Wirtschaft

Hohes Wachstum und Probleme Ökonomen warnen vor "explosivem Mix"

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Ein Bild, das viele Händler begrüßen würden: eine volle Fußgängerzone in München.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Wirtschaftseinbruch bleibt historisch - auch wenn er etwas weniger brutal ausfiel als zunächst angenommen. Vor allem der Außenhandel und der private Konsum brachen ein. Ökonomen rechen mit einem starken Wachstum. Allerdings warnen sie auch: Die strukturellen Probleme sind nicht weg.

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal etwas weniger als bislang berechnet eingebrochen, hat aber nach wie vor im Zuge der Corona-Pandemie einen historischen Absturz erlitten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im Vergleich zum ersten Quartal 2020 um 9,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. In einer ersten Berechnung Ende Juli hatte das Minus sogar bei 10,1 Prozent gelegen.

Auch im Vergleich zum Vorjahr verzeichnete die Wirtschaft einen historischen Einbruch. Das BIP lag im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum preisbereinigt 11,3 Prozent niedriger. Der Wirtschaftsabsturz war damit stärker als in der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009.

Rückgänge gab es dabei praktisch auf allen Ebenen - besonders schwer betroffen, sind der private Konsum und der Außenhandel. So sanken die privaten Konsumausgaben im zweiten Quartal im Vergleich zu den ersten drei Monaten des Jahres um 10,9 Prozent. Die Bauinvestitionen verringerten sich um 4,2 Prozent. Die Ausrüstungsinvestitionen sackten um fast ein Fünftel ab. Die Ausfuhren brachen um mehr als ein Fünftel ein, die Einfuhren sanken um 16 Prozent.

Im verarbeitenden Gewerbe lag die reale Bruttowertschöpfung um 20,8 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresquartals, wogegen die Bauproduktion auf Jahressicht um 1,6 Prozent anzog. Die Wertschöpfung im Handel, Verkehr und Gastgewerbe ging um 12,9 Prozent zurück und der Ausstoß der Unternehmensdienstleister um 16,0 Prozent. Die Produktion der sonstigen Dienstleister sank um 19,9 Prozent. Stabilisierend wirkten laut der Statistikbehörde nur die Konsumausgaben des Staates, die um 1,5 Prozent höher waren als im Vorquartal. Sie hätten einen "noch stärkeren Rückgang" des BIP verhindert.

"Anstieg mit Rekordcharakter"

"Im laufenden Quartal dürfte nun ein Anstieg folgen, der ebenfalls Rekordcharakter hat", sagte Sebastian Dullien vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Allerdings werde die Wirtschaftsleistung noch längere Zeit unter dem Vorkrisenniveau bleiben.

Carsten Brezeski von der ING kann den Daten immerhin als positiven Aspekt abgewinnen, "dass sie einen letzten Blick in den Rückspiegel gewähren. Mit Blick auf die Zukunft braucht es keinen Raketenwissenschaftler, um vorherzusagen, dass die Wirtschaft im dritten Quartal eines der besten Ergebnisse aller Zeiten erzielen wird." Der Indikator für die Kilometerleistung der Lkw-Maut habe kürzlich sogar wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Zudem dürfte die Mehrwertsteuersenkung dem privaten Konsum einen weiteren Schub gegeben haben. "Gleichzeitig kommen aber auch die strukturellen Auswirkungen der Krise zum Vorschein", sagte er weiter

Für Thomas Gitzel von der VP Bank schlägt die Stunde Stunde der Wahrheit dann in den Herbst- und Wintermonaten. "Die Reaktivierung der ausgesetzten Insolvenzantragspflicht könnte im Herbst zu einer Pleitewelle führen. Daneben werden die negativen Folgen des Strukturwandels in der Fahrzeugbranche immer offensichtlicher." Und vergessen werde dürfe darüber hinaus nicht, "dass auch die Handelspartner Deutschlands noch nicht auf den Beinen sind." Unter dem Strich stehe Deutschland "über den Jahreswechsel ein explosiver Mix aus Nachwirkungen der Corona-Pandemie und strukturellen Umbrüchen bevor". Ohne weitere staatliche Hilfen werde es wohl nicht gehen.

Quelle: ntv.de, hek/AFP/DJ/rts