Wirtschaft

Eine "schmerzhafte" Revolution"In Zukunft heißt es vielleicht: Roboter oder gar keine Pflege"

19.08.2026, 18:03 Uhr
imageEin Interview von Diana Dittmer
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Garmi
Die Technische Universität München (TUM) entwickelt einen Assistenzroboter für die Pflege. "Der neue Garmi versteht Sprache, entwickelt eigenständig einen Plan und bringt etwas zu trinken", sagt Alexander König, dessen Team die neue Plattform entwickelt und umgesetzt hat.

Die Videos von humanoiden Robotern aus China sind spektakulär, doch bis zur alltagstauglichen Maschine ist es noch ein weiter Weg. Robotik-Professor Alexander König von der TU München spricht mit ntv.de darüber, was heute schon funktioniert, was den Maschinen noch fehlt und warum er den großen Durchbruch nicht vor 2036 erwartet.

ntv.de: In Peking ist ein Roboter schneller gerannt als Usain Bolt, und dann spektakulär gegen die Wand gelaufen. Ist das der aktuelle Stand der Dinge? Viel Show, nichts dahinter?

Alexander König: Ich würde es etwas freundlicher formulieren. Der Roboter ist eher dynamisch ausgelaufen (lacht). Aber im Ernst: Was wir dort sehen, ist beeindruckend, auch wenn dies noch nicht unabhängig nachgemessen wurde und bisher nur auf Herstellerangaben beruht. Das war vor wenigen Jahren noch unvorstellbar. Gleichzeitig zeigt so ein Video aber auch, wie weit der Weg zu einer wirklich zuverlässigen Maschine noch ist.

Der Hype um humanoide Roboter ist enorm. Es sind viele spektakuläre Robotervideos im Umlauf. Wie viel davon ist belastbare Technik - und keine Show?

Ich möchte die Leistungen der Robotik-Unternehmen keineswegs kleinreden. Bei vielen Demonstrationen sehen wir jedoch nur den einen perfekten Versuch. Wir wissen nicht, wie viele Anläufe nötig waren. Und selbst wenn ein Roboter beeindruckend läuft: Etwas mit den Händen zu greifen, aufzunehmen, zu öffnen oder mit genau der richtigen Kraft zu halten, ist eine ganz andere Herausforderung.

Sie entwickeln mit Garmi einen Roboter für die Pflege. Was kann der heute schon?

Garmi ist lediglich im Oberkörper humanoid. Er hat zwei Arme, einen Kopf, Augen und eine dem Menschen nachempfundene Bewegungsmechanik. Als Unterbau haben wir uns bewusst für eine rollende Plattform entschieden, weil ein Roboter mit zwei Beinen umfällt, wenn die Software ausfällt oder der Strom weg ist. Garmi ist ein Assistenzroboter und kein Pflegeroboter im klassischen Sinne. Er soll keine Wundverbände wechseln, sondern Menschen Aufgaben abnehmen und ihnen dadurch Zeit für das geben, was sie besonders gut können: soziale Interaktion und Tätigkeiten, die Fingerspitzengefühl erfordern.

Die großen Robotik-Unternehmen entwickeln Roboter für Fabriken. Warum gehen Sie in die Pflege?

Fabriken sind das deutlich einfachere technische Problem. Eine Produktionshalle ist eine hochstrukturierte Umgebung: Ich kann die Lichtverhältnisse, die Sicherheitsregeln und die Bewegungsräume kontrollieren. Das Zuhause ist dagegen das perfekte Chaos. Jede Wohnung sieht anders aus. Im Laufe eines Tages verändert sich alles. Der Stuhl steht plötzlich woanders, eine Tasche liegt auf dem Boden und die Tasse steht an einem anderen Platz. Deshalb gehen Unternehmen zunächst in die Produktion, weil sie dort schneller Geld verdienen können.

Was fehlt humanoiden Robotern noch, damit sie Einzug in unseren Alltag halten können?

