ist, ist noch unklar. Kanalprojekte sind mit erheblichen Eingriffen in örtliche Planverfahren verbunden. Schon die Vorarbeiten können Jahre in Anspruch nehmen. Dazu kommen die absehbaren Auswirkungen auf Natur und Umwelt entlang der Trasse - ganz abgesehen von Verzögerungen, die sich durch etwaige Klagen von Anwohnern ergeben könnten.

Wie lange es dauern kann, bis die ersten Binnenschiffe fahren, zeigt ein Blick nach Deutschland. Die Arbeiten am Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals (RMD-Kanal) wurden im Jahr 1960 in Angriff genommen. Erst gut 30 Jahre später konnte die rund 170 Kilometer lange und rund 4,7 Milliarden D-Mark teure Anbindung des Rhein-Main-Systems an die Donau für den Verkehr freigegeben werden.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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