Wirtschaft

Pleitewelle befürchtet Lira-Absturz schockt deutsche Händler

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Die Lebensmittelindustrie verzeichnet einen Anstieg bei der Nachfrage nach gesunden Lebensmitteln und Snacks. Die Türkei ist dafür ein wichtiger Lieferant.

(Foto: picture alliance / imageBROKER)

Deutsche Firmen, die am Bosporus aktiv sind, sind alarmiert. Die türkische Lira hat sich innerhalb eines Jahres zum Dollar nahezu halbiert und der Abwärtssog hält an. Der Absturz stellt Unternehmen vor Ort vor Herausforderungen, die wohl nicht alle bewältigen werden.

Wer meint, die Türkei wäre angesichts seiner zunehmend billigeren Währung das perfekte Einkaufsparadies für deutsche Firmen, täuscht sich. Deutsche Produzenten in der Türkei ebenso wie Importeure leiden enorm unter dem Lira-Crash. Angesichts des schnellen Währungsverfalls sind Preise für Käufer und Verkäufer kaum mehr kalkulierbar.

Türkische Lira / Euro
Türkische Lira / Euro ,05

Erst zum Wochenauftakt markierte die türkische Lira ein neues Rekordtief. Ihr Kurs gab bis auf 14,99 zum US-Dollar nach, am Freitag hatte die Währung noch bei 14,10 notiert. Damit hat die türkische Lira in diesem Jahr rund 47 Prozent an Wert verloren. Grund für den Abwärtssog am Montag ist die Erwartung einer weiteren Zinssenkung der türkischen Notenbank - obwohl die Inflation bereits bei mehr als 21 Prozent liegt.

Grundsätzlich profitieren exportorientierte Unternehmen zwar vom Lira-Verfall, weil dadurch ihre Produkte im Ausland wettbewerbsfähiger werden. Doch der Währungsverfall stellt die Unternehmen auch vor große Herausforderungen, wie Nachfragen bei deutschen Firmen ergeben haben.

So verweist die Mannheimer BLG Kardeşler GmbH, die an fünf Standorten in der Türkei Lebensmittel unter der Marke Suntat für den Export produziert, beispielsweise auf teure Verpackungen und Vorprodukte, die "auf Euro- oder US-Dollar-Basis aus dem Ausland" gekauft werden müssten. Zusätzlich belasteten höhere Lohn- und Rohstoffkosten die Bilanz, wie ein Sprecher der "Lebensmittelzeitung" sagte.

Der Allgäuer Naturkost-Spezialist Rapunzel, der eine Fabrik mit 150 Beschäftigten nahe Izmir hat, berichtet über ähnliche Probleme: "Die Rohstoffe, die wir von Juli bis September eingekauft haben, wurden zwar zunächst günstiger", teilt das Unternehmen mit. Die Kursgewinne seien aber durch höhere Löhne und Finanzierungskosten aufgezehrt worden. Die Unsicherheiten am Standort Türkei seien groß: "Wir sorgen uns um unsere Mitarbeitenden und Anbaupartner in der Türkei und versuchen, sie so gut wie möglich zu unterstützen", zitiert die Zeitung einen Unternehmenssprecher.

Preise hinken Währungsverfall hinterher

Ein Problem, vor dem die Händler stehen, ist die Schwierigkeit, Preise festzulegen. Wegen des schnellen Lira-Verfalls haben diese nur kurz Gültigkeit. Ein türkischer Exporteur entschuldigt sich deshalb mit folgenden Worten bei seinen deutschen Kunden: "Unter den aktuellen Bedingungen ist es für uns wegen der hohen Wechselkursrisiken schwierig, Angebote für größere Mengen zu erstellen."

Kurzfristig profitiere man zwar, wie die Heinrich Brüning GmbH einräumt, die Nüsse und Trockenfrüchte nach Deutschland importiert. Denn die Lieferanten könnten die Preise nicht so schnell anheben, wie die türkische Lira falle. Langfristig aber könnten die türkischen Unternehmen den Währungsverfall nicht durchhalten, warnt Geschäftsführer Marc Brüning. Pleiten seien nicht ausgeschlossen.

Für die deutsche Lebensmittelbranche ist die Türkei ein wichtiger Handelspartner. Im vergangenen Jahr importierte Deutschland laut AHK Agrarprodukte und Nahrungsmittel im Wert von 1,6 Milliarden Euro aus dem Land. Umgekehrt lagen die Exporte mit rund 390 Millionen Euro deutlich niedriger.

Erdogans obskure Zinspolitik

Während Händler über den Währungsverfall klagen, freuen sich die Anleger. Der rasante Kursverfall der Landeswährung Lira beschert dem türkischen Aktienindex ein Rekordhoch nach dem anderen. Am Montag stieg er um 2,6 Prozent auf 2088,22 Punkte. Der BIST100 wird von exportorientierten Unternehmen dominiert.

In den vergangenen Monaten hat der türkische Aktienmarkt mehr als 40 Prozent zugelegt und steuert auf den größten Jahresgewinn seit vier Jahren zu. Allein in den vergangenen beiden Wochen legte er 15,4 Prozent zu, wodurch ihm der beste Dezember seit zwölf Jahren winkt.

Trotz der hohen Inflation und der schwachen Währung hat die Zentralbank wiederholt ihren Leitzins gesenkt - auf aktuell 15 Prozent. Ökonomen gehen davon aus, dass sie ihn in den kommenden Wochen erneut senken wird. Die Zentralbank hat rapide an Ansehen bei Investoren verloren. Dazu hat Präsident Recep Tayyip Erdogan beigetragen, der drei Notenbankchefs binnen zweieinhalb Jahren verschlissen hat, was die Unabhängigkeit der Währungshüter massiv infrage stellt. Vorige Woche hat er zudem Finanzminister Lütfi Elvan nach nur rund einem Jahr Amtszeit gegen dessen bisherigen Stellvertreter Nureddin Nebati ausgetauscht.

"Zinsen sind ein Übel, das die Reichen reicher und die Armen ärmer macht", hatte Erdogan zuletzt wieder gesagt. Ökonomen sind größtenteils dagegen der Auffassung, dass die Zinsen angesichts der hohen Inflation steigen müssen. Dann würde die Währung auch wieder attraktiver für Anleger.

Quelle: ntv.de, ddi

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