Wirtschaft

Hohe Rente zu hohem PreisRettet ein Atommüll-Fonds unsere Rente nach schwedischem Vorbild?

23.06.2026, 18:32 Uhr
imageVon Max Borowski
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Anders als beim deutschen Rentensystem sind in Schweden auch sinkende Renten möglich. (Foto: picture alliance / PantherMedia)

Das schwedische Modell kann Experten zufolge helfen, die gesetzliche Rente in Deutschland langfristig zu stabilisieren. Der Preis ist allerdings hoch, und ein Risiko gibt es auch.

Es wäre ein echter Paradigmenwechsel für Deutschlands Rentensystem: Nach den Vorstellungen der Rentenkommission, die Bundeskanzler Friedrich Merz gerne vollständig umsetzen möchte, soll die gesetzliche Rente eine kapitalgedeckte Komponente bekommen. Vorbild dafür ist die sogenannte Prämienrente, die Schweden in den 1990 Jahren eingeführt hat. Wie unterscheidet sich das von unserem bisherigen System? Wie würde es sich auf die Beiträge und Rentenhöhe auswirken? Wer soll das Kapital verwalten und vor allem: Ist das sicher? Ein Überblick über die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie läuft es bisher?

Bisher beruht die gesetzliche Rente in Deutschland vollständig auf dem Umlageverfahren: Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) nimmt Geld von gesetzlich versicherten Beschäftigten ein und zahlt es direkt an die Rentnerinnen und Rentner aus. Zusätzlich bekommt die Rentenkasse mehr als 100 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt überwiesen, um Rentenanteile auszuzahlen, für die keine Beiträge eingezahlt wurden - für Erziehungszeiten beispielsweise. Wer für seine Altersvorsorge den Kapitalmarkt nutzen möchte, kann das auf freiwilliger Basis zusätzlich zur gesetzlichen Rente tun. Der Staat gewährt dafür Zuschüsse, bisher vor allem im Rahmen der sogenannten Riesterrente. Nächstes Jahr kommt dafür ein neues staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot.

Was ist das schwedische Modell?

Der Beitragssatz für die staatliche schwedische Altersrente beträgt 18,5 Prozent des Bruttogehalts. Etwa 11 Prozent entfallen auf die Arbeitgeber, rund 6,5 Prozent auf die Arbeitnehmer. Der Großteil dieser Einnahmen fließt wie in Deutschland im Umlageverfahren direkt an die derzeitigen Rentner. Ein kleinerer Teil - 2,5 der 18,5 Prozent - werden am Kapitalmarkt angelegt. Dabei können die Versicherten unter mehreren Hundert zugelassenen Fonds auswählen, was aber fast niemand macht. Die meisten nutzen die voreingestellte Standardoption, einen staatlich verwalteten Fonds namens AP7 Såfa. Dieser besteht aus einem Aktien- und einem Rentenfonds, der in festverzinsliche Wertpapiere investiert. Je näher der Renteneintritt eines Versicherten rückt, desto mehr seines angesparten Kapitals wird von dem Aktien- in den weniger schwankungsanfälligen Rentenfonds umgeschichtet.

Wie läuft der AP7 Såfa?

Nach eigenen Angaben hat der Fonds seit seiner Auflage im Jahr 2020 eine jährliche Rendite von elf Prozent erzielt. Die Verwaltungskosten sind mit 0,17 Prozent bemerkenswert niedrig, insbesondere im Vergleich zu den meist hohen Kosten der deutschen Riesterrenten. Derzeit macht die Prämienrente gut fünf Prozent der staatlichen Rentenzahlungen aus. Geplant ist, dass dieser Anteil bis 2040 auf rund 20 Prozent steigt. Damit trägt dieser kapitalgedeckte Teil der Rente signifikant zur Altersversorgung bei. Das Umlagesystem sowie die in Schweden weitverbreitete betriebliche Altersversorgung spielen aber weiterhin die Hauptrolle.

Welche Risiken gibt es?

