Wirtschaft

"Erwarte das Unerwartete" Rally, Crash: Wie wird das Börsenjahr 2021?

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Bulle oder Bär? Wer hat das Sagen im Börsenjahr 2021?

(Foto: picture alliance / dpa)

2020 ist ein extrem volatiles Börsenjahr gewesen - die Coronavirus-Pandemie lässt die Kurse zunächst einbrechen. Zum Ende des Jahres folgt eine rasante Erholung in ganz neue Höhen. Aber wie sieht es 2021 aus? Experten sagen, wohin die Reise gehen könnte, nennen Risiken und sagen, welche Branchen und Aktien Chancen bieten.

Über Langeweile können sich Anleger 2020 nicht beklagen: Zunächst lässt die Coronavirus-Pandemie die Kurse im März crashen. Es geht schnell und deutlich abwärts. Doch zum Ende des Jahres übertraf der Dax knapp das bisherige Rekordhoch vom 17. Februar 2020. Während der Weihnachtspause lösten sich zwei Konflikte: Zum einen gab es nach langem Ringen einen Brexit-Deal, zum anderen hat US-Präsident Donald Trump ein 900 Milliarden US-Dollar schweres Corona-Konjunkturpaket doch noch in Kraft gesetzt. Der Impfstart in vielen europäischen Ländern sorgte außerdem für weiteren Optimismus. Alles also halb so wild?

"2020 war eines der anspruchsvollsten Börsenjahre überhaupt", sagt Carsten Riehemann, Gründungspartner der Vermögensverwaltung Albrecht, Kitta und Co. "Das liegt vor allem an den zum Teil extremen Ausschlägen nach unten und oben gleichermaßen: Im ersten Quartal haben die Aktienmärkte gecrasht, in einer noch die dagewesenen Heftigkeit", blickt der Marktexperte zurück. "Darauf folgte eine ebenso beeindruckende Rally, die in den USA sogar in neuen Allzeithochs gipfelte. So konnte der Dow etwa im November erstmals die 30.000-Punkte-Marke knacken. Und auch der Dax hat sein Vorjahresniveau fast wieder erreicht", betont Riehemann.

"Unknown unknowns"

" Das Börsenjahr 2020 hat die Grenzen des Prognostizierbaren aufgezeigt", bilanziert Marco Herrmann, Geschäftsführer der Fiduka Depotverwaltung. "'Unknown unknowns' nannte Ex-US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld so etwas: Dinge, von denen man nicht weiß, dass man sie nicht weiß. Dinge, die man nicht auf der Agenda hatte, auf die man nicht vorbereitet ist und die man daher auch nicht einschätzen kann - wie eben in diesem Jahr die Coronavirus-Pandemie", führt Herrmann aus. Die Entwicklung an den weltweiten Finanzmärkten und Börsen hat seiner Meinung aber auch eines verdeutlicht: "Wenn Probleme auftauchen, versuchen die Noten- und Zentralbanken sie mit Geld zuzuschütten und so aus der Welt zu räumen."

"Die Europäische Zentralbank und auch die US-Notenbank Federal Reserve haben in diesem Jahr dafür gesorgt, dass es an den Aktienindizes, auch beim Dax, zu einer V-förmigen Erholung gekommen ist", sagt auch Benjamin Feingold von Feingold Research. Der Finanzmarktexperte sieht darin aber auch eine Gefahr: "Die Anleger haben damit die Erholung der Wirtschaft vorweggenommen. Sie ist zum größten Teil nun in den Kursen bereits eingepreist", so Feingold. "Der Start ins neue Börsenjahr könnte daher etwas holprig ausfallen."

