Wirtschaft

Ökonom sieht Preisschock "Inflationsraten sind individuell sehr unterschiedlich"

00:00
Diese Audioversion wurde künstlich generiert. Mehr Infos | Feedback senden
"Wenn der Preisschock verschwindet, dann kann ich mir für mein Geld wieder mehr leisten", sagt Ökonom Maurice Höfgen.

"Wenn der Preisschock verschwindet, dann kann ich mir für mein Geld wieder mehr leisten", sagt Ökonom Maurice Höfgen.

(Foto: picture alliance / Westend61)

Maurice Höfgen erkennt in den aktuell hohen Preisen keine klassische Inflation, sondern einen Preisschock. Warum und mit welchem umstrittenen Ansatz er ihn bekämpfen will, erklärt der Ökonom im Interview. Höfgen ist einer der bekanntesten Vertreter der umstrittenen "Modern Monetary Theory", deren Anhänger zwar nicht den Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation gänzlich negieren, aber letztlich den Staat stärker in der Verantwortung sehen, die Inflation in den Griff zu kriegen. Höfgen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Linken-Bundestagsabgeordneten Christian Görke, Buchautor, Vortragsredner, Youtuber, Podcaster und Kolumnist. Studiert hat er BWL im Bachelor und VWL im Master.

Sie sind einer der bekanntesten Vertreter der umstrittenen "Modern Monetary Theory" in Deutschland und haben jetzt mit "Teuer" ein Buch über Inflation geschrieben. Was versteht jemand wie Sie eigentlich unter Inflation?

Maurice Höfgen: Das ist eine sehr wichtige Frage. Der Begriff Inflation wird mittlerweile inflationär für jede Preissteigerung benutzt. Mein Verständnis ist, dass Inflation ein steigendes Preislevel auf breiter Front bedeutet und es sich selbst verstärkende Effekte gibt - also so etwas wie eine Lohn-Preis-Spirale. So etwas ist schwierig zu stoppen, deshalb ein Problem und für mich klassische Inflation. Was wir seit anderthalb Jahren sehen, ist aber etwas anderes.

Was denn?

Wir haben weder eine brummende Wirtschaft noch extreme Lohnsteigerungen - im Gegenteil. Was wir hatten, sind externe Schocks durch Krieg und Pandemie. Beispielsweise sind durch die Russland-Sanktionen die Energiepreise extrem schnell gestiegen. Das frisst sich bis heute durch die Wirtschaft. Allerdings sehen wir auch schon, dass diese Entwicklung wieder rückläufig ist. Das heißt: Diese selbst verstärkende Effekte, die gibt es nicht. Wir haben einen Preisschock und keine Inflation.

Maurice Höfgen

Maurice Höfgen

(Foto: Maurice Höfgen)

Ist es denn ein Preisschock oder eine Geldentwertung?

Da ist man schnell bei Begriffsklauberei. Ich würde von einem Preisschock sprechen, wenn Preise durch einen externen Schock sehr schnell klettern - wie jetzt bei der Energie. Geldentwertung ist hier irreführend, denn die Kaufkraft ist ja nicht für immer weg. Es wird jetzt häufig gesagt, dass die Sparguthaben entwertet werden. Und das stimmt auch für den Moment - aber nur so lange, wie die Preise hoch bleiben. Wir sehen zum Beispiel, dass die Erzeugerpreise wieder rückläufig sind. Dann werden die Sparguthaben auch wieder mehr wert.

Ist das denn so? Wir erleben doch aktuell überall Zweitrundeneffekte in der Kerninflationsrate. Die Ökonomin Isabella Weber hat hierzu kürzlich ein viel beachtetes Paper veröffentlicht …

Es geht aber irgendwann wieder runter. Und das ist eine entscheidende Diagnose für die spätere Therapie. Das sehen wir schon an den rückläufigen Erzeugerpreisen, die den Verbraucherpreisen vorlaufen. Andersherum ist es nämlich auch nach oben gegangen: Zuerst sind die Importpreise gestiegen, dann die Erzeugerpreise und dann die Verbraucherpreise. In dieser Reihenfolge geht es auch wieder zurück. Wenn der Preisschock verschwindet, dann kann ich mir für mein Geld wieder mehr leisten - selbst wenn das nicht von heute auf morgen eintritt. Wir haben ja alle unterschiedlich lange Laufzeiten für unsere Gas-, Miet-, und Stromverträge. Je nach Laufzeit wird der eine früher entlastet als der andere. Individuell haben die Menschen gerade sehr unterschiedliche Inflationsraten, deswegen ist die durchschnittliche Inflationsrate gerade eigentlich auch gar nicht brauchbar.