Im Durchschnitt hat der AP7 in den vergangenen Jahrzehnten eine beeindruckende Rendite für die Versicherten erzielt. Aber die Anlage am Aktien- und auch am Anleihemarkt ist großen Schwankungen unterworfen. Außerdem ist ein kleiner Teil der Investitionen "gehebelt". Das heißt, der Fonds hat sich zusätzlich Geld geliehen, um die Rendite zu erhöhen, wobei aber auch das Risiko steigt. Deswegen haben die schwedischen Rentner in einzelnen Jahren auch Verluste hinnehmen müssen. Dazu kommt, dass auch die Höhe des umlagefinanzierten Rententeils nicht garantiert ist. So kam es dazu, dass etwa infolge der globalen Finanzkrise die staatlichen Rentenauszahlungen zeitweise sanken.

Was genau soll nun in Deutschland kommen?

Aktuell liegt der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung bei 18,6 Prozent des Bruttogehalts, eine erhebliche Steigerung auf über 20 Prozent Anfang 2028 ist bereits absehbar. Die von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission schlägt vor, den Beitragssatz um zusätzlich zwei Prozent zu erhöhen, zur Hälfte jeweils von Arbeitnehmer und Arbeitgeber getragen. Dieser Betrag soll nach dem schwedischen Vorbild am Kapitalmarkt angelegt werden.

Was soll das bringen?

Experten zufolge soll so die gesetzliche Rente langfristig trotz des demografischen Wandels stabilisiert werden. Einer Beispielrechnung des Ökonomen und Wirtschaftsweisen Martin Werding zufolge, aus der das "Handelsblatt" zitiert, könnte bei einer angenommenen Rendite von fünf Prozent pro Jahr das Rentenniveau langfristig sogar wieder auf über 50 Prozent steigen. Ohne Reformen würde das Niveau demnach bis 2080 auf nur noch 38 Prozent absinken. Eine Garantie für eine genaue Rentenhöhe gibt es am Kapitalmarkt allerdings nicht, kurzfristige Schwankungen sind normal, wie das schwedische Beispiel zeigt.

Der Preis für die Stabilisierung des Rentenniveaus ist, ob mit oder ohne Kapitaldeckung, ein erheblicher zusätzlicher Anstieg der Beitragsbelastung. Nach Ansicht der Befürworter ist das nicht nur notwendig, sondern zum Vorteil besonders von Menschen mit geringem Einkommen. Denn diese investieren bislang in der Regel nicht am Aktienmarkt und profitieren daher nicht von den hohen Renditen dort. Allerdings bietet auch die gesetzliche Rente mit dem jetzigen Umlageverfahren Renditen von bis zu vier Prozent, wobei vor allem Frauen und Mütter von der Anrechnung beitragsfreier Zeiten profitieren. Laut Berechnungen des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung gilt das auch für jüngere Jahrgänge. Das heißt, eine entsprechende Beitragssteigerung würde auch ohne Kapitaldeckung das Rentenniveau erhöhen, ohne das Risiko und die Schwankungen des Aktienmarktes.

Wer soll das Geld verwalten?

Über die Jahre werden gewaltige Summen zusammenkommen. Der schwedische Fonds AP7 Såfa verwaltet inzwischen umgerechnet mehr als 150 Milliarden Euro. Im viel größeren Deutschland dürfte innerhalb weniger Jahre deutlich mehr angespart werden. Als möglicher Verwalter eines Standardportfolios kommt Deutschlands Staatsfonds Kenfo infrage. Der Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung wurde 2017 gegründet und von den Betreibern der ehemaligen Kernkraftwerke in Deutschland mit insgesamt gut 24 Milliarden Euro Stiftungskapital ausgestattet. Mit dem Geld, beziehungsweise mit den Erträgen aus der Anlage dieses Kapitals, sollen die Kosten für die Zwischen- und die Endlagerung des Atommülls bezahlt werden. Die Ampelkoalition hatte den Kenfo auserkoren, das zwischenzeitlich geplante Generationenkapital für die Rentenversicherung zu verwalten. Mit dem Scheitern der Koalition ist dieser Plan allerdings vom Tisch. Stattdessen ist der Fonds als Verwalter eines Pendants zum AP7 Såfa im Gespräch. Kenfo-Chefin Anja Mikus ist als Befürworterin des schwedischen Rentenmodells bekannt.

Quelle: ntv.de

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