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Big Bang im Ridesharing? Sammeltaxi-App Moia startet in Hamburg

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Der städtische Verkehr der Zukunft bringt massive Veränderungen mit sich - weniger und kleinere Autos und mehr gemeinsames Fahren sind das Ziel. Bei den großen Autobauern haben Mobilitätskonzepte deshalb Hochkonjunktur. Nach ersten Erfahrungen in Hannover will die VW-Tochter Moia ab diesem Montag nun mit 100 elektrischen Mini-Bussen den Markt in Hamburg testen.

Mit Moia plant VW nicht weniger als den ganz großen Wurf im Ridesharing-Geschäft. Es ist das größte solcher Projekte in Europa. Autofahrer sollen umsteigen und sich ein Sammeltaxi mit denjenigen teilen, die in eine ähnliche Richtung fahren.

Ziel ist es, durch das "Pooling" von Menschen den Individualverkehr zu reduzieren und dabei Straßen und Umwelt zu entlasten. Bis Jahresende sind 500 Moia-Busse auf den Hamburger Straßen geplant, sie sollen einen Großteil des Stadtgebietes nördlich der Elbe abdecken. 400 Fahrer sind bereits fest angestellt, bis 2020 sollen es 1600 sein. Ihr Grund-Stundenlohn wird zwölf Euro betragen.

Praktisch basiert das Ridesharing-Konzept auf einem "dynamischen Pooling-Algorithmus", der Routen berechnet, auf denen Fahrgäste mit ähnlichem Ziel ein- und aussteigen können. Dazu hat Moia mehrere tausend virtuelle Haltepunkte im Stadtgebiet festgelegt, in Hannover sind sie den Angaben zufolge in der Regel nie weiter als 250 Meter vom Kunden entfernt.

Wie beim Carsharing ist das Herz des Dienstes eine Handy-App. Startpunkt und Wunschziel werden eingetippt, kurz darauf meldet die Software, wann und wo das Zwischending zwischen Taxi und Bus ankommen wird. Ein Punkt auf einer Stadtkarte zeigt an, wie sich das Fahrzeug nähert. Fahrgäste bezahlen per App. Sechs bis sieben Euro soll eine Fahrt im Schnitt kosten, also deutlich weniger als eine Fahrt mit dem Taxi.

Weg vom Verbrenner, hin zum E-Mobil

Hop-On, Hop-Off: Man kennt das Prinzip von Stadtrundfahrten mit Bussen, die Dauerschleifen entlang der Sehenswürdigkeiten großer Metropolen drehen. In den dichtbevölkerten Regionen der Welt wie Asien, Afrika oder Lateinamerika sind Sammeltaxis seit langem fester Bestandteil im Straßenbild. Sie heißen Buschtaxi oder Matatu in Afrika, Colectivo in Südamerika, Marschrutka in Russland und Dolmus in der Türkei. Auch das schnell wachsende China hat das Transportmittel für sich entdeckt. Wesentlicher Unterschied ist, dass bei Moia eine App ständig wechselnde Routen plant, je nachdem, wo die Fahrgäste gerade stehen.

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In Hannover kurvt VWs Shuttle-Service bereits seit Ende 2017 durch die Stadt. 160 Fahrer sind im Einsatz, allerdings noch mit T6-Diesel-Bullis. In Hamburg vollzieht das Startup erstmals die Wende vom Old-School-Verbrennungsmotor hin zum E-Mobil. Eigens für Moia wurde ein Elektroauto auf Basis des Transporters Crafter entwickelt. Gebaut wird er in Osnabrück.

In den Fahrzeugen gibt es Platz für sechs Fahrgäste und Gepäck. Wlan, Ladesteckdosen und Bildschirme sind selbstverständlich. Die Reichweite mit einer Batterieladung von 87 Kilowattstunden beträgt 300 Kilometer. Die Akkus sollen an Schnellladesäulen innerhalb einer halben Stunde zu 80 Prozent aufladbar sein.

Dabei sieht sich Moia nicht als Konkurrenz zu Bussen und Bahnen, sondern arbeitet in Hamburg mit dem öffentlichen Personen-Nahverkehr zusammen. So soll das Sammeltaxi-Angebot bis Ende des Jahres in die "Switchh"-App der Hochbahn integriert werden, die Dienste unterschiedlicher Mobilitätsanbieter in Hamburg bündelt.

Clever-Shuttle, Allygator, Berlkönig

Auf dem deutschen Markt tummeln sich bereits zahlreiche Anbieter. Im Unterschied zum Uber-Taxi oder Carsharing lohnen sich Sammeltaxis vor allem in großen Metropolen. In Berlin gibt es neben Clever-Shuttle, an dem die Deutsche Bahn und Daimler die Mehrheit halten, noch Allygator, einen Dienst des ADAC. Daneben drängt die Bahn-Tochter Ioki in der Hauptstadt mit selbstfahrenden Minibussen auf den Markt. Und BVG und Daimler sind dort mit einem Service namens Berlkönig am Start.

Auch Hamburg hat bereits mehrere Mobilitäts-Projekte vorzuweisen. Trotz wachsender Konkurrenz gibt man sich bei Moia zuversichtlich. Rund 300 Millionen Euro soll VW bereits in das Projekt gesteckt haben. Es gibt aber auch skeptische Stimmen. Ungewiss ist zum Beispiel, ob eingefleischte Autofahrer tatsächlich bereit sind, längere Fahrzeiten in Kauf zu nehmen, wenn der Shuttle kleine Umwege fährt und Fahrgäste auf der Route ein- und aussteigen. Denn das kostet Zeit.

Möglicherweise ist genau das der Grund, warum sich die Wut der Taxifahrer über Moia in Grenzen hält, obwohl die Fahrten im Schnitt 60 Prozent günstiger sind. Ob das Berliner Startup die gewünschte Zahl an Fahrgästen finden werde, sei fraglich, sagte ein Sprecher von Hansa-Taxi dem "Handelsblatt".

Immer mehr Konkurrenz für Taxis

Nicht jeder in der Taxibranche steht den Veränderungen jedoch so gelassen gegenüber. Fakt ist: Auf dem Mobilitätsmarkt herrscht harter Verdrängungswettbewerb. Am Mittwoch rief die Taxi-Innung ihre Mitglieder deshalb bundesweit zu Protesten auf. Konkret richtete sich Aktion gegen die geplante Liberalisierung des Fahrdienst-Marktes. Befürchtet wird, dass Angebote wie Berlkönig oder Moia - ähnlich wie früher der US-Fahrdienstanbieter Uber - den klassischen Taxibetrieben Kunden wegschnappen könnte.

Zurückdrehen lässt sich die Uhr jedoch nicht. Moia ist im Getriebe von Volkswagen zwar nur ein kleines, dafür aber wichtiges Rädchen. Denn der Konzern will sich mit dem Startup seinen Platz auf dem Zukunftsmarkt sichern. Taxis wie Verbrennungsmotoren haben ihre besten Zeiten hinter sich. Richtig große E-Projekte haben die Wolfsburger noch bei den Töchtern Porsche und Audi in der Pipeline.

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Quelle: n-tv.de

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