Startschwierigkeiten 2021

Das sieht auch Fiduka-Geschäftsführer Herrmann so: "Der Januar dürfte noch durchwachsen verlaufen, auch aufgrund des zweiten Lockdowns in der Corona-Krise hierzulande", sagt Herrmann. Er rechnet zum Jahresstart mit eher "zurückhaltenden Anlegern, die schauen, wie sich die ganze Impfstoff-Thematik" weiter entwickelt. Herrmann ist sich sicher: "Die Impfstoff-Rally haben wir bereits gesehen."

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Optimistischer zeigt sich Herrmann für die Monate danach: "Ab dem zweiten Quartal rechne ich mit einer positiven Grundstimmung an den Märkten und weiter steigenden Kursen. Dann wird sich das Augenmerk der Anleger mehr und mehr auf die Konjunktur richten - und da sieht es gut aus", unterstreicht der Fiduka-Chef. So prognostiziert beispielsweise der Internationale Währungsfonds (IWF) für Europa 2021 eine Wachstumsrate von 4,7 Prozent. "Es dürften auch noch einmal staatliche Hilfsgelder dann fließen", erwartet Herrmann.

Billiges Geld

Für Vermögensverwalter Riehemann ist dagegen klar: "Die Voraussetzungen für einen guten Start ins Börsenjahr 2021 sind durchaus gegeben: Es gibt Impfstoffe gegen Corona. Damit geht auch die Hoffnung einher, dass wir in einem halben, dreiviertel Jahr die Pandemie vielleicht sogar zum Großteil im Griff haben könnten", blickt Riehemann voraus. "Dazu kommen die enormen Geldsummen, die die Zentral- und Notenbanken auch 2021 in den Markt pumpen werden."

"Das Geld der Noten- und Zentralbanken wird weiter fließen", ist sich Finanzmarktexperte Feingold, der insgesamt ein "positives, erfolgreiches Börsenjahr 2021" erwartet, sicher. "Dazu werden die Märkte auch von sogenannten Basiseffekten profitieren: Die Unternehmen dürften ihre 2020 erzielten Umsatz- und Gewinnzahlen, die von der Corona-Krise meist negativ beeinflusst und gedrückt worden sind, 2021 in der Regel übertreffen", erklärt er. "Die entscheidende Frage dabei ist: Ob sie die bereits optimistischen Erwartungen des Marktes schlagen können."

Risiken für die Kursentwicklung

Zu hohe Erwartungen schätzt Feingold als einen Risikofaktor für die Märkte ein: "Hohe Erwartungen bieten auch Enttäuschungspotenzial", führt er aus. "Auch die Geldpolitik der Noten- und Zentralbanken könnte sich als Gefahr für die Aktienmärkte herausstellen - dann, wenn die EZB oder die Fed etwa ihre Anleihenkäufe verringert, die derzeit die Aktienmärkte stützen. Würden die Summen verringert, hätten die Märkte ein Problem", unterstreicht Feingold, der davon aber nicht ausgeht.

Fiduka-Geschäftsführer Herrmann hält das ebenfalls für unwahrscheinlich. "Nur kurzfristig" dürfte ein harter Brexit eine Rolle spielen, sagt Herrmann, der auch wie Feingold dazu rät, das Thema Inflation "auf dem Zettel" zu haben. "Am Aktienmarkt sollte es aber keine Rolle spielen, eher schon bei den Anleihen."

Herrmann führt allerdings eine möglicherweise 2021 eintretende Insolvenzwelle als Risikofaktor für die Märkte an: "Wenn die Wirtschaft Fahrt aufnimmt, schraubt der Staat seine Hilfen zurück und den Firmen kann das Geld ausgehen." Er erklärt: "Ein Unternehmen hat derzeit all seine Mitarbeiter in Kurzarbeit und entschließt, sich nun aber neu aufzustellen und entlässt ein Drittel der Belegschaft. Sobald die Kündigungen ausgesprochen sind, fällt das Kurzarbeitergeld weg und dann kann sehr schnell die Zahlungsunfähigkeit drohen." Herrmann unterstreicht: "Steigende Insolvenzzahlen können den Arbeitsmarkt belasten, die Banken, und für eine schlechte Stimmung in der Wirtschaft, der Gesellschaft und auch an den Börsen sorgen."

