Investment-Experte erklärtWie Anleger auf die neue Weltordnung reagieren können

Die Weltordnung verschiebt sich - und mit ihr die Spielregeln an den Märkten. Handelskonflikte, geopolitische Spannungen und neue Machtblöcke sorgen für Unsicherheit, eröffnen Anlegern aber zugleich Chancen. Investor Christophe Braun von der Capital Group erklärt, wo künftig Rendite und Risiko liegen.
Wie verändert der Irankrieg die Kapitalmärkte?
Christophe Braun: Der Konflikt verschärft den globalen Trend weg von reiner Effizienz hin zu mehr Resilienz. Er wirkt weniger als isolierter Schock, sondern vielmehr als Katalysator einer umfassenderen globalen Restrukturierung: Wachstum, Handel und Kapitalströme verlaufen zunehmend fragmentierter und regional unterschiedlich.
Geht mit der Neuordnung der Weltwirtschaft auch der US-Exzeptionalismus, also die Ausnahmestellung der US-Wirtschaft und des dortigen Aktienmarktes, vorbei?
Das Konzept des Exzeptionalismus ist nicht komplett überholt, aber die US-Wirtschaft wird von den Kapitalmärkten gerade neu bewertet. Viele verwechseln US-Exzeptionalismus ja mit Politik. In Wirklichkeit geht es um die strukturelle Stärke von Corporate America, also Innovationskraft, Produktivität, Risikobereitschaft. Diese Faktoren sind weiterhin vorhanden, doch schon lange vorhandene, aber überdeckte Schwächen der US-Wirtschaft treten jetzt deutlicher zutage. Geopolitik, Handelskonflikte und höhere Volatilität machen das System anfälliger. Das Gesicht der Globalisierung verändert sich.
Es bildet sich also ein neues System heraus?
Genau. Die Welt wird multipolarer. Die Dominanz der USA war auch deshalb so sichtbar, weil andere Regionen wie Europa schwächer waren. Jetzt holen sie auf. Und das führt zu dem, was wir Great Global Restructuring nennen: eine tiefgreifende Neuausrichtung von Wachstum, Handel und Kapitalströmen.
Was bedeutet die globale Restrukturierung konkret für Aktienmärkte?
Vor allem eines: Differenzierung. Die erste Phase der Globalisierung war stark auf Effizienz getrimmt: Produktion in China, Absatz im Westen. Jetzt geht es um Resilienz. Lieferketten werden regionaler, Handelsbeziehungen breiter. Wachstum ist nicht mehr homogen, sondern fragmentierter. Das führt dazu, dass sich Chancen und Risiken viel stärker zwischen Sektoren und Unternehmen unterscheiden. Für langfristig orientierte Anleger sollte deshalb die Widerstandsfähigkeit im Mittelpunkt stehen: eine breite Diversifikation über Regionen und Geschäftsmodelle hinweg.
Und wie reagieren Sie als Investor?
Mit mehr Selektivität. In einem Umfeld, in dem Zölle, Inflation und geopolitische Spannungen Unternehmen unterschiedlich treffen, reicht es nicht mehr, den Markt einfach mitzunehmen. Fundamentaldaten und aktives Management werden entscheidend. Wir achten stärker auf die Diversifikation der Ertragsquellen, Preissetzungsmacht und Anpassungsfähigkeit von Unternehmen.
Viele Anleger setzen dennoch auf passive Strategien, also auf ETFs.
Passives Investieren ist ein effizienter Einstieg, gerade für eine breite Diversifikation. Aber es hat auch seine Grenzen, insbesondere wie gerade jetzt in Phasen struktureller Umbrüche. Wenn Märkte breiter werden und sich die Performance nicht mehr wie in den vergangenen Jahren auf wenige Mega-Caps konzentriert, entstehen Chancen für aktives Management. Die Kombination aus beidem ist aus meiner Sicht der sinnvollste Ansatz, wobei aktives Management in einem sich strukturell veränderten Marktumfeld im Vorteil ist. Es erlaubt, gezielt Schwerpunkte zu setzen, Risiken zu steuern und auf strukturelle Veränderungen flexibel zu reagieren.
Welche Rolle spielt Europa in dieser neuen Weltordnung?
Europa wird an den Aktienmärkten in Zukunft eine deutlich größere Rolle spielen. Es profitiert von mehreren Trends: stärkere Binnenwirtschaft, steigende Investitionen etwa in Infrastruktur und Verteidigung und eine sinkende Abhängigkeit vom Exportmodell. Gleichzeitig sehen wir eine Renaissance industrieller Stärke, etwa in Automatisierung, Elektrifizierung oder Logistik.
Europa ist also ein struktureller Gewinner?
In vielen Bereichen trifft das zu. Hinzu kommt, dass Europa breiter aufgestellt ist, als es oft wahrgenommen wird. Wachstum kommt nicht mehr nur aus Deutschland oder Frankreich, sondern zunehmend auch aus Ländern wie Spanien oder Italien. Das macht die Region insgesamt stabiler.
Und was ist mit Innovation? Liegt die nicht weiterhin klar in den USA?
Die USA bleiben führend, insbesondere bei Künstlicher Intelligenz und digitalen Geschäftsmodellen. Aber Innovation ist kein Monopol. Europa hat starke Positionen, etwa im Gesundheitssektor oder in der Industrie, mit global führenden Unternehmen wie Astrazeneca, Siemens oder ASML. Diese werden oft unterschätzt.
Was heißt das für Anleger konkret?
Wer rein passiv investiert, sollte sich der hohen US-Gewichtung etwa im MSCI-World- bzw. MSCI-All-Country-Index bewusst sein. Eine Möglichkeit für mehr Diversifikation ist, gezielt aktive Bausteine hinzuzunehmen, also Satelliten um ein passives Kernportfolio. So lässt sich von strukturellen Trends profitieren, ohne auf Diversifikation zu verzichten. Die Zeit der einfachen Narrative ist vorbei. Wer differenziert denkt und investiert, kann von der neuen Weltordnung profitieren.
Mit Christophe Braun sprach Stefan Schaaf
Dieses Interview ist zuerst bei Capital.de erschienen.