Wirtschaft

Gleiches Bett, andere Träume Mittelständler werden chinesisch

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Der Roboterhersteller Kuka gehört mehrheitlich dem chinesischen Midea-Konzern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Deutsche Familienbetriebe in Finanznöten wie der Anlagenbauer Eisenmann aus Böblingen suchen oft Hilfe bei ausländischen Investoren. Ob den Geldgebern die Zukunft der Firma wirklich am Herzen liegt, ist meistens kaum vorherzusagen.

Immer wenn ein deutsches Familienunternehmen einen Investor aus dem Ausland ins Boot holt, wird die Nachbarschaft ganz besonders aufmerksam. "Der Unternehmer will in seinem Heimatort auch weiterhin samstags auf den Markt gehen und den Leuten in die Augen schauen können", sagt Matthias Bruse, Rechtsanwalt in München und Gründungspartner der Kanzlei P+P Pöllath+Partners, der seit 30 Jahren mit Fusionen und Übernahmen zu tun hat. "Den Unternehmer beschäftigt die Frage, ob dem Investor die Zukunft der Firma wirklich am Herzen liegt, oder ob er sich den Wolf im Schafspelz in Haus holt."

Die Chefetage des Anlagenbauers Eisenmann aus Böblingen in Baden-Württemberg befindet sich derzeit genau in diesem Prozess. Dem Hersteller von Lackieranlagen bleibt wenig Spielraum, die drohende Pleite abzuwenden, seit er im Sommer Insolvenz angemeldet hat. Das Unternehmen muss schnellstmöglich ein Geldgeber gefunden werden. Alles deutet darauf hin, dass es ein chinesischer Investor wird, nämlich der deutsche Arm des Staatsunternehmens Sinomach, einem Maschinenbauer mit 180.000 Mitarbeitern.

Das Münchner Ifo-Institut fand heraus, dass chinesische Investoren gerne zu größeren Firmen greifen, die eine höhere Verschuldungsquote aufweisen und deren durchschnittliche Profitabilität zum Zeitpunkt der Übernahme fast null beträgt. Der Vorteil dieser Käufe ist, dass solche Firmen zu vergleichsweise günstigen Preisen zu haben sind. Bieterkämpfe, die den Kaufpreis weiter nach oben treiben, sind sehr unwahrscheinlich. Investoren aus anderen Ländern bevorzugen laut Ifo kleinere Unternehmen, die Profit machen und wenig Schulden in ihren Bilanzen verzeichnen.

Ob sich für Eisenmann darin der Wolf im Schafspelz versteckt, werden die Schwaben kaum zu 100 Prozent vorsehen können. In einer günstigen Verhandlungsposition befindet sich das Management nicht. Bis vor ein paar Jahren konnten die betroffenen Firmen zwar eher davon ausgehen, dass die neuen Besitzer aus China kein großes Interesse daran haben, alles umzukrempeln. Mit ihren Geldspritzen sicherten die Chinesen das Überleben der angeschlagenen Firmen und verschafften sich gleichzeitig Zugang zu deutscher Technologie und neuen Vertriebswegen, hielten sich aber weitgehend zurück.

Deutsche Firmen im Visier

Doch längst haben auch die Chinesen damit begonnen, ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen und den Kurs vorzugeben. Die Zeiten sind vorbei, als die Chinesen lediglich Interesse an  Technologietransfer hatten.  "Das Beispiel des Roboterherstellers Kuka zeigt, dass Chinesen immer mehr Mitsprache in Anspruch nehmen", sagt Rechtsanwalt Bruse. Dessen Übernahme durch einen Konzern aus der Volksrepublik im Jahr 2016 schürte regelrechte Ängste, Chinesen würden den deutschen Mittelstand und dessen Know-how komplett aufkaufen. Als Konsequenz verschärfte die Bundesregierung Ende vergangenen Jahres die Außenwirtschaftsverordnung, die ihr jetzt mehr Mitsprache verschafft, wenn deutsches Know-how ins Ausland verkauft werden soll.

Derweil gehören deutsche Firmen zu den sehr beliebten Übernahmekandidaten der Welt. Überraschend ist das nicht. Denn wer technologisch etwas zu bieten hat, zieht das Interesse auf sich.

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) stellt seit 2013 einen Zuwachs an ausländischem Interesse für deutsche Unternehmen fest. Die Bank untersuchte über 14.000 vollständige und anteilige Übernahmen sowie Fusionen, bei denen deutsche Unternehmen mit bis zu 500 Millionen Euro Umsatz im Jahr das Ziel der Investoren waren. Der durchschnittliche Anteil ausländischer Interessenten betrug zwischen 2005 und 2017 42 Prozent. "Bisher haben die inländischen Käufer dominiert. Seit 2013 haben jedoch die Aktivitäten ausländischer Investoren deutlich zugelegt", resümiert die KfW.

Die meisten ausländischen Käufer für deutsche Mittelständler stammen aus Europa: nämlich jeder vierte. Aus den USA sind es immerhin noch acht Prozent, aber aus China lediglich zwei. Der chinesische Appetit auf Zukäufe von deutschen Firmen ließ in jüngster Zeit sogar deutlich nach. Das Beratungsunternehmen Ernest & Young zählte für das erste Halbjahr 2019 nur noch elf Zukäufe oder Beteiligungen im Wert von insgesamt 500 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2016 waren es mehr als 300 Transaktionen mit chinesischer Beteiligung.

Das liegt auch daran, dass die kulturellen Differenzen zwischen Deutschland und China so groß sind, dass sich viele Unternehmer scheuen, die nötige Energie aufzubringen, um sie überbrücken. Während die Deutschen gerne eine langfristige Strategie entwickeln und diese verfolgen, sträuben sich viele chinesische Unternehmer, länger als zwei Jahre oder drei Jahre voraus zu denken. Sie treffen viele grundsätzliche Entscheidungen lieber erst dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Das drückt nicht nur das sinkende Volumen chinesischer Investitionen in deutsche Firmen aus, auch auf dem umgekehrten Weg ist man vorsichtig geworden. Immer weniger deutsche Firmen suchen sich in China einen Partner, um mit ihm ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen. Zunehmend gegen ehemalige Partner sogar wieder getrennte Wege.

Teure Reue

Patrick Heid, Partner und Leiter der Shanghai-Repräsentanz der deutschen Anwaltskanzlei GvW Graf von Westphalen, registriert "zwei- bis dreimal" mehr deutsch-chinesische Unternehmenstrennungen als neue Zusammenschlüsse, die sein Team juristisch begleitet. "Das Investitionsklima in China der Nulljahre ist nicht mehr das gleiche wie im heutigen China. Deswegen funktionieren viele Gemeinschaftsunternehmen nicht mehr so wie damals", sagt Heid. Mehr Ausländer versuchen sich heute lieber auf eigene Faust in China.

Tong chuan yi meng, sagen die Chinesen. Man liegt im gleichen Bett, hat aber verschiedene Träume. Es ist ärgerlich, nachträglich festzustellen, dass die Träume des Partners andere sind als die eigenen. Die Trennung kostet viel Zeit und Geld. Gerade nachdem 2008 die weltweite Finanzkrise einschlug, gingen viele deutsche Unternehmen voreilig Partnerschaften ein, in der Hoffnung das Patentrezept gegen sinkende Nachfrage gefunden zu haben. Bei vielen folgte Jahre später die kostspielige Reue. Dem Böblinger Anlagenbauer Eisenmann bleibt in seiner jetzigen Situation dagegen wenig anderes übrig, als den chinesischen Traum zu leben.

Quelle: ntv.de