Wirtschaft
Zu den Details der laut Kraftfahrtbundesamt "unzulässigen" Abschalteinrichtungen schweigt Daimler-Chef Dieter Zetsche.
Zu den Details der laut Kraftfahrtbundesamt "unzulässigen" Abschalteinrichtungen schweigt Daimler-Chef Dieter Zetsche.(Foto: picture alliance/dpa)
Dienstag, 12. Juni 2018

"Wir haben nie betrogen": Sind Daimlers Diesel-Tricks illegal?

Von Hannes Vogel

Der Rückruf von 774.000 Mercedes-Dieseln mit "unzulässigen Abschalteinrichtungen" erschüttert Dieter Zetsches Glaubwürdigkeit. Fragen nach den Motor-Programmen beantwortet der Daimler-Chef mit ohrenbetäubendem Schweigen.

Als der Abgas-Betrug bei Volkswagen vor mehr als zwei Jahren aufflog, hatte Daimler-Chef Dieter Zetsche eine klare Botschaft an Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre des Stuttgarter Autoriesen: "Zum Thema Diesel kann ich mich kurz fassen", versicherte Zetsche im November 2015 auf dem Tag der Automobilwirtschaft in Nürtingen. "Wir haben bei Daimler nie betrügerische Software eingesetzt und werden das auch nicht tun."

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Nicht nur Verkehrsminister Andreas Scheuer, der Daimler gestern zum Rückruf von 774.000 Diesel-Autos verdonnerte, und die Staatsanwaltschaft Stuttgart, die seit März 2017 gegen den Konzern ermittelt, haben daran große Zweifel. Selbst die eigenen Beschäftigten setzen sich nun von Zetsche ab. "Die Belegschaft ist sich nicht mehr sicher, ob sie den Erklärungen, dass es bei Daimler keine Defeat Devices gibt, noch länger glauben kann", sagte der Betriebsratschef des Untertürkheimer Daimler-Werkes, Wolfgang Nieke, der "Stuttgarter Zeitung".

Dass in hunderttausenden Daimler-Dieseln Motorsoftware verbaut ist, die die Abgasreinigung herunterregelt und den Stickoxid-Ausstoß explodieren lässt, ist unstrittig. Die Frage ist nur, ob diese Steuerung verboten ist oder nicht. Anders als VW wehrt sich Daimler gegen die Vorwürfe des Kraftfahrtbundesamtes (KBA), die Motorprogramme seien illegal. Der Konzern setzt den Rückruf zwar zähneknirschend um, hat aber angekündigt, notfalls gerichtlich klären zu lassen, ob die Funktionen zulässig sind oder nicht.

Mercedes nach 20 Minuten im Dreckmodus

Bis heute bleibt mehr als vage, was genau die Behörden an der Motorsteuerung des Vito-Transporters, des C-Klasse-Modells 220d und des Geländewagens GLC 220d überhaupt beanstanden. Daimler erklärt dazu lediglich, die Funktionen seien "Teil eines komplexen Abgasreinigungssystems, das eine robuste Abgasreinigung bei unterschiedlichen Fahrbedingungen und über die Nutzungsdauer eines Fahrzeugs sicherstellen soll". Für das Bestehen der Abgastests auf dem Prüfstand seien die Programme "nicht erforderlich" - und damit mutmaßlich nicht illegal. Ansonsten mauert der Konzern.

Auch Verkehrsminister Scheuer hat zu den konkreten Vorwürfen nur ein äußerst dürres Statement abgegeben. Darin vermeidet der Verkehrsminister tunlichst das Wort illegal und spricht lieber von "unzulässigen" Abschalteinrichtungen. Dafür versichert er umso nachdrücklicher, dass Daimler versprochen habe, die "beanstandeten Applikationen in der Motorsteuerung" mit Hochdruck abzuarbeiten.

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Im Nebel der offiziellen Verlautbarungen werden allerdings dennoch Hinweise sichtbar, die für den Stuttgarter Konzern nichts Gutes ahnen lassen. Laut der einschlägigen EU-Abgasverordnung ist eine Abschalteinrichtung nur ausnahmsweise erlaubt, wenn sie "notwendig ist, um den Motor vor Beschädigung oder Unfall zu schützen und um den sicheren Betrieb des Fahrzeugs zu gewährleisten".

Der "Bild"-Zeitung zufolge soll das KBA fünf "unzulässige" Software-Funktionen in den Daimler-Dieseln gefunden haben. Eine schaltet sich angeblich ein, sobald der Motor 17,6 Gramm Stickoxide in die Luft gepustet hat. Eine andere aktiviert sich laut dem Bericht exakt 20 Minuten nach dem Motorstart und regelt dann die Abgasreinigung herunter. Auf Anfrage der "Bild"-Zeitung wollte sich Daimler nicht dazu äußern, was das mit dem Motorschutz zu tun haben soll.

"Slipguard" und "Bit 13" auch in Deutschland?

Die Vermutung liegt nahe, dass es dem Konzern womöglich um die Verkaufsförderung seiner Diesel ging. Deren Stickoxid-Ausstoß verringert Mercedes wie die meisten anderen Hersteller mit Adblue. Die harnstoffhaltige Lösung wird in den Katalysator gespritzt und verwandelt die gefährlichen Abgase in ungefährliches Wasser und Stickstoff. Mercedes könnte die Adblue-Einspritzung über die vom KBA beanstandeten Motor-Programme heruntergeregelt haben, um das lästige Nachfüllen der Harnstoff-Tanks möglichst lange hinauszuzögern und seine Diesel-Autos mit höherer Reichweite für Kunden attraktiver zu machen.

Erkenntnisse aus geheimen US-Ermittlungsakten nähren zudem den Verdacht, dass Daimler mit dem Motor-Tuning auch Testverfahren umgehen wollte. Denn einige Programme, die das KBA laut dem "Bild"-Bericht beanstanden soll, weisen womöglich Ähnlichkeiten mit fragwürdiger Software auf, die auch Behörden in den USA bei den Daimler-Dieseln als fragwürdig eingestuft haben sollen.

Im Februar berichtete die "Bild"-Zeitung über mehrere Programme, die mutmaßlich nur entwickelt worden seien, um die US-Abgastests auszutricksen. Eine Funktion namens "Bit 13" schalte den Motor nach dem Ausstoß von 16 Gramm Stickoxid in den dreckigen Modus - der Länge des Highway-Testzyklus. Die Software "Bit 15" sei so programmiert, dass sie die Abgasreinigung nach 26 Kilometern herunterregelt - der doppelten Länge eines anderen Testverfahrens für Emissionsgrenzwerte. Zudem sollen die US-Ermittler eine Funktion namens "Slipguard" entdeckt haben, die anhand von Geschwindigkeit und Beschleunigung erkennt, ob das Fahrzeug auf einen Prüfstand steht und die Adblue-Dosierung beeinflussen kann.

In Mails sollen Daimler-Ingenieure laut "Bild"-Zeitung selbst daran gezweifelt haben, dass die Programme legal sind. Intern soll der Konzern sie damit begründet haben, dass die Diesel sonst nicht das angegebene Wartungsintervall von 10.000 Meilen erreicht hätten. Häufiges Nachfüllen der Harnstoff-Tanks wäre nicht gerade ein Verkaufsargument für die Autos gewesen. Welche Absichten Daimler mit der Software wirklich verfolgte, lässt sich abschließend erst klären, sollte der Konzern wirklich gegen den Rückruf seiner Diesel klagen - oder die Staatsanwälte in Stuttgart Anklage erheben.

Quelle: n-tv.de