"Erwarte das Unerwartete", sagt Vermögensverwalter Riehemann zum Thema Risiko für die Aktienmärkte. "Wenn die Corona-Impfstoffe bislang unbekannte Nebenwirkungen zeigen, könnte die Pandemie nochmals Fahrt aufnehmen" erklärt er. "Auch die sich unter einem US-Präsidenten Joe Biden abzeichnende Entspannung im Handelsstreit mit China könnte sich nur als verbale Abrüstung entpuppen. Die schlimmsten Befürchtungen beim Brexit könnten noch übertroffen werden - drei Risikofaktoren, die für eine pessimistischere Stimmung, Desinvestments und damit fallende Kurse an den Börsen sorgen könnten."

Zykliker in aller Munde

Riehemann zufolge sollten Anleger diese Szenarien im Hinterkopf haben. Treten diese Störfaktoren aber nicht ein und läuft die Konjunktur normal, dürften zunächst die Zykliker davon profitieren", sagt er, rät Anlegern aber auch, die "2020 gut gelaufenen Sektoren IT, Telekom, Onlinehandel und Biotechnologie" im Auge zu behalten: "Sie bleiben weiter gefragt."

Ähnlich sieht es auch Feingold Research: "Die Corona-Gewinner aus 2020 sehe ich 2021 nicht unbedingt ganz vorn bei den Gewinnern. Der Homeoffice-Trend wird etwas nachlassen, wird abflauen. Die Menschen wollen nicht nur via Videokonferenz miteinander kommunizieren, sondern sich wieder direkt treffen", erklärt er, sagt aber auch: "Andererseits gehe ich davon aus, dass die großen Tech- und Online-Player, wie etwa Microsoft oder Amazon auch 2021 wieder zu den Top-Performern zählen werden, eine Zoom dagegen eher nicht."

Fiduka-Geschäftsführer Herrmann pflichtet bei: "Die Bewertungen von Zoom oder auch Tesla sind in meinen Augen überzogen, völlig gaga. Eine Microsoft ist zwar nicht mehr billig, aber da sehe ich dennoch Kurspotenzial", erläutert Herrmann. Auch er räumt Zyklikern gute Performance-Chancen ein, relativiert jedoch: "Wenn Zykliker, dann eher Richtung Halbleiterindustrie sowie Automation, Robotik und Hochtechnologie."

Vorsicht ist laut Herrmann bei Banken geboten: "Preisdruck, mehr Konkurrenz durch Fintechs, Investitionsdruck in die Digitalisierung - das sorgt nicht unbedingt für eine optimistische Grundstimmung." Nach Herrmanns Ansicht wird 2021 das Thema Klimawandel weiter stark im Vordergrund stehen: "Klimawandel ist eine riesige Baustelle mit einem gigantischen Investitionsbedarf, das weckt Kursfantasien."

Herrmann blickt wie Riehemann und Feingold optimistisch auf das kommende Börsenjahr, geht ebenso wie seine Finanzmarktkollegen davon aus, dass es ein "gutes Börsenjahr" werden kann. Er rät aber zu einem längerfristigen Anlagehorizont: "Wer in Aktien einsteigt, sollte nie auf den nächsten Tag oder die nächste Woche schauen, sondern etwas Geduld mitbringen und sich an einem Rat Andre Kostolanys orientieren: 'An der Börse verdient man das Geld mit dem Hintern.' Anders ausgedrückt: Wenn man die Zeit mitbringt, hat man auch vernünftige Renditen am Aktienmarkt." Beherzigt man als Anleger diese Börsenweisheit, sind laut Feingold Research beim Dax 2021 "über das Jahr betrachtet gut zehn bis 15 Prozent Performance drin".

Quelle: ntv.de

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