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Traum? Albtraum! Roboterautos sind zum Scheitern verdammt

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Google testet seine Selbstfahrtechnik an einem dafür umgebauten Lexus.

(Foto: picture alliance / dpa)

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Elektromobilität und autonomes Fahren sind die beiden automobilen Themen der näheren Zukunft. Die klassischen Autokonzerne investieren Milliarden, IT-Riesen ebenfalls. Doch all diese Milliarden könnten sich als rausgeworfenes Geld erweisen.

"Recht haben und recht bekommen ist zweierlei!" Diese Volksweisheit hat all jene schier in die Verzweiflung getrieben, die sich bislang in der Öffentlichkeit unbeirrt und vehement gegen autonomes Fahren und Roboterautos ausgesprochen haben. Und die die selbstfahrenden Roboterautos à la Google für eine automobile Perversion halten. Weil dabei plötzlich der Kellner zum Koch wird. Und Autos nicht mehr von einem richtigen Fahrer, selbstbestimmt nach dessen eigenem Willen und Können, sondern von Computern oder im Endstadium von Künstlicher Intelligenz gesteuert werden.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre als Chefvolkswirt bei BMW tätig und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Dennoch wird in Deutschland lautstark die Einführung des umweltschädlichen und sündhaft teuren 5G-Mikrowellen-Netzstandards gefordert, weil ohne dieses Netz autonomes Fahren in der notwendigen Echtzeit-Datenverarbeitung nicht möglich ist. Und das bei maximal 2 Millionen Fahrzeugen Inlandsabsatz Made in Germany, während die restlichen 14 Millionen Autos aus deutschen Fabriken im Ausland ohne solche Netze fahren können/müssen? Aus ökonomischer Sicht rausgeworfenes Geld für eine Technologie, die die Menschheit außerhalb von Fabriktoren und Sonderanwendungen so wenig braucht wie ehemals die Concorde oder die zwanzigste Sorte Senf. Und die nach Meinung von Gesundheitsexperten vermutlich sogar erheblich schadet.

Trügerische Sicherheit

Wie pflegt ein Freund zu einem solchen widersinnigen Verhalten von Politik und Autoindustrie in Sachen Roboterautos stets zu sagen: "Oh Herr, schmeiß Hirn ...!" Denn das wäre dringend notwendig. Inzwischen zeigt sich immer deutlicher, dass der Traum von Google und Co vom fahrerlosen Auto so nicht zu verwirklichen ist. Roboterautos sollen das Fahren angeblich sicherer machen. Das Gegenteil ist der Fall!

Die technischen Schwierigkeiten, den Menschen am Volant teilweise oder vollständig in seiner sensorischen Komplexität durch GPS, Ultraschall, Kameras, Laser oder Radar zu ersetzen, erweist sich mit zunehmenden Unfallzahlen selbst bei simplen US-amerikanischen Verkehrsverhältnissen als Illusion. Was in Folge dazu führt, dass die Zulassungsbehörden selbst in den USA aus guten Gründen den Roboterautos die Fahrerlaubnis verweigern. Und Tesla & Co auf leisen Pneus den Rückzug antreten. Nur die deutschen Premium-Hersteller als Erfinder des Automobils nicht - verrückte Welt. Im Gegenteil, die wollen sogar in Kooperation in diese Technik-Sackgasse brausen!

Die Schwächen der Roboterautos von heute und in der Zukunft stellen sich, auf eine Kurzformel gebracht, wie folgt dar:

  • ihre Erkennungstechnik funktioniert selbst in meteorologischen Schönwettergebieten nicht fehlerfrei; starker Regen, Nebel, Schneefall, wie in unseren Breiten nicht ganz unüblich, lässt sie vollends "erblinden";
  • Glatteis sowie unbekannte Objekte auf der Straße (Kartons, Handwerkerutensilien et cetera) werden nicht erkannt;
  • sie sind bei engen Straßen, vielen Fußgängern und Zebrastreifen sowie anderen Hindernissen am Straßenrand überfordert;
  • strikte Geschwindigkeitsbegrenzung wie auf US-Highways sind unabdingbar; bei uns also vor allem auf Bundesautobahnen Tempo 130. Selbst das wäre nach Aussagen von Experten bereits eine grenzwertige Höchstgeschwindigkeit.