Im Wesentlichen drei Dinge: Sicherheit, Verlässlichkeit und die Fähigkeit, mit der physischen Welt zu interagieren. Eine Maschine, die in acht von zehn Fällen funktioniert, mag beeindruckend sein. In der Pflege ist das jedoch inakzeptabel. Wenn ich einem Roboter zeige, wie man ein Ei hält, kann er die Bewegung zwar lernen. Aber er weiß nicht, wie viel Kraft er aufwenden muss. Zu wenig? Das Ei fällt herunter. Zu viel? Es zerbricht.

Wie lernen Roboter solche Fähigkeiten?

Zum Beispiel durch Simulationen. So lassen sich physikalische Kräfte modellieren und dem Roboter zeigen, wie eine Aufgabe funktioniert. Das Problem: Simulationen bilden die Realität nie exakt ab. Der allerneueste Ansatz sind sogenannte World Models. Sie sollen verstehen, wie sich die Welt physikalisch verhält, und vorhersagen, was passiert, wenn der Roboter eine bestimmte Bewegung ausführt. Doch auch das löst noch nicht das Grundproblem: Ein Roboter kann zehnmal gezeigt bekommen, wie man eine Tasse greift. Das heißt noch lange nicht, dass er verstanden hat, was eine Tasse ist.

Sie sprechen gleichzeitig vom "kollektiven Lernen" der Roboter. Wird das die Entwicklung beschleunigen?

Das ist die große Vision. Wenn irgendjemand Klavierspielen lernt, hat das keinen Effekt auf meine Fähigkeit, Klavier zu spielen. Bei Robotern ist das anders: Wenn ein Roboter eine Fähigkeit gelernt hat, können wir dieses Wissen auf baugleiche Roboter übertragen; plötzlich können alle solche Roboter Klavier spielen. Und die Fähigkeit muss nur einmal erlernt werden. Die entsprechende Architektur existiert allerdings noch nicht vollständig.

Alexander König
Prof. Dr. Alexander König lehrt Robotik und Systemintelligenz an der TU München. Außerdem gründete er das Robotik-Startup Reactive Robotics. (Foto: Alexander König)

Wann erwarten Sie den technologischen Durchbruch für Ihren Roboter?

Einen echten Durchbruch erwarte ich nicht vor 2036. Das heißt aber nicht, dass plötzlich über Nacht überall Roboter in den Wohnungen stehen werden, die alles können. Es wird schrittweise gehen. Zunächst übernimmt ein Roboter eine Aufgabe, dann kommt per Softwareupdate die nächste hinzu. Vielleicht beginnt es mit Hol- und Bringdiensten, der Erinnerung an Medikamente, Kommunikation oder Unterstützung bei der Bewegung. Insgesamt haben wir rund 500 pflegerische und pflegenahe Aufgaben identifiziert, die ein Assistenzroboter übernehmen könnte.

Wird der Roboter irgendwann auch menschliche Nähe ersetzen?

Das soll er gerade nicht. Im Gegenteil: Er soll den Menschen mehr Zeit verschaffen. Ein Pfleger hat mir einmal erzählt, dass er für das Holen eines Pflegeutensils mit dem Roboter dreimal so lange braucht wie ohne: Wenn er selbst losläuft, muss er seine Patientin allein lassen. Wenn der Roboter das erledigt, kann er bei der Patientin bleiben. Das sei vielleicht nicht die schnellste, aber die bessere Pflege.

Wie reagieren hilfsbedürftige Menschen auf eine Betreuung durch Roboter?

Wenn man Menschen fragt: "Möchten Sie von einem Roboter gepflegt werden?", sagen viele Nein. Das ist verständlich. Niemand weiß genau, was damit gemeint ist. Wenn Menschen Garmi ausprobieren, reagieren sie jedoch häufig sehr positiv.

Sie sagen: Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir Roboter wollen, sondern ob wir sie brauchen ...

Genau. Wenn ich die Wahl habe, von einem Menschen oder einem Roboter gepflegt zu werden, kann ich jeden verstehen, der sich für den Menschen entscheidet. Wenn wir jedoch 2050 zwischen sieben und neun Millionen Pflegebedürftige haben, lautet die Frage möglicherweise nicht mehr: Mensch oder Roboter? Sondern: Roboter oder gar keine Pflege?

Eine Prognose besagt, dass humanoide Roboter irgendwann rund um die Uhr für etwa zwei Dollar pro Stunde arbeiten können. Was bedeutet das für unsere Arbeitsplätze?

Bei solchen Prognosen wäre ich vorsichtig. Aber wenn in 25 Jahren wirklich ein Allzweck-Roboter existiert, der viele Aufgaben erledigen kann, wird sich unsere Gesellschaft fundamental verändern. Das wäre eine der größten gesellschaftlichen Veränderungen seit der industriellen Revolution. Und das wird schmerzhaft werden. Ein Taxifahrer kann nicht einfach über Nacht Pflegekraft werden, wenn sein Job wegfällt. Gleichzeitig wird eine höhere Verfügbarkeit von Arbeit aber auch eine neue Nachfrage schaffen. Wenn Pflege heute knapp ist, akzeptieren wir fünf Besuche à zehn Minuten. Wenn Pflege in Zukunft plötzlich verfügbarer wird, werden Menschen vielleicht auch fünf Stunden Betreuung erwarten.

Wer kann sich diese Roboter denn überhaupt leisten?

Die Hardware wird langfristig nicht das größte Problem sein. In China gibt es bereits eine enorme Massenproduktion. Die Kosten werden wahrscheinlich stark sinken, ähnlich wie bei Solarzellen. Die entscheidende Frage wird die Software sein. Welche Intelligenz steckt im Roboter? Wie ist er mit anderen Systemen vernetzt? Eventuell kaufen wir künftig gar nicht mehr den Roboter selbst, sondern bezahlen für die von ihm erbrachte Leistung.

Deutschland hinkt China und den USA in der Entwicklung hinterher. Was fehlt?

China kann Roboter in großen Stückzahlen und zu sehr niedrigen Preisen produzieren. Die USA verfügen über das nötige Kapital, um massiv in künstliche Intelligenz und Robotik zu investieren. Deutschland kann in beiden Bereichen nicht mithalten. Wir sind jedoch nach wie vor stark in Forschung und Produktion sowie bei Qualität und sicherheitskritischen Anwendungen. Allerdings schaffen wir es nicht, daraus erfolgreiche Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Kann der Staat helfen?

Kapital ist ein entscheidender Faktor. In China ist der Staat beispielsweise ein großer Abnehmer von Robotern. Er schafft die Nachfrage, bis sich der Markt selbst trägt. Ich würde mir wünschen, dass der deutsche Staat ähnlich mutig wäre und die ersten Produktionsjahre unterstützt - auch wenn am Ende ein Teil dieser Roboter Elektroschrott ist. Innovation bedeutet, dass Dinge schiefgehen können.

In ethischen Fragen sollten wir keine Abstriche machen. "Made in Germany" steht für Qualität und Sicherheit. Das sollte nicht auf dem Altar des Fortschritts geopfert werden. Was wir aber brauchen, sind weniger regulatorische Hürden dort, wo sie nicht notwendig sind. Gerade in der Pflege kann es nicht sein, dass jede Studie jahrelang durch unterschiedliche Prozesse läuft.

Haben wir im internationalen Wettbewerb noch eine Chance?

Ich glaube ja. Vielleicht nicht überall. Aber in bestimmten Nischen, wie etwa der Pflege, können wir vorne dabei sein. Wir müssen nicht überall die Ersten sein. Wir müssen die Bereiche finden, in denen wir einen echten Vorsprung erzielen können, und dann den Mut aufbringen, daraus ein Geschäft zu machen.

Mit Alexander König sprach Diana Dittmer

Quelle: ntv.de

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