Sie meinen also, dass wir den Höhepunkt überschritten haben?

Ja, und das liegt in erster Linie an den fallenden Energiepreisen, die sich Stück für Stück in der gesamten Wirtschaft ausbreiten. Es gibt beim Gas auch keinen sich selbst verstärkenden Effekt wie bei Löhnen, denn das schlimmste Szenario ist ja schon eingetreten - dass Putin uns kein Gas mehr liefert. Als er im September die Pipelines dichtgemacht hat, waren die Preise auf ihrem Höhepunkt. Seitdem sind sie an der Börse aber wieder unter das Vorkriegsniveau gefallen, und das ist gut so.

Sie haben zuletzt kritisiert, dass viele Ökonomen Schreckensbilder über die Inflation aufzeigen. Was ist daran falsch?

Viele dieser kritisierten Ökonomen warnen eigentlich seit Mario Draghis "Whatever it takes"-Rede davor, dass niedrige Zinsen, höhere Staatsverschuldung und große Anleihenkäufe zwangsläufig zur Inflation, wenn nicht sogar zum Crash führen müssen. Und jetzt, da die Inflationsrate durch den externen Preisschock - also durch Krieg, Pandemie und Sanktionen - von ihrem Zielwert abgewichen ist, fühlen sie sich im Recht.

Kann nicht beides stimmen?

Naja. Ich frage mich schon, warum es drei dieser externen und historisch großen Schocks zeitgleich braucht, damit deren Warnung in zehn Jahren einmal eintritt.

Die EZB und Fed haben die Zinsen zuletzt trotzdem weiter angehoben. Sie stehen ziemlich alleine da mit Ihrer Meinung, dass Niedrigzinsen und hohe Staatsschulden keine wesentlichen Inflationstreiber sind.

Es ist katastrophal, dass die Zentralbanken das machen. Wie gesagt: Wir haben individuell sehr unterschiedliche Inflationsraten, aber die Zentralbank will das Problem mit einem pauschalen Instrument, dem Zins, lösen. Immerhin scheint sich der Wind jetzt ein wenig zu drehen. Zum einen bei Finanzmarktpragmatikern, die Angst haben um die Banken, bei denen noch viele niedrigverzinste Anleihen in den Bilanzen stehen. Und auch Marcel Fratzscher vom DIW warnt langsam vor einem Kollaps der Baubranche. Wenn wir die Baubranche jetzt auch noch abwürgen durch die steigenden Zinsen, bringt das ganz viele Kollateralschäden mit sich. Dann schaffen wir es niemals, die notwendigen energetischen Sanierungen voranzutreiben. Ich halte die Zinsen schlicht nicht für das richtige Instrument, um die Inflation runterzubekommen. All das, was die Regierung tut, um das Angebot auszuweiten - zum Beispiel LNG-Terminals bauen - bringt deutlich mehr.

Sie fordern also eine stärkere Rolle des Staates?

Ja. Ich kann sogar verstehen, dass die Zentralbanken die Zinsen anheben. Sie sind dafür mandatiert, zwei Prozent Inflation zu erreichen. Wenn die Rate darüber liegt, dann erwarten alle, dass sie etwas tun, das heißt: Sie müssen die Zinsen anheben. Die Zentralbanken sind Opfer ihres Mandats - und deshalb mein Vorschlag: Befreit sie von diesem Mandat und übergebt es den nationalen Regierungen. Die Zentralbanken sollten für Finanzstabilität sorgen. Damit haben sie schon genug zu tun.