Mensch statt Maschine

Es sind hauptsächlich zwei gewichtige Gründe, die den Traum vom selbstfahrenden Auto bei den IT-Konzernen jäh platzen ließen:

  • Zum einen, wie dargelegt, ist der Autoroboter unfähig - und wird es bleiben -, die kognitiven Fähigkeiten des Menschen als autofahrendes Individuum in seiner Gesamtheit abzubilden. Dafür müsste der genormte Mensch als Autofahrer her; in Shenzhen in China arbeitet man daran.
  • Zum anderen die unausrottbaren Mängel in Qualität und Zuverlässigkeit der Automobiltechnik, Elektronik und IT.

Wer je in der Autoindustrie gearbeitet hat, weiß aus eigener Erfahrung: eine automobile Null-Fehler-Qualität gibt es nicht - und wird es auch nie geben. Auch wenn ein Roboterauto sinnvollerweise keinen Airbag braucht, die jährlichen millionenfachen Automobilrückrufe wegen Qualitäts- und technischer Sicherheitsmängel legen Zeugnis von der Unverlässlichkeit der Technik ab.  Nach Berechnungen des CAM (Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach) wurden 2017 allein auf dem Referenzmarkt USA über 25,5 Millionen Pkw wegen Sicherheitsproblemen zurückgerufen (2016: 51,1 Millionen). Und in Deutschland hat das Kraftfahrzeugbundesamt nach jüngsten Meldungen 2018 wegen Sicherheitsmängeln 3,7 Millionen Autos in die Werkstätten zurückbeordert. Mehr Rückrufe als Neuzulassungen!

Und da sollen Roboterautos sicherer sein? Wo zu den üblichen Fehlerquellen in der mechanischen Automobiltechnik noch Fehler in der Steuer-Elektronik, Sensorik et cetera hinzukommen? Wer das glaubt, wird selig - und zwar schneller, als ihm lieb ist!  Eine 100-prozentige Fehlerfreiheit bei technischen Geräten gibt es nicht. Das weiß jeder. Von daher sind all jene tollkühnen Menschen zu bewundern, die sich in Zukunft nach Meinung der Erfinder Drohnen als innerstädtischem Transportmittel zur Stauumgehung anvertrauen sollen.

Absolute Sicherheit ist eine Utopie

Und die Moral von der Geschicht'? Ein sicheres Auto gibt es nicht! Selbstfahrende Autos erlauben weder unfallfreies Fahren noch erhöhen sie den Fahrkomfort. Der Straßenverkehr wird unsicherer, weil das Korrektiv eines Autolenkers ausbleibt. Es geht ja nicht nur um die eigene Sicherheit, sondern auch um die der anderen. Und der Komfort nimmt ab, nicht zu! Denn anders als bei den heutigen Normal-Autos muss der unentwegt auf höchstem Niveau wachsam und händisch zum Eingriff bereit sein. Von wegen dösen, telefonieren oder mit der Beifahrerin flirten! Ohne Hände am Steuer bleibt das Auto im Grenzfall mitten auf der Straße stehen, der Verkehr bricht zusammen.

Die vielgepriesene Verkehrssicherheit wird mit Roboterautos also eher vermindert, solange die stinknormale Automobiltechnik unausrottbare Qualitätsmängel haben wird. Und solange die hochkomplizierte, aber unabdingbare Sensor- und Steuertechnik im Autoroboter zum einen störanfällig, zum anderen aufgrund der Straßen-und Wetterverhältnisse "blind" ist. Hinzu kommt als Voraussetzung, dass zur Verarbeitung einer unglaublich hohen Geschwindigkeit und eines Datenvolumens in Echtzeit milliardenschwere Investitionen in die Netzwerk-Infrastruktur zum Aufbau des 5G Netzes notwendig sind.

Die Politik wäre schlecht beraten, dieses Geld nicht in alternative (Verkehrs-)Projekte mit höherem volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ertrag zu investieren - wie in den Ausbau und die Sanierung des Straßen- und des maroden Schienennetzes. Sie sollte der Lobby nicht nachgeben! Die Autoindustrie wäre wiederum gut beraten, ihre Kooperations-Milliarden lieber in die Entwicklung noch sauberer Verbrennungsmotoren und synthetischer Treibstoffe zu stecken.

Quelle: n-tv.de

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