Das würde das Mandat des Staats massiv ausweiten. Können wir das wirklich wollen - oder würde das nicht nur noch mehr Ineffizienzen erzeugen?

Die größten Ineffizienzen sind doch bei der Zentralbank offensichtlich geworden. Jahrelang hat sie versucht, überhaupt Inflation zu erzeugen. Negativzinsen, massive Anleihenprogramme, und, und, und. Geholfen hat das alles nichts. Jetzt kommen die externen Schocks und alle erwarten, dass sie kurzfristig die Inflation herunterbekommt. Auch da ist sie überfordert. Irgendjemand muss es aber machen, und die Zentralbank kann es offensichtlich nicht. Da bleibt für mich erst mal nur der Staat.

Was halten sie vom eingeschlagenen Mittelweg - also eine expansive Fiskalpolitik, mit der steigende Energiekosten abgefedert werden, und steigende Zinsen, sodass die sinkende Nachfrage die Preise fallen lässt?

Ich will gar nicht abstreiten, dass höhere Zinsen bei klassischer Inflation etwas bringen können. Die haben wir aber nicht. Was wir gerade brauchen, sind Investitionen. Wir brauchen die nicht nur, um unabhängig von Russland zu werden, sondern auch für Energiesanierungen und die Transformation der Wirtschaft. Hohe Zinsen behindern Investitionen. Der Schaden von hohen Zinsen ist gerade also viel höher als der potenziellen Nutzen.

Steigende Zinsen führen doch dazu, dass gesunde und effiziente Unternehmen eher einen Kredit bekommen als schlechtere. Dadurch bereinigt sich der Markt gerade und löscht einige Zombieunternehmen aus. Was ist daran falsch?

Erst einmal nichts. Theoretisch ist es ja gut, wenn schlechte Firmen vom Markt verschwinden und die besseren sich durchsetzen. Das ist die große Stärke der Markwirtschaft. Ich bezweifle nur, dass der Leitzins so viel daran verändert, weil Firmen einer Branche üblicherweise einen ähnlichen Grad an Fremdfinanzierung haben und deshalb höhere Zinskosten über höhere Preise an die Kunden überwälzen können. Gegen die Inflation hilft das nicht.

Aber wie passt das dann damit zusammen, dass wir die Zinsen niedrig halten sollen - und letztlich unendlich viel Geld auf die Wirtschaft draufschütten können? Laut der "Modern Monetary Theory" (MMT) würde dann ja nicht viel passieren.

Unendlich viel Geld draufschütten ist ein theoretischer Gedanke. Man hat nur eine gewisse Anzahl von Fachkräften, die Arbeit erledigen können. Egal, wie viel Geld ich auf das Bäckerhandwerk draufschütte, ich bekomme nicht unendlich viele Brötchen heraus. Und das ist auch für MMT entscheidend. Ineffizient wird es dann, wenn ich als Staat in eine überhitzte Branche investiere. Das wäre tatsächlich schlecht. In dieser Situation sind wir aber nicht. Wir lasten unsere Wirtschaft seit Jahrzehnten nicht voll aus.

Wir haben eine Rekordzahl an offenen Stellen, und alle reden vom Fachkräftemangel. Wie bringen Sie das zusammen?

Wenn man in Deutschland eine ehrliche Rechnung aufstellt und alle Arbeitssuchenden mit hinzunimmt - also auch solche, die zum Beispiel ungewollt in Teilzeit sind, etwa Frauen, die keinen Kitaplatz für die Tochter finden -, dann kommt man auf drei bis vier Arbeitssuchende pro offener Stelle. Ich sehe das Produktionspotenzial hierzulande noch lange nicht ausgeschöpft. Beim Ölpreisschock in den 1970er-Jahren, also einer in Teilen vergleichbaren Situation, hatten wir 0,7 Prozent Arbeitslosenquote. Jetzt stehen wir bei über fünf Prozent. So etwas ist wirklich ineffizient, wir verschwenden Arbeitskraft, und da wird mir deutlich zu wenig drüber gesprochen.

Mit Maurice Höfgen sprach Jannik Tillar.

Dieses Interview erschien zuerst bei capital.de

Quelle: ntv.de